Mali

Meine Reisen

 

11. Dezember 1970 - 9. Januar 1971 (Bamako im Rahmen einer Westafrika-Rundreise) 

 

4. November 1985 - 22. November 1985 (Trekking zu den Doggen und Schiffsreise auf dem Niger)

 

Literatur

 

Mali. Im Banne des Sahel, Pietsch-Verlag, Stuttgart 1991 –ISBN: 3-613-50139-2

Reportage: Trekking zu den Dogon in Mali

Karte vom Dogon-Trekking
Karte vom Dogon-Trekking

Nur etwa 100 Kilometer östlich von Mopti, an der Grenze zwischen Mali und Burkina Faso, erstreckt sich eine fast 200 Kilometer lange Felswand, Trennlinie zwischen einem Hochplateau und der sandigen Tiefebene, dem Gondo. Um diese gewaltige Fläche herum liegen die Dörfer der Dogon - hinter Felsbrocken und in tiefen Schluchten versteckt oder auf unzugänglichen Terrassen oberhalb der steilen Felswand, die eine Höhe bis zu 600 Meter erreicht. So konnte sich der Stamm, heute etwa 200000 Menschen, den Angriffen der nomadisierenden Peulh ebenso erwehren wie der französischen Kolonialmacht. 

Sangha besteht aus zwei Vierteln, Ober- und Unter-Ogol genannt. Die Wohnviertel stehen auf felsigem Grund, zu jedem Gehöft gehören Hirsespeicher mit viereckigem Grundriss. Das charakteristische spitze, pyramidenartig zulaufende Strohdach der Dogon-Speicher fehlt in Sangha weitgehend. Die Wohnhäuser besitzen ausschließlich flache Terrassendächer, die man über eine Stiege erreicht, die aus einem mit Kerben versehenen Baumstamm besteht.  Auf den Terrassendächern werden auch die Feldfrüchte zum Trocknen ausgebreitet.

Der von Touristen am meisten aufgesuchte Ort der Dogon war bis zum Zeitpunkt der Überfälle der islamischen Extremisten der Ort Sangha, wo die berühmten Maskentänze aufgeführt wurden. Diese haben oft die Gestalt eines Rechteckes. Die Augen werden als Dreieck oder Viereck eingeschnitten, die Nase bildet einen senkrechten Grat.  Bekannt sind über hundert verschiedene Maskentypen, die alle aus der großen Maske »Iminana« hervorgegangen sind. Die Masken besitzen zwischen zwei und acht Hörner, wobei drei und sechs das männliche, vier und acht das weibliche sowie zwei, fünf und sieben das zweigeschlechtliche Symbol bedeuten.  Auch Ziele werden mit der Anzahl der Hörner symbolisiert, so zum Beispiel steht die fünf für die Pflicht zur Arbeit. Die Büffelmaske verkörpert Kraft und Mut des Jägers. Die Bedeutung wechselt oft.  So symbolisiert der Affe das Böse, die Vernichtung der Ernte, aber auch den Mut des Tapferen, der den Affen zähmen kann. Das Symbol für den Schmied wird gleichzeitig geachtet und gefürchtet, weil der Schmied auch das Feuer bezwingt. Die bekannteste Maske der Dogon im Gebiet von Sangha ist die Kanaga-Maske, die einem lothringischen Kreuz ähnelt, dessen Arme an den Enden mit kleinen Brettchen versehen sind.

Von Sangha geht es über eine fast völlig vegetationslose Plateauebene und durch sandgefüllte Felsrinnen nach Bongo. Hier, oberhalb des Felsabsturzes, bietet sich ein grandioser Blick auf die steil abfallenden Felshänge und die sich weit erstreckende Sandebene des Gondo. Hinter dem Dorf beginnt der Abstieg vom Plateau in eine tief eingeschnittene Schlucht.

Im unteren Bereich der Falaise de Bandiagara kleben die Bauten des Dorfes Banani wie kleine Festungen auf Terrassen und an den Geröllhängen, Im Dorf Banani wiederholt sich die Symbolik der Dogon-Architektur. Die Hauptelemente eines Kornspeichers sind Symbole der acht wichtigsten Organe der Lebenskraft »nomos«, einem der vom Schöpfergott »amma« geschaffenen Genien. Sie lassen sich mit den Organen der Menschen vergleichen. Vieles ist noch unerforscht, mancherlei unter den Forschern umstritten. Zumeist werden die vier Streben als Arme Und Beine einer auf dem Rücken liegenden Frau gedeutet. Das Dach, das sie tragen, soll den Himmel verkörpern. Die zweistöckigen Gehöfte von Banani weisen einen kreuzförmigen Grundriss auf. An der Südseite findet sich jeweils ein runder, hoher Turm mit flachem Dach. Dies ist die Küche, die bis auf eine Öffnung im oberen Teil, der als Rauchabzug dient, keine Fenster besitzt. Auf das Dach gelangt man über eine hölzerne Tritt»leiter«. Die dicht aneinander stehenden Gehöfte tragen meist ein spitz zulaufendes Strohdach. Daneben befinden sich viereckige Speichertürme, die wie große Lehmhydranten aussehen. Hirsespeicher stehen als Schutz vor Nagetieren auf Steinstelzen und haben im oberen Drittel eine kleine Holztür. Die Außenwände der Speicher sind teilweise glatt verputzt, teilweise mit Lehmreliefs geschmückt. Die Grundmauern der Häuser und Speicher bestehen aus groben Steinen, die oberen Teile aus Lehm.

