Ein Nachkriegsleben

Rainer Waterkamp (*31. Oktober 1935 in Brandenburg/Havel) ist ein deutscher Politologe, Referatsleiter und Autor verschiedener politischer Veröffentlichungen sowie mehrerer Reisebücher und Reportagen zu touristischen Themen.

 

Kindheit, Schulzeit und Studium

 

Der in Brandenburg/Havel als Sohn eines Arbeiters geborene Rainer Waterkamp erlebt das Kriegsende mit den alliierten Bomberangriffen (am 20. April 1945 wird er verschüttet und überlebt mit viel Glück) sowie dem Einmarsch der sowjetischen Armee.

Rainer Waterkamp geht in Brandenburg/Havel zur Schule, zieht zu seinen Eltern nach Hennigsdorf bei Berlin, nimmt Kontakt zum Schulamt in Westberlin auf, geht zunächst auf eine sprachwissenschaftliche Oberschule in Berlin-Reinickendorf und beendet seinen Schulbesuch an der 6. OWZ in Berlin-Schöneberg mit Ablegung des Abiturs. Er beginnt im Oktober 1955 ein Geschichtsstudium und im März 1956 zusätzlich ein Studium an der Deutschen Hochschule für Politik, das spätere Otto-Suhr-Institut an der Freien Universität. Ihm Jahre 1959 volontiert er mehrere Monate bei der Nederlandsche Radio Unie in Hilversum in verschiedenen Reportage-Abteilungen. Sein Studium beendet er 1960 s mit dem Erwerb des akademischen Grades als Diplom-Politologe.

 

Wirken bis 1977

Nach dem Studium wird er für zwei Semester Wissenschaftlicher Hilfsassistent von Professor Dr. Gerhard Oestreich (1910-1978) am Lehrstuhl zur Geschichte der politischen Theorien des Otto-Suhr-Instituts in Berlin und beginnt danach durch Vermittlung von Dietrich Spangenberg (1922-1990), dem späteren Staatssekretär beim Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen, als Redakteur beim Gesamtdeutschen Referat des Verbandes Deutscher Studentenschaften (später Zentralstelle für gesamtdeutsche Hochschulfragen), wo er für die Zeitschrift »Hochschulinformationen« verantwortlich ist.

Nachdem sich eine Anstellung als Pressereferent beim Berliner Senator für Wirtschaft und Kredit, Professor Dr. Karl Schiller (1911-1994), wegen eines Einspruchs des damals von Skandalen umwitterten Berliner Landesamtes für Verfassungsschutz zerschlagen hat, geht er nach Westdeutschland. Als stellvertretender Pressechef beim Presseamt der Stadt Kiel redigiert er ab 1964 städtische Publikationen, verwaltet das Bildarchiv, fertigt Redeentwürfe und ist für die Pressearbeit zu nichtsportlichen Ereignissen während der Kieler Woche zuständig. Sein Vorschlag, für das Kulturprogramm die Beatles zur Kieler Woche einzuladen, wird entrüstet abgelehnt. Ein Jahr später kann ein Auftritt dieser mittlerweile berühmten Gruppe von der Stadtverwaltung nicht mehr finanziert werden.

Bei der Staatlichen Pressestelle der Freien und Hansestadt Hamburg, in die er auf Vermittlung von Erich Ernst Lüth (1902-1989) gelangt, baut er  als verantwortlicher Redakteur einen internen Nachrichtendienst zur Unterrichtung über politische Ereignisse für den Ersten Bürgermeister auf und betreut Journalisten von Presse und Rundfunk unter anderem während des Staatsbesuchs der britischen Königin Elizabeth II. am 28. Mai 1965. In diese Zeit fällt der Rücktritt von Paul Nevermann (1902-1979) aufgrund eines aufgebauschten Skandals durch die »Bild-Zeitung« sowie der Amtsantritt von Herbert Weichmann als seinem Nachfolger.

Das Jahr 1965 führt ihn wieder nach Berlin, wo er noch seinen ersten Wohnsitz hat. Zunächst arbeitet er als Wissenschaftlicher Assistent am Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung an der Freien Universität bei Professor Dr. Peter Christian Ludz (1931-1979), der in seiner Habilitations-Schrift »Parteielite im Wandel« [1]. die DDR als eine moderne und von sozialem Wandel geprägte Industriegesellschaft beschreibt, deren politisches System sich vom autoritären zum »konsultativen Autoritarismus« entwickle.

