Niger

Meine Reisen

7.Januar 1983 - 5.Februar 1983 (Niger im Rahmen einer Westafrika-Rundreise)

1. Oktober 1989 - 16. Oktober 1989 (Gerewool-Fest)

Literatur

 

Entdecke die Welt, Bruckmann, München 2014, Beitrag »Gerewol - das Fest der schönen Männer«,  -ISBN: 978-3-7654-6278-9

 

Mali. Im Banne des Sahel, Pietsch-Verlag, Stuttgart 1991 –ISBN: 3-613-50139-2 (Kapitel Niger)

Expedition zum Gerewol-Fest im Niger

In Zentral-Niger, zwischen der großen Sahara-Wüste und dem Grasland, lieg eine immense Steppe, übersät mit dürren Büschen und mageren Baumgerippen. Neun Monate im Jahr fällt hier kein Tropfen Regen. Teiche trocknen aus, der Wasserspiegel der Brunnen sinkt ständig ab. Vormals grüne Viehweiden verdorren, verbrannt von einer unerbittlich herabsengenden Sonne. Die Tage sind jetzt brennend heiß, die Nächte oft klirrend kalt. Und der Harmattan, der heiße Wüstensand, fegt unbarmherzig über das Land erfüllt die flimmernde Luft mit sandigem Staub. Während der übrigen drei Monate des Jahres jedoch kehrt der Regen zurück, oft mit heftigen Gewittern. Das Gras wächst wieder, die Brunnen füllen sich langsam, die ersten Blätter an den Bäumen beginnen zu sprießen, und das Leben beginnt sich zu regen.

 

Die Bororo
In dieser harten, trostlosen Welt leben die Bororo, die weitgehend unberührt von der fortschreitenden Zivilisation ihr Leben führen. Die nomadischen Fulani nennen sie Wodaabe, »Volk der Tabus«, während der sesshafte Teil der Fulani sie als Bororo bezeichnet. Von sich selber sagen sie, dass sie »wie Vögel im Busch« leben. Alle Versuche, ihre Lebensweise zu ändern, sind bisher gescheitert.


Sie sind der Idealtyp sahelischer Hirtennomaden. Ihre hageren Gestalten in traditioneller Lederbekleidung mit Hirtenstab und oft wagenradgroßen Hüten sind eindrucksvoll. Sie leben von der Rinderzucht. Der Besitz großer Herden bedeutet für sie Reichtum und Ansehen. Doch dies tut der Sahel nicht gut; die Steppenlandschaft droht weiter überweidet zu werden. Auch in Afrika ist die romantische Verklärung dieses Lebensstils nicht identisch mit den Anforderungen und Möglichkeiten der realen Lebenswelt unserer Zeit.

Der Reisende sieht auf der Fahrt durch die eintönige Landschaft nur Tausende Kilometer Sahel. Eine unendliche Weite mit schütterem gelbem Grasbewuchs, teilweise mit rotem Lateritstaub bedeckt. In großen Abständen findet man nur wenige Rundhütten, die sich hier noch halten können, daneben kümmerliche Hirsefelder und Kürbisfelder. Gefräßige Ziegen, die den letzten sprießenden Baumbewuchs kaum hochkommen lassen, sind mitverantwortlich für die ruinöse Weidewirtschaft, die zur Bodenerosion führt.

Die Wodaabe ertragen die Entbehrungen des Nomadenlebens am Rande der Wüste ohne Klage. Sie leben im Wechsel der Jahreszeiten, verwurzelt in den Traditionen ihrer Vorfahren. Ruhelos ziehen sie als Hirten mit ihren Herden im Sahel umher, auf der Suche nach Weideplätzen für ihre Tiere. Das Begrüßungsritual ist - wie bei den Dogon in Mali - kompliziert und langwierig. "Wir grüßen dich", beginnt die Konversation ("foma"). "Hat dein Tag in Frieden begonnen?" "Bist du in Frieden aufgewacht?" "Mögen sich deine Wünsche erfüllen." "Gottes Segen mit dir." "Bist du wohlauf'?" "Hast du in Frieden geschlafen?" "Sind deine Tiere gesund?" Foma. Erst nach diesem Begrüßungsritual kommen die Wodaabe zu den eigentlichen Fragen oder Bitten.

Die Wodaabe sind stolz und schön. Ihre Haut ist wie Bronze, ihre Gestalt hochgewachsen und schlank. Die schönsten Männer der Wodaabe treten unter den kritischen Augen der Frauen zum Wettbewerb an - am Ende der Regenzeit. Völkerkundler wie die Holländerin Marion van Offelen, die zusammen mit de amerikanischen Fotografin Carol Beckwith ein bemerkenswertes Buch über die Nomaden des Niger herausbrachte, haben einige Erkenntnisse über „die letzten Afrikaner" im Sahelgebiet vermitteln können. Polygamie gehört danach zu Tradition der Wodaabe. Ein Mann kann bis zu vier Frauen haben. Die Tradition verbietet den Männern, ihre Frauen mit Namen zu rufen. Sie untersagt auch den Eltern, die Namen der beiden erstgeborenen Kinder zu nennen.