Unsere kleine Trekking-Gruppe besucht mit der Begleitmannschaft am Rande der Falaise einige der kleinen Orte wie Neni, Ibi und Koundou, wo wir auf den strohgedeckten Flachdächern übernachten. Unter uns, im Hof, schallt der Lärm des alltäglichen Lebens, das Geräusch des Hirsestampfens, das kehlige Lachen der Frauen, das Plärren der Kinder und das Gackern der Hühner. Angesichts des leichten Starts am Morgen steigt die Stimmung. Die verspannten Muskeln lockern sich, und wir kommen zügig voran. Doch in den nächsten Stunden erwartet uns eine Kletterpartie, die unseren Mut auf eine harte Probe stellt. Nur mit gegenseitiger Hilfe, indem wir uns auf der schmalen Gegenseite vom Vordermann auffangen lassen und vom Hintermann das mitgeführte Gepäck nachwerfen lassen, überwinden wir glitschige, abschüssige Steilhänge. Nur selten wagen wir den Blick hinab in tiefe Schluchten, über die wir hinwegspringen. Über schmale Stege geht es balancierend aufwärts. Man muss sich durch kleine Tunnel im Fels zwängen und steile Felswände erklimmen. Dafür bietet sich vom Plateau ein herrlicher Blick auf den Gondo, die endlose Sandebene, die durch einzeln stehende Akazien wie eine Parklandschaft wirkt.  An der imaginären Linie zwischen vordringendem Sahel-Sand und noch schütterer Steppe schlängelt sich der Weg durch pittoreskes Land, auf der Kippe zwischen tödlicher Dürre und belebendem Grün.

Der Atem geht schnell, man gerät ins Schwitzen. Doch die Anstrengung wird immer wieder durch prächtige Ausblicke belohnt. Noch einmal steigt der Geröllweg plötzlich steil an, fordert alle Kraftreserven und führt auf schmalen Stegen über einen Abgrund weiter hinauf. Endlich erreichen wir Yougodogorou, den Ort, wo »Iminnana«, die »Große Maske« geschnitzt wird.  Alle 60 Jahre wird sie der Dorfbevölkerung in einem Fest, das »Sigi« genannt wird, in Erinnerung an den Tod der Vorfahren vorgestellt. Die Maske verkörpert in ihrer Form eine flach liegende Schlange mit rechteckigem Kopf.

Über das teilweise steile, teilweise flachglatte, graue Plateau gelangen wir zu einem steilen Abhang, von dem man auf das Dorf Yougona blickt, das malerisch unter uns liegt. Die Dörfer und Gehöfte in der atemberaubenden Bergwelt bieten einen überwältigenden Anblick.  Mittelalterlichen Burgen gleich liegen sie am Rande steiler Felshänge über oft mehrere hundert Meter tiefen Schluchten. Teilweise kleben sie wie Adlerhorste an Berghängen.  Untrennbar scheinen sie mit der sie umgebenden Landschaft verwachsen zu sein. Dann geht es wieder auf halsbrecherischem Weg über Geröllhalden hinunter nach Yougopiri, wo unser Lager steht und die Lastenträger bereits das Essen bereitet haben."Iminana" geschnitzt und nur alle 60 Jahre bei einem "Sigi" genannten Fest gezeigt wird. 

An den Fußsohlen werden blutige Blasen sichtbar. Die Haut ist merkwürdig gefühllos und hart.  Wir übernachten in dem kleinen Dorf Weré. Unsere Schlafsäcke breiten wir auf dem Dach eines Hauses aus, das einen flachen Holz- und Lehmboden besitzt. Sanft legt sich die rote Dämmerung über die Landschaft und färbt die Millionen Steine der Bergwelt mit kräftigen Farben ein. Ein leichter Wind kommt auf und lässt die wenigen Baumblätter leicht erzittern. Irgendwo am Rande des Dorfes schreit ein Esel sein herzergreifendes Leid in die aufkommende Nacht hinaus. 

