Marokko

Meine Reisen

 

August 1963 - 8. August 1963

17. Mai 1975 - 30. Mai 1975

Juni 1982

 

Literatur

 

Von fern das Echo der Gebete, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. August 1989

Marokko. Königsstädte und Straße der Kashbahs, ReiseJournal, Nr. 5/6, 1989

 

Von fern das Echo der Gebete

Die Piste ist schlecht, die von der Oase Akka nach Tata führt, früher einem der wichtigsten Karawanenrastplätze zwischen Zagora und Atlantik. Hier, südlich des Anti-Atlas, beginnt schon die Übergangszone zur Sahara. Das Tal von Oued Akka ist ein breites Geröllbett, an dessen Seiten sich die Palmengärten bis dicht an den Fuß der Berge dehnen. Taubenblau schimmern die Felsplatten, manchmal auch rosenfarben wie Marmor. Lavendel und Thymian blühen in berauschender Fülle. Wind, Sonne und Regen haben den südlichen Atlas terrassiert und geschliffen. Nur in den Tälern zeigt sich frisches Grün. Hier gibt es Wasser, das durch ein Netz von Kanälen auf die Felder geleitet wird, auf denen Gerste und Zwiebeln angebaut werden. Dattelpalmen, Oliven- und Arganienbäume bilden hübsche Farbtupfer in der sonst trockenen Landschaft.

Am Abend umstehen die Berge das schattige Tal in silbergrauem Licht. Schwarz spreizt sich das Palmengefieder, aus einem Dorf schallt der Lärm einer Hochzeit. Mädchen, junge und alte Frauen  stehen nach Alter aufgereiht an einer Lehmwand und klatschen rhythmisch ihre Hände zum Trommelspiel. Leicht nach vorne gebeugt wiegen sie sich im Stakkato der dröhnenden Trommel. Der vielstimmige Gesang der Frauen wird unterbrochen von Zungenträllern und anfeuernden Rufen. Der Gesang bricht manchmal abrupt ab, um dann wieder anzuschwellen.

Tafraoute
Tafraoute

Die Gegend um Tafraoute ist eine der schönsten Landschaften Marokkos. Schon auf dem Weg von Agadir nach Tafraoute und ins Tal der Ammeln verblassen allmählich die Gipfel des Hohen Atlas im Nordosten. Voraus im Süden treten die Konturen des Anti-Atlas immer schärfer hervor. Die Hautfarbe der Menschen wird dunkler. Die Straße zieht sich an den roten Mauern von Tiznit entlang, dann sieht man ringsum nur noch Palmen in einer bräunlich-gelben Ebene und flache Lehmbauten, die im Hitzeschleier der brennenden Mittagssonne flimmern. Bei Goulimine im Süden beginnt die Wüste. Der Weg von Tiznit nach Osten führt durch den Tazeroualt, die Steinwüstenlandschaft. Dann fallen Serpentinen sanft in ein Tal hinab und geben den Blick frei auf Palmenhaine, die vom Wasser umgeben sind, auf Dörfer, deren Häuser bunt bemalt und mit vielerlei Dekor verziert sind.

Durch zerklüftete Schluchten geht es vorbei an grauen und schwarzen Nomadenzelten bis nach Tafraoute, das sich in tausend Meter Höhe in einem weitläufigen Talkessel ausbreitet. Der Ort ist an allen Seiten von riesigen Felsen und bizarr geformten rötlichen Granitblöcken umgeben. Tafraoute (»Hut des Napoleon«), tauften die Bewohner diesen riesigen Felsen, der ihre Stadt überragt. Die Häuser, durchweg braun, rosa und ockerfarben getüncht, wirken schmuck. 

Kouba, bei Tinezouline
Kouba, bei Tinezouline

Das nur wenige Kilometer entfernte Tal der Ammeln liegt am Fuße des 2359 Meter hohen Djebel Lekst und zeigt Dörfer inmitten grüner Felder; manche Behausungen sind aber noch wie Vogelnester in die Felshänge hineingebaut. Die meisten Wohnungen sind aus den rötlichbraunen. Bruchsteinen des Gebirges gemauert, zweigeschossig mit einer Dachterrasse; das Erdgeschoss ist dem Vieh vorbehalten. Die Außenfenster sind so groß wie Schießscharten und wurden im Bedarfsfall früher auch als solche genutzt.

Um nach Marrakesch zu gelangen, fährt man durch schmale Schluchten, in denen sich die kräftig grünen Palmenoasen hinziehen. Es geht an steilen Hängen vorbei, man lässt Tizi Mlil und Tizi-n-Tarakatine hinter sich und erreicht inmitten eines ausgedehnten Palmen-Haines die rötlichen Stadtmauern von Taroudannt. Die alte Stadt mit der massiven, acht Meter hohen Stadtmauern und hohen, mächtigen Türmen, profitierte vom Sklavenhandel: Der Sudan musste an die Berber jedes Jahr zehntausend Sklaven abgeben, und der größte Teil dieser Menschenkarawane kam über Taroudannt ins Land. Nach kurzer Belagerung Ende des 17. Jahrhunderts durch Sultan Moulay Ismail wurde die Stadt erobert; nahezu alle Angehörigen der Verteidiger starben bei einer öffentlichen Hinrichtung. Auffallend sind auch heute noch die vielen Farbigen, Nachkommen von sudanesischen Sklaven. 