Waterkamp folgt dem industriegesellschaftlichen Ansatz insoweit, als die »Führungselite sowohl in der Bundesrepublik Deutschland wie in der DDR gleichermaßen unter dem Druck ökonomischer und technologischer Zwänge« stünden und »gleichen Erwartungen der Bevölkerung ausgesetzt« seien [2]. Doch prognostiziert er, dass es in der DDR dabei »zu Spannungen zwischen zwei Zielen: der Bewahrung des Führungsanspruchs der Partei und dem Aufbau einer fortschrittlichen industriellen Gesellschaft« komme [3].. Er vertritt mit der Systemtheorie die These, die etablierte Führungsgruppe der DDR sei weder bereit noch in der Lage, ihren Führungsanspruch aufzugeben [4]. Es sei eine generelle Eigenschaft aller sozialen Systeme, umfähig zu sein, ihre eigene Identität in Frage zu stellen [5].

Nachdem Waterkamp 1966 vorübergehend am Europa-Haus Berlin als Studienleiter die überwiegend internationalen Informations- und Studientagungen vorbereitet und geleitet und dabei auch an einer Tagung in Paris teilgenommen hat, das von der Geschäftsführerin des Bildungswerks Europäische Politik, Dr. Katharina Focke (1922-2016) geleitet wird, verlegt er ab 1967 seinen Wohn- und Arbeitssitz endgültig in das Bundesgebiet. Zunächst ist er im Rahmen eines Werkvertrages für den Chef der Hessischen Staatskanzlei, Staatssekretär Willi Birkelbach (1913-2008) tätig und entwickelt u.a. ein Konzept für eine langfristige publizistische Planungsarbeit der Landesregierung [6] Anschließend wird er als Referent in die Planungsabteilung der Hessischen Staatskanzlei übernommen. Hier wird der »Große Hessenplan« erarbeitet, der die Wirkung eines Kabinettsbeschluss der Landesregierung hat und somit zu einem Bestandteil des Regierungsprogramms für die folgenden Jahre wird [7]. Ausgerechnet die später enttarnte Christel Guillaume (1927-2004), die Personalratsvorsitzende und Büroleiterin von Staatssekretär Birkelbach war, fungiert auch als seine Sekretärin.

Im Jahr 1969 kommt es anläßlich einer Veröffentlichung von Rainer Waterkamp (»Sind die Verhältnisse in Westberlin stabil?«) zu Kontroversen mit Joachim Nawrocki (1934-2013), Wirtschaftskorrespondent für Die Zeit, und dem umstrittenen Berliner Innen-Senator Kurt Neubauer (1922-2012) [8]. Bereits Ende der 1960er Jahre erscheinen Bücher zur Konfliktforschung und Friedensplanung sowie zur Zukunftsplanung (Futurologie)  [8a].

Ende 1969 treten der Hessische Ministerpräsidenten Dr. Zinn (1901-1976) und Staatssekretär Birkelbach von ihren Ämtern zurück, Birkelbach wird erster Datenschutzbeauftragter des Landes Hessen. Waterkamp wechselt zum gleichen Zeitpunkt nach Bonn und wird Nachfolger von Geert Müller-Gerbes (1937-2020), der von der IBM-Presseabteilung als Pressereferent zu Bundespräsident Gustav Heinemann geht. Als Pressesprecher des multinationalen Konzerns in der Außenstelle in Bonn und zugleich Leitender Beauftragter für Unternehmensverbindungen, im September 1969 neu errichtet, hat Waterkamp die Unternehmensleitung über relevante industriepolitische und gesetzgeberische Vorhaben der Bundesregierung zu unterrichten. Seine Aufgabe ist es zudem, Kontakte zu Politikern und wichtigen Ministerialbeamten zu vermitteln, die Planungsgremien der IBM-Deutschland in Sindelfingen zu beraten und Planungsvorhaben mit der IBM-Europa in Paris abzustimmen. Im Jahr 1970 bricht das  Management der IBM World Trade Corporation in New York das Finanzierungsprojekt »Computer and Privacy« für die Interparlamentarische Arbeitsgemeinschaft (IPA) als »zu heikel« ab - zeitgleich mit der Absage des mit der Stadt Hannover am 7.2.1970 geschlossenen Vertrages zum Bau eines neuen Fertigungswerkes auf der Pferderennbahn in Laatzen bei Hannover [9]  