Wenn das Kind entwöhnt ist, nimmt die Frau wieder sexuelle Beziehungen zu ihrem Mann auf und bekommt ein eigene Heim (Suudu). Neben dieser Koobgal- Verbindung durch die Eltern kann ein Mann sich auch eine zweite, dritte oder vierte Frau erwählen; dies trägt Züge einer tieferen persönlichen Zuneigung (Tergal-Verbindung). Gelegenheit hierzu bietet sich während des Gerewol-Festes, denn während der Brautschau werben die jungen Männer um die Gunst der schönsten Mädchen.

 

Gerewol – das Fest der schönen Männer
Im Sahelgebiet zwischen Tahoua, Abalak und Tchin Tabaraden versammeln sich die Bororo zum Gerewol-Fest. Wir sind jetzt vier Tage unterwegs, ohne auch nur ein für uns erkennbares Zeichen des bevorstehenden Festes ausgemacht zu haben. Unruhig fiebern wir einem Ereignis entgegen, von dem wir noch nicht wissen, ob wir es erleben werden. Dann treffen wir einen Dorfältesten. Nach den üblichen Begrüßungsformeln, "Ca va?" und Erkundigungen über das Wohlergehen der Familie, den Zustand der Tiere, wagen wir die Frage nach dem Gerewol-Fest. Es werde in den kommenden Tagen stattfinden, erhalten wir zur Antwort. Mehr ist zunächst nicht herauszufinden.


Wir lagern in einem Hain in der Nähe einer moskitoverseuchten Wasserstelle, zu der die Bororo ihre Tiere führen, und beginnen mit vorsichtigen Kontaktversuchen. Bereits am folgenden Tag beobachten wir, wie eine kleine Gruppe junger Männer beginnt, sich zu schminken. Das Fest kann nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Es ist das Fest der Männer. Bei dieser Festlichkeit wetteifern die jungen Männer bei Tänzen und Wettstreiten darum, zum schönsten Mann erklärt zu werden. Stunden bringen sie damit zu, sich vor kleinen Handspiegeln zu schmücken. Mit Grimassen versuchen sie, sich gegenseitig zu übertreffen. Stundenlang dauert auch die Prozedur des Schminkens. Eine Schminkpaste aus gelbem Pulver bildet eine Art Maske, auf die weiße und rote Punkte gemalt werden. Nach langen Wanderungen während der Trockenzeit auf der Suche nach Weiden für das Vieh wird jetzt die Gelegenheit genutzt, Neuigkeiten auszutauschen, Freundschaften zu schließen und das Gerewol zu begehen. Der Haaransatz wird abrasiert, das Haar zu kunstvollen Zöpfchen geflochten. Der Kopf wird mit einem Turban umwickelt, an dem zum Schutz gegen böse Geister ein Lederamulett und eine Straußenfeder befestigt werden. Das Gesicht wird eingerahmt von messingüberzogenen Lederriemen mit Kaurischnecken; den Körper bedeckt eine kunstvoll gestickte Tunika. Als Ellbogenschmuck dienen weiße Haarbüschel aus Bocksbärten. Die Kupfer- und Messingschmuckplatten am Turban werden meist von Hausa- oder Bella-Handwerkern angefertigt. Die jungen Männer tragen einen Lederschurz, dessen Enden bis zu den Waden hinunterbaumeln, eine ärmellose Tunika sowie einen ledernen Brustbeutel und Amulette mit Spiegeln und Glasketten. Das Haupt schmückt ein mit Straußenfedern bestückter Hirtenhut. An der Seite tragen die Brautwerber ein großes Tuareg-Schwert, das in einer reich verzierten Scheide steckt.

Einige Frauen haben ihr Haar über der Stirn gebündelt, um das Gesicht länger erscheinen zu lassen. Zum traditionellen Wodaabe-Schmuck gehören auch die Gesichtstätowierungen, vor allein die Dreiecke an den Mundwinkeln. Die Frauen arbeiten in ihre Rockstickereien oft kleine Spiegel und Sicherheitsnadeln ein und befestigen an ihren Ziergürteln lederne Amulettbeutel. Die gefalteten Kopftücher werden phantasievoll mit Messingketten und Perlen versehen. Die jungen Frauen tragen dazu einen dunkelblau gefärbten Wickelrock, eine ärmellose Bluse und riesige Messing-Fußspangen. Zierhaarnadeln aus Aluminium und Messing sowie bis zu elf Ohrringe werden nur zu diesen Festen angelegt.