Marrakesch, Wasserträger
Marrakesch, Wasserträger

Hinter dem 2100 Meter hohen Pass Tizin-Test beginnen die ersten Serpentinen, und die Berge des Hohen Atlas werden rötlich. Die Straße geht steil aufwärts, wo Terrassen in den Berg gebaut wurden, um dem Boden Halt zu geben. 

Hinter Asni muss noch ein kurvenreiches Stück im Bergland überwunden werden, dann ist der Hohe Atlas zu Ende und Marrakesch erreicht. Mit weiten Getreidefeldern kündigt die Stadt ihr Einzugsgebiet an und mit einer breiten, mehrspurigen Straße. Fremdenführer und Werbeplakate der großen Luxushotels, Wasserträger und Schlepper erwarten den Fremden. 

Marrakesch, Djemaa el-Fna
Marrakesch, Djemaa el-Fna

Marrakesch ist ein Schmelztiegel, in dem sich die arabischen, berberischen und schwarzafrikanischen Elemente zu einem bunten Mosaik einer exotischen Welt vermischt hat. Wahrscheinlich um 1070 entwickelte sich aus einem Heerlager des Almoradiven-Führers Abu Bekr der Ort zu einer Oasenstadt, die 1147 von strenggläubigen Masmonde-Berbern überrannt wurde. Der Platz Djemaa-el-Fna bietet alles, was europäische und amerikanische Touristen von einer orientalischen Stadt erwarten: Akrobaten und Tänzer, Märchenerzähler und Briefeschreiber, Wasserträger und Zahnreißer, Schausteller, Diebe und Scharlatane. Dazu der Duft unzähliger Gewürze, von Jasmin, Sandel und Safran, Kampfer und türkischem Honig, das Schreien der Verkäufer, das Hupen der Autos und das Trappeln der Pferdehufe von zahlreichen Kutschen.

Die Straße hinter Marrakesch in Richtung Quarzazate zieht sich steil hinauf an fast senkrechten Hängen vorbei durch kilometerlange Schluchten. Lohnenswert ein Abstecher zur Kasbah Ait Benhaddou; Orson Welles drehte hier die Außenaufnahmen für »Sodom und Gomorrha«. Ait Benhaddou ist das Musterbeispiel eines befestigten Dorfes. Die je nach Sonnenstand gelblich bis rötlich leuchtende Kasbahs sind stufenförmig auf einem Bergvorsprung des Hanges aneinander gereiht. 

Telouet lohnt sich wegen des Palastes Dar Glaoui und seiner großen Kasbah. Erbaut Ende des vergangenen Jahrhunderts, ist die Anlage von einer hohen rötlichen Mauer umgeben, die von Zinnen gekrönt ist. Etwa dreißig Kilometer vor Quarzazate zeigen sich erste Vorboten der Wüste: weite Plateaus mit sandigem Boden, Sandkörner prickeln auf der Haut, reizen Augen und Nasen, knirschen zwischen den Zähnen. Eine Weile noch rollt die Sonne neben uns mit am Wüstenhorizont, bis sie in einer Sandwelle untergeht.

Oasenstadt Zangora
Oasenstadt Zangora

Der Weg von Quarzazate nach Zagora führt durch eine beängstigende Mondlandschaft. Schwarze Berge türmen sich, trostlos, fast wie Kohlehalden. In der ganzen Landschaft wächst kein Halm, kein Strauch. Bei Agadez aber beginnt das Tal des Flusses Dráa, der sich als schmales grünes Band bis nach Zagora hinzieht. Das Wasser des zwölfhundert Kilometer langen Dráa ist lehmgelb. »Timbukto 52 Tage« heißt es auf dem Schild in Zagora, der südlichsten Oasenstadt im Draa-Tal. Nur wenige Meter hinter dem Ortsende zwingt die Kasbah Taourirt zu einem Stop; sie ist eine der großen Wohnburgen der Berber und besteht aus mehreren einzelnen Komplexen, die eng aneinander gebaut sind.

Rabat, Hassan-Turm
Rabat, Hassan-Turm

Die Schotterpiste führt durch wilde Schluchten. Direkt am Eingang der Schlucht des Dadés liegt die Kasbah von Ait Arbi, die wie ein Zeuge aus grauer Vorzeit ihre vielgeschossigen Türme an die Felsen angelehnt hat und einer Festung gegen die feindliche, Welt gleicht. Für die mühevolle Fahrt  entschädigen die Kasbahs, jene roten Lehmburgen, die hier überall zu sehen sind, unnahbar und abweisend wie die Wüste oder die kahlen Berge ringsum. Kunstvoll gearbeitete Zinnen krönen die Mauern und Dächer, geometrische Ornamente zieren die glatten Lehmwände. Mit ihren Schießscharten erheben sie sich drohend gegen den strahlend blauen Himmel. Am Abend legt sich rote Dämmerung über das Tal und färbt die Millionen Steine des trockenen Flussbettes mit kräftigen Farben. Ein leichter Wind lässt die Palmenblätter erzittern.  Irgendwo schreit ein Esel sein herzergreifendes Leid in die frühe Nacht hinaus.

 

© Rainer Waterkamp