Südafrika

Meine Reisen

23. Oktober 1992 - 8. November 1992 (Johannesburg - Kapstadt)

10. September 1993 - 25. September 1993 (Der Norden und Lesotho)

28. Oktober 1994 - 26. November 1994 (Die Nationalparks)

16. März 1998 - 5. April 1998 (Kapstadt - Johannesburg mit Wohnmobil)

Literatur

Südafrika. Wohnmobilführer, Motorbuch-Verlag, Stuttgart 1998 –ISBN: 3-613-01775-X

Südafrika, Bucher, München 2005 –ISBN: 3-7658-1516-0

South Africa, Paradise at the Continent’s End, Bucher, München 2006 –ISBN: 978-3-7658-1516-0

Auf Safari in Südafrika

 Im afrikanischen Busch –unwirklich und faszinierend – ist Europa nahe. Unterkünfte wie die Lodges in den privaten Reservaten des Krüger Parks oder in Phinda und Itala sind die schönsten Kaschierungen einer Sehnsucht nach Europa, die an der Südspitze dieses Kontinents schon immer sehr ausgeprägt gewesen sein muss.

Die luxuriös umgebauten Unterkünfte in der Weingegend der Kapregion beispielsweise, im Schatten von Flamboyantes. Jacarandas und Palmfarnen, inmitten von bunten Blütenmeeren aus Hibiskus, Blutlilien und Azaleen erbaut, haben unverkennbar europäischen Charakter. Sie sind im viktorianischen oder kapholländischen Stil eingerichtet, mit großen Kaminen, dicken Teppichböden, schweren Vorhängen, mächtigen Sofas und goldenen Tapeten ausgestattet. An den Wänden hängen Stiche von Fuchsjagden und Londoner Postkutschen, zum Dinner wird klassische Musik gespielt, und wenn dann ein aufmerksamer (natürlich noch immer schwarzhäutiger) Kellner auf einem silbernen Tablett den Portwein serviert, glaubt man, die britisch-burische südafrikanische Union sei niemals untergegangen.

 

Unterwegs im Blyde Rivierspoort Nationalpark
Auf der Panoramaroute im Blyde Rivierspoort Nature Reserve halten wir an „Gottes Fenster". God's Window bietet nicht nur die atemraubendste Sicht, sondern war darüber hinaus auch Schauplatz des Kultfilms "Die Götter müssen verrückt sein". Aus großer Höhe genießen wir bei klarem Wetter einen herrlichen Blick über den Canyon nach Norden, das Lowveld und den Krüger National Park im Osten sowie die bewaldeten Berge im Westen. Gewaltige Felswände erheben sich beiderseits der Schlucht, öffnen sich unerwartet zu einem atemberaubenden Blick in die Ebene, die sich in der Ferne verliert. Die nördlichen Drakensberge brechen hier abrupt ab. Wir stoppen auf der Panoramaroute an ausgewaschenen Basaltschluchten, die das Wasser in Jahrmillionen geschaffen hat, oder an drei Felskegeln, hoch über einem See, die wie drei gigantische afrikanische Hütten (Rondavels) aussehen, um dann abends doch nicht in solchen Behausungen, sondern in der komfortablen Ferienanlage Blydepoort zu rasten. Von dort aus genießen wir den Untergang der Sonne, der sich mit enormer Geschwindigkeit vollzieht. Die Wolken tragen noch eine Weile rote Bäuche, dann leuchtet der Himmel noch eine halbe Stunde lang wie eine Feuerfront, während die Sonne bereits versunken ist. Ein leichter Wind lässt die Blätter der Bäume erzittern, und es beginnt das geheimnisvolle Wispern der afrikanischen Nacht.


Am nächsten Morgen folgen wir entspannt und ausgeruht der Panorama-Route, die vom Camp südwärts auf Straßenschleifen und Abzweigen zu Wasserfällen und spektakulären Aussichtspunkten führt. Der Tagesbeginn ist wie die Erschaffung der Welt. Sonnenstrahlen gleiten die Hänge der Schlucht entlang wie fließendes Gold. Wenige Kilometer vom Camp erreichen wir den mit Flechten bewachsenen Felsen der tiefen Schlucht des Blyde River. Lange Schatten fallen in die tiefe Schlucht und schwärzen das smaragdgrüne Wasser. Bei World’s End ragt ein Felshang wie ein Balkon über der Tiefe. Eine besonders mutige Dame setzt sich lässig an den Rand und lässt ihre hübschen Beine über dem Abhang baumeln. Am Berghang sitzend lausche ich dem Flügelschlag der Vögel und meine, zu schweben.