Der bisherige Leiter des IBM-Verbindungsbüros, Werner Gerdes, verlässt aus Protest gegen die Absage des Projekts »Computer and Privacy« den multinationalen Konzern IBM und geht zur deutschen Computer-Firma Nixdorf. Waterkamp erarbeitet in Abstimmung mit der IBM-Europa in Paris als Alternative einen »Fonds für Umweltschutz-Studien« mit der IPA, in den die IBM 8,1 Millionen DM einzahlt [10].

Waterkamp nimmt 1971 das Angebot von Professor Dr. Thomas E. Ellwein (1927-1998) an und geht 1971 als Leiter der Arbeitsgruppe Information und Kommunikation an das Wissenschaftliche Institut für Erziehung und Bildung in den Streitkräften (seit 2013 Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam) nach München. Hier führt er wissenschaftsorganisatorische Untersuchungen für ein funktionierendes Kommunikations- und Koordinationswesen zwischen den verschiedenen Arbeitsgruppen des Instituts durch und baut ein Informationssystem für Innovationsentscheidungen der Institutsleitung auf. Außerdem arbeitet er an der Konzeption für eine längerfristige publizistische Planungsarbeit des Instituts und an der Entwicklung eines Curriculums der Fachrichtung Wirtschafts- und Organisationswissenschaften für die neu zu errichtenden Hochschulen der Bundeswehr mit. Ausgegangen wird dabei von dem Gutachten der Kommission zur Neuordnung der Ausbildung und Bildung in der Bundeswehr über die künftige Organisation und die Inhalte der Aus- und Fortbildung von Offizieren, Unteroffizieren und länger dienenden Mannschaften vom Mai 1971. Die Vorarbeiten für die Verwirklichung dieser Vorschläge beginnen im Herbst 1971 [11]. Neben diesen Arbeiten ist es seine Aufgabe, die einzelnen Schritte zwischen dem Münchner Institut und dem Führungsstab der Streitkräfte (FüS I 5) im Bundesministerium der Verteidigung zu koordinieren. Im Jahr 1974 geht Ellwein als Präsident der neu geschaffenen Hochschule der Bundeswehr nach Hamburg. 

Zum gleichen Zeitpunkt kehrt Waterkamp von der Wissenschaft wieder in die Staatsverwaltung zurück und beginnt als Leiter des Referats I2  im Planungsstab der Niedersächsischen Staatskanzlei von Ministerpräsident Alfred Kubel (1909-1999). Neben Vorlagen für das Staatsministerium (Kabinett) in Fragen der Gesundheit und des Sozialwesens im Planungsstab der Staatskanzlei gehört zu seinen Aufgaben die Organisation von Klausurtagungen mit Vertretern der Landtagsfraktionen und die Geschäftsführung für den Kreis der Planungsbeauftragten der Ressorts. Zudem ist er zuständig für den Erfahrungsaustausch mit dem Bund und den anderen Ländern in Angelegenheiten der ressortübergreifenden Planung. 

Die Nachfoigeregelung des ausscheidenden bisherigen Ministerpräsidenten Alfred Kubel (1909-1999) im Jahre 1976 erfolgt dilettantisch. Der eigentlich vorgesehene bisherige Finanzminister Helmut Kasimier (1926-2013) scheitert an einer Gegenstimme aus dem eigenen sozialliberalen Lager, auch der neu aufgestellte Kandidat Karl Ravens (1927-2017) kann sich nicht durchsetzen. Zum neuen Ministerpräsidenten wird überraschend Ernst Albrecht (1930-2014) von der CDU gewählt.

Veröffentlichungen

Rainer Waterkamp hat 33 politische Bücher und 88 politische Artikel veröffentlicht sowie 32 Reisebücher und über 100 Reise-Reportagen publiziert.