 

Der Ruume-Tanz

Das Fest, das wir erleben, dauert drei Tage, an zwei Abenden wird getanzt und erwählt. Der "ruume" ist der erste Kreistanz des Gerewol-Festes. "Um 'baama, um 'baama", ertönt es im Chor, herzlich willkommen. Der Zeremonienmeister steht in der Mitte des Kreises der Tänzer und singt einige Worte vor, die von den Tänzern wiederholt und variiert werden. Junge Männer mit großen Kegelhüten bilden einen Kreis um die ältesten Männer und tanzen singend, stampfend und händeklatschend um sie herum. Die älteren Männer feuern die Tanzenden an, während junge Mädchen unter Schirmen keck einher paradieren und die Tänzer taxieren. Plötzlich hört der Gesang auf, und der Tanzrhythmus wandelt sich dramatisch. Die Tänzer vollführen kurze, schnelle Sprünge. Der metallene Klang ihrer Fußringe ertönt im Takt der Füße, einem Wechsel aus heftigen und zurückhaltenden Stampfbewegungen.

Aufmerksam haben die Frauen, im Schatten der umstellenden Bäume und unter Sonnenschirmen verharrend, das festliche Treiben schweigend beobachtet. Die Mädchen lassen mit schüchternen Handbewegungen erkennen, welchen Tänzer sie für begehrenswert halten. Als die Sonne zu sinken beginnt, verschwinden nach und nach einige der Mädchen mit einem Tänzer in der Savanne. Erwählt sich eine verheiratete Frau auf diesem Wege einen neuen Mann, muss sie allerdings ihre Herde dem verlassenen Mann überlassen. Weitere Formalitäten sind nicht erforderlich. Viele neue Verbindungen scheinen bereits am ersten Abend des Gerewol-Festes zu entstehen. Das Ritual der Brautwerbung bei unverheirateten Mädchen sieht vor, dass der junge Mann den Eltern des begehrten Mädchens eine Kalebasse voll Milch bringt. Findet er bei den Eltern Gehör, holt er einige Ochsen, um sie als Brautpreis seinen Schwiegereltern zu übergeben. Wenn die Tiere geschlachtet sind, beginnt ein Fest, an dem sich der gesamte Clan beteiligt.

Die Nacht fällt wie ein Bühnenvorhang über das Land. Beiderseits des schmalen, sandigen Weges glimmen kleine Feuerstellen und flackernde Kerosinlampen auf, in deren Schein die Frauen ihre Hirsepfannkuchen backen und Männer Hammelfleisch-Spießchen grillen. Je fetter das Essen ist, umso begehrter scheint es zu sein.

 

Der Yaake-Tanz
Am Spätnachmittag des kommenden Tages versammeln sich die jungen Männer zum "yaake", einem Tanz der Schönheit und des Charisma. In kleinen Gruppen nähern sich junge Männer dem Lagerfeuer und reihen sich dort, Schulter an Schulter, in einer langen Linie auf. Auf Zehenspitzen balancierend, bewegen sie ihre Häupter, blecken die blitzenden Zähne zwischen den kohlschwarz gefärbten Lippen und versuchen durch heftiges Augenrollen das Weiß ihrer Augen leuchten zu lassen. Schönheitskriterien sind eine lange, schlanke Nase, die durch einen Schminkstrich hervorgehoben wird, blendendweiße Zähne und ein hochgewachsener, schlanker Körperbau. Bewegungslos beginnen sie einen Song zu intonieren. Ein Solist trägt zunächst leise ein Lied vor. Es wird von den anderen Sängern aufgegriffen, abgewandelt und wiederholt. Zwischen dem Gesang abrupte Pausen. Dann hebt der Song erneut an, begleitet von schwingenden Armbewegungen und langsamen Kopfbewegungen. Während des Tanzes wiederholen sie, immer leiser werdend, unermüdlich den gleichen Refrain. Andere Männer hinter ihnen antworten aus dem Kreis der Zuschauer im Chor, wie ein Echo.

 

Einige Frauen nähern sich den Tänzern, begutachten sie mit kritischen Augen und verbeugen sich in Hüfthöhe vor denjenigen Männern, die sie besonders attraktiv finden. Sie erheben sich wieder abrupt und machen nun Witze über die weniger begabten Tänzer. "Du bist nicht fit genug für solch einen Tanz", ruft ein Mädchen. "Du bist wie ein lahmer Packesel." Die Tänzer verharren regungslos. "Schau den an, der kann sich kaum auf den Füßen halten", lästert eine andere Frau über einen erschöpften Tänzer.

Nach mehreren Stunden unermüdlichen Tanzens kommt endlich der Moment, den Gewinner des Gerewol zu wählen. Die zehn Schönsten beginnen erneut zu tanzen. Sie stolzieren gemessenen Schrittes einher. rollen mit den Augäpfeln und blecken die Zähne. Fünf Minuten lang verharren sie regungslos, dann sinken sie in die Knie. Nach einigen Minuten gehen die Mädchen langsam auf ihren Favoriten zu. Die linke Hand verschämt-spielerisch an der linken Wange haltend, berühren sie den Auserwählten und ziehen ihn fort aus dem Licht des Feuers, während die Umstehenden kleine Schreie des Entzückens ausstoßen.

Am Nachmittag des dritten Tages liegt eine eigenartige Melancholie über allein; der Gesang wirkt jetzt traurig, viele Familien sind mit ihrem Vieh bereits im Laufe des Tages abgezogen - auf der Suche nach neuen Weideplätzen, denn die Tümpel werden bald vertrocknet sein.