 

Betörende Idylle
Das Gefühl, ohne „Bodenhaftung“ zu reisen, hat man oft in Südafrika. Das Land verstört seine Besucher nicht mit einer irritierenden Fremdheit, sondern umfängt sie mit einer beruhigenden Vertrautheit. Auch deshalb ist Südafrika bei Europäern und US-Amerikanern so beliebt. Doch es ist immer noch Afrika, auch das wilde, gefährliche Afrika, denn der Löwe, der im Kruger National Park bewegungslos im Gras liegt und scheinbar apathisch die Annäherung ganzer Wagentrupps mit fotografierenden Touristen duldet, wartet nur auf die Chance zu töten, die Hyäne, die sich hinter einem Busch duckt, verschmolzen mit den Farben der Savanne, wartet nur auf den Augenblick einer Unachtsamkeit der grasenden Gazelle, und der mächtige Elefantenbulle, der mit erhobenem Rüssel aus der Herde mit Kleintieren tritt, droht unübersehbar, die Fluchtdistanz einzuhalten. Es ist eine irritierende Erfahrung, „auf Safari“ mitten in der ungezähmten Natur zu sein, aber sie dennoch nur von außen (besser: aus der Sicherheit eines Safari-Busses) zu betrachten, das Abenteuer wie ein Bühnenstück zu erleben und sich dennoch nicht der ungeheuren Faszination eines Landes entziehen zu können.


Immerhin wurde der Gedanke des Tierschutzes in Südafrika bereits 1895 durch die Unterzeichnung eines Aufrufs Präsident Krügers konkretisiert, in dem untersagt wurde, in dem Gebiet zwischen dem Crocodile River im Süden, dem Sabie River im Norden, der Drakensbergkette im Osten und der Lebombo-Bergkette im Westen wilde Tiere zu jagen und zu töten. Im Jahre 1902 wurde das Sabie Game Reserve einem Obersten Jagdaufseher unterstellt, der diesen Posten bis zu seiner Pensionierung 1946 behielt - James Stevenson-Hamilton, schottischer Gutsherr und Major der 6. Dragoon Guards, die in Südafrika eingesetzt wurden. Dieser Mann war zwar ohne Erfahrung im Schutz von bedrohten Tierarten, setzte jedoch die strikte Einhaltung der Gesetze gegen das Wildern durch. Er erhob Anklage gegen einen weißen Polizeioffizier, der ein Gnu erlegt hatte, so dass dieser zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Im Jahre 1903 standen bereits drei weiße und fünfzig schwarze Wildhüter unter seinem Befehl. Schon bald hatte er seinen Spitznamen "Skukuza" ("der Mann, der alles sauber hält"), heute der Name eines Hauptcamps im Krüger National-Park.

Mann kann viel erfahren über die wilden Tiere und ihre Verhaltensweisen in Afrika. Was Ranger George Meintjes im Hluhluwe-/Umfolozi-Wildreservat über die großen, im Bestand gefährdeten und streng geschützten Nashorn-Kolosse erzählt, ist äußerst interessant. Das Tier wird überall in Afrika wegen seines Horns gewildert. Dieses besteht nicht aus Knochen, sondern (ähnlich wie Hufe und Nägel) aus dichten Bündeln haarähnlicher Strukturen. Man unterscheidet zwei Arten von Nashörnern: das „weiße Nashorn" genannte Breitmaulnashorn und das „schwarze Nashorn" genannte Spitzmaulnashorn. Die Bezeichnung geht auf ein sprachliches Missverständnis zurück, denn die Buren nannten das Breitmaulnashorn wegen des breiten Mauls „wite", also breit. In der englischen Übersetzung wurde daraus „white", was aber weiß bedeutet. Das Spitzmaulnashorn (Black Rhino) besitzt einen fingerförmigen Greiffortsatz an der Oberlippe, mit dem es Blätter abzupft, hat nur geringe Sehkraft, aber ein ausgezeichnetes Gehör und einen guten Geruchssinn. Ein angriffslustiges Nashorn hält den Schwanz gestreckt, ein zur Flucht bereites Tier hat den Schwanz steil aufgerichtet und etwas nach vorne gebogen, es rennt mit erhobenem Kopf. Das Kalb des Spitzmaulnashorns folgt im allgemeinen seiner Mutter. Dagegen ernähren sich Breitmaulnashörner (White Rhinos) ausschließlich von Gräsern und Kräutern. Das „Weiße Nashorn" besitzt daher eine stumpfe breite Oberlippe ohne Greiffortsatz. Die Tiere sind nicht so angriffslustig wie die Spitzmaulnashörner. Wenn das Breitmaulnashorn rennt, hält es seinen Kopf nahe am Boden. Das Kalb des Breitmaulnashorns geht der Mutter in der Regel voran. – Soweit unsere kleine Einführung in die Verhaltensweise der Nashörner von Ranger Meintjes!