 

Persönliches

Aus den politischen Debatten hält er sich seit der Jahrtausendwende heraus. Politische Beiträge in Form von Büchern und Artikeln erscheinen seitdem nicht mehr, dafür wendet er sich verstärkt der reisejournalistischen Tätigkeit zu.

Waterkamp war verheiratet mit der in Lissabon geborenen Portugiesin Maria José Nuñes Correia Waterkamp (gestorben 2011).

Hochzeit in Lissabon vor dem Mosteiro dos Jerónimo de Belém

Einzelnachweise

 

1. Peter Christian Ludz, Parteielite im Wandel. Funktionsaufbau, Sozialstruktur und Ideologie der SED-Führung. Eine empirisch-systematische Untersuchung (Schriften des Instituts für Politische Wissenschaft, 21), Köln 1968.

2.. Rainer Waterkamp, Das zentralstaatliche Planungssystem der DDR, Berlin 1983, S. 6

3. Rainer Waterkamp, Herrschaftssystem und Industriegesellschaft, BRD-DDR, Stuttgart 1972, S. 53

4. Rainer Waterkamp, Herrschaftssysteme und Industriegesellschaft, S. 7

5. Rainer Waterkamp, Politische Leitung und Systemveränderung, Köln/Frankfurt 1974, S. 34

6"Umstrittene Öffentlichkeitsarbeit", in Darmstädter Echo vom 06.03.1968: "Der Chef der Staatskanzlei ist, lapidar ausgedrückt, mit der Pressepolitik, mit dem Informationswesen der Landesregierung nicht recht zufrieden. Davon hat er in der Öffentlichkeit zwar kein Wort gesagt, aber vielleicht hat er es sagen lassen? Wenn auch das nicht zutrifft, so bleibt doch ein Beachtung fordernder Artikel in der Januar-Ausgabe des „Monat" zu registrieren, den der junge Politologe Waterkamp, von Birkelbach eigens zur Unterstützung der langfristigen publizistischen Arbeit staatlicher Stellen nach Wiesbaden geholt, geschrieben hat".

7. "Da auch das Baseler Prognos-Institut das Projekt günstig beurteilte und u.a. Niedersachsen dazu aufforderte, einen ähnlichen Niedersachsenplan zu erarbeiten, gewann man die Gewissheit, etwas bahnbrechend Neues präsentiert zu haben" (Willi Birkelbach und Luise M. Dressler: Fazit. Gelebt-Bewegt, Marburg 2000, S. 252)

8. "Sind die Verhältnisse in West-Berlin stabil?", in: Deutschland-Archiv, Heft 6/1963, S. 588ff, siehe Joachim Nawrocki: "Die Einäugigkeit der Berlinkritiker oder: Wie man mit Koffern in Berlin 10 Milliarden produziert", in: Deutschland-Archiv, Heft 6/1969, S. 591 und Kurt Neubauer: "Alte Vorurteile aufgefrischt", in: Deutschland-Archiv, Heft 10/1969, S. 1045ff

8a Grundlagen und Methoden der Zukunftsforschung, hrsg.v. Karlheinz Steinmüller, Sekretariat für Zukunftsforschung, Gelsenkirchen 1997, S.15:  "Der politikwissenschaftliche Zuggang (ist) eher planungspraktisch orientiert und (setzt) den Schwerpunkt auf politisches und Verwaltungshandeln (Waterkamp 1970)".

9.  Stadtarchiv Hannover, Stadtchronik von den Anfängen bis 1988; siehe Der Spiegel, Nr. 39, 1981

10. Die Zeit vom 09.10.1970: "Zweck der IBM-Millionen und Aufgabe des Fonds ist es, die Gesetzesinitiative des Parlaments auf dem Gebiet der Umweltsünden zu fordern. Der Bonner IBM-Sprecher Waterkamp: 'IBM ist überzeugt, dass es auch Aufgabe der Industrie ist, sich an der Lösung der Umweltprobleme praktisch zu beteiligen. Die Wirtschaft hat über das Profitinteresse hinaus auch die Aufgabe, ein gesamtgesellschaftliches Bewusstsein zu dokumentieren'."

11. Neuordnung der Ausbildung und Bildung in der Bundeswehr.  Gutachten der Bildungskommission an den Bundesminister der Verteidigung, Bonn 1971, S. 13.

 

 

© Rainer Waterkamp


 

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