Am Spätnachmittag finden wir an einer Flussbiegung, vom warmen Licht der Sonne übergossen, eine Gruppe Büffel. Sowohl in offener Savanne wie in Waldgebieten kann man diese Tiere antreffen, die zu den gefährlichsten Afrikas gehören. Sie sind geradezu das Sinnbild geballter Kraft und suchen ein fruchtbares Revier in Wassernähe, wo sie nachts äsen und während der heißen Tageszeit unter einem Baum ruhen oder sich im Schlamm suhlen können. Büffel besitzen breite, nach außen gebogene Hörner, die in der Mitte fest zusammengewachsen sind und einen Wulst um die Stirn bilden. Von zehn Kämpfen mit Löwen, sagen die Experten, enden drei für sie tödlich, einer tödlich für den Löwen und sechs gehen ohne Sieger aus.

 

Das Drama um Leben und Tod
Und so ist denn auch der „kill“ der letzte Hit eines Foto-Touristen in Afrika. Wir sind sehr früh im Kgalagadi Transfrontier Park im äußersten Norden Südafrikas unterwegs, der 1999 aus dem Kalahari Park und dem angrenzenden Gemsbok National Park in Botswana entstand. Vereinzelt sehen wir das silberne Büschelblatt, den Schafhirtenbaum und den Grauen Kameldorn. In den Kameldornbäumen, die eigentlich "Giraffendorn" heißen müssten, denn "kameelperd" bedeutet in Afrikaans Giraffe, befinden sich die riesigen Nester der Siedelweber-Vögel.


Plötzlich lag der Tod in der Luft. Es war, als wir ein Rudel Löwen entdeckten und diese offenbar Witterung aufnahmen. Sie spitzten die Ohren, begannen, nach allen Seiten auszuschwärmen und ihre Positionen ein zu nehmen, wo sie verharrten wie Statuen. Jedem war klar, dass gleich etwas Dramatisches geschehen würde. Dann brach die Hölle los. Ein panischer Hufschlag, der verzweifelte Fluchtversuch einer Streifengnu-Herde, plötzlich aus allen Richtungen heranspringende Löwen, der schrille Todesschrei des Opfers, und dann sahen wir nur noch ein wirbelndes Knäuel fauchender Löwenleiber über einem getöteten Gnu, das gierig verschlungen wurde. Als sich die Löwen hinlegten, um die blutverschmierten Mäuler zu lecken, und die ersten Geier als ständig gegenwärtige Totengräber der Savanne auftauchten, herrschte Todesstille - und erst jetzt begriff jeder von uns, was er soeben erlebt hatte - es war ein Kapitel aus dem ewigen Drama um Leben und Tod.

 

Schwarzes Südafrika ohne Touristen
Entlang grasbewachsener Hügel und kleiner Siedlungen der Xhosa gelange ich zur Wild Coast. Wild und ungezähmt bestürmt der Ozean die Küste, zermahlt er die Felsen aus Sandstein zu feinem Sand, hämmert er gewaltige Tunnel und Krater in die trutzigen Klippen. Gewaltige Wellenbrecher legen dem Betrachter einen Saum weißer Schaumkronen zu Füßen, der sich an hohen Felsen bricht und auf seinem Rückzug ins Meer schillerndes Grün erkennen lässt. Wind und Wellen haben in der gezeitengeschützten Zone direkt vor der Mündung des Mpako River eine hübsche Insel gegraben. Die Xhosa bezeichneten den 20 m langen Schlund, durch den die Wellen tosen, um sich an den trutzigen Klippen zu brechen, als esiKhaleni "Ort des Klanges", denn hier pfeift häufig der Wind durch das Loch und singt sein Lied. Das natürliche Felsentor steht für ein trauriges Kapitel in der Geschichte der Xhosa. Hier hatte 1856 das Xhosa-Mädchen Nongquase die Eingebung, durch das "Hole of the Wall" kämen die Geister toter Xhosa-Krieger, um alle Weißen zurück ins Meer zu treiben, wenn das gesamte Vieh getötet und die Felder abgebrannt würden. Der Rat der Alten schenkte der jungen Frau Glauben. Eine Katastrophe gewaltigen Ausmaßes bahnte sich an, denn nach dem Massen-Exodus von 30.000 Rindern verhungerten viele Xhosa erbärmlich. Die Briten schlossen zwar daraufhin ihre Missionsstationen, doch die folgende Hungerkatastrophe kostete etwa 25.000 Menschen das Leben.


Es ist wahrscheinlich dieses, und nicht das „weiße“ Südafrika, dem - in der Sprache der Xhosa – eine Textzeile der Nationalhymne gilt: „Sikelel’ ulimo nemfuyo – Segne, oh Herr, das Land und seine Tiere“. Ich verlasse Südafrika mit gespaltenem Gefühl, beeindruckt von seinen landschaftlichen Reizen, verwirrt von seiner Vertrautheit, doch in der Ahnung, in Afrika gewesen zu sein, ohne es wirklich berührt zu haben. Die Schatten der Vergangenheit werden länger, die Zukunft hat auch hier längst begonnen. Bleiben wird die Erinnerung an ein Afrika, das mir möglicherweise erlaubte, wenigstens einen Zipfel des Geheimnisses zu erhaschen, das die Welt im „Land des Regenbogens“ birgt.