Eine recht beschwerliche Wanderung erwartet uns am nächsten Tag.  Am Fuße der Falaise kämpfen wir uns durch sonnendurchglühte Landschaft, fast ohne schattenspendende Bäume, nur mit wadenhohem Gras und stacheligen Sträuchern, an denen sich unsere Hosen verfangen. Dazu umschwirrt uns eine Unzahl lästiger Fliegen, die uns plagen, bis wir unseren Rastplatz erreichen. Unbarmherzig reißt uns unser Dogon-Führer aus der Lethargie. Wir haben noch zwei, drei Stunden anstrengende Wanderung vor uns, bis wir unser Übernachtungsziel erreichen werden. Nach einigen Stunden wird unser Rastplatz bei Damasongo erreicht. Das Dorf liegt inmitten einer unbarmherzigen Natur - ringsum ödes, dürres Bergland und eine Grassteppe, die im Gegenlicht wie ein goldfarbenes Kornfeld schimmert. Ein eigenartiger Reiz geht von dieser Landschaft aus - vor allem, wenn die warmen, roten Strahlen der Nachmittagssonne die harten Konturen mildern und sie schließlich wie ein Feuerball verglüht. 

Der Weg am nächsten Tag führt entlang braungelber Dornbuschlandschaften in Sichtweite des Bandiagara-Plateaus, dessen Spitzen sich grünbräunlich von der Umgebung abheben und manchmal im Dunst verblassen.  Es ist jene Landschaft, die meine Erinnerungen an Mali prägen wird: Die Sonne steht unerbittlich heiß im Zenit, das grelle Farbenspiel zwischen dem kräftig acrylfarbenen Plateau zur Linken und der weiten Gondo-Ebene zur Rechten lässt die Landschaft als erbarmungsloser harte Farbexplosion erscheinen, die gegen Mittag in Hitzeschleiern zerfließt. Am Spätnachmittag erreichen wir Bamba.  Mit ohrenbetäubenden Salutschüssen aus alten Gewehren werden wir empfangen.

Der nachfolgende Tag soll unsere Kräfte auf eine besonders harte Probe stellen. Bereits mit lahmen, schweren Gliedern vom Vortage schälen wir uns bei aufkommender Morgendämmerung aus unseren Schlafsäcken. Das Knistern von brennendem Holz, das unsere Träger schon angezündet haben, lässt auf einen baldigen Aufbruch schließen.

Kassa, hoch oben auf dem Plateau gelegen, ist dagegen ein bezaubernder Flecken voller Leben. Auf dem Markt werden Haustiere und Stoffe, Obst und Gemüse, Fleisch, Geschirr, Werkzeuge und allerlei kunstgewerbliche Arbeiten angeboten. Hier berauscht ein Wirbel von Geräuschen und Gerüchen die Sinne, und die farbenprächtigen Trachten der Frauen, die Boubous der Männer und die Vielfalt der exotischen Früchte fesseln den Blick. Die imposanten Bilder vom Vortag sind noch gar nicht so recht verarbeitet, als in der Ferne bereits neue Höhepunkte winken. 

Der Weg windet sich jetzt leicht abfallend an bewachsenen Hängen entlang. Wir reden kaum noch miteinander.  Die Menschen in den Dörfern erleben uns als eine schweigsame Gruppe blasser Weißer, die sich müde fallen lassen, ihre Mahlzeiten hinunterschlingen, sich früh in ihre Schlafsäcke wickeln und beim ersten Morgenlicht wieder hastig aufbrechen.  Manchmal spürt man, wie sie sich ihre Gedanken machen über die wunderlichen Fremden.

Rund um Soroli findet man Felsformationen, die an den Grand Canyon in den Vereinigten Staaten erinnern. Rot und orange leuchtet der Stein, durchwirkt mit lila Farbtupfern, mit blauen, violetten, grauen, gelben und grünen Streifen. Manche Oberflächen sehen aus wie im Fließen erstarrter Schlamm oder wie Falten eines gerafften Vorhangs. 

Die Sonne steht als gleißende Scheibe bereits über den Bergen, als wir uns aufmachen zu einer Wanderung quer über die Geröll-Landschaft der Bandiagara-Bergwelt, teilweise durch dichtes Grasdickicht auf kaum erkennbaren Pfaden. Selbst unser Dogon-Führer hat manchmal Schwierigkeiten sich zurechtzufinden und muss entgegenkommende Einheimische nach dem Weg fragen. Längst schon ist die Trockensavanne in Dornensavanne übergegangen - die typische Vegetationszone des Sahel.  Dornbüsche und Dornengestrüpp sowie Sukkulenten-Gewächse und Trockengräser wachsen hier.  Paradiese fallen einem nicht in den Schoß, und so scheint sich der Weg endlos weit hinzuziehen - wie ein Kaugummi.  Luftschwaden flimmern über dem heißen Gestein, das unter intensiver Sonneneinwirkung zu glühen beginnt.Der letzte Tag unserer Wanderung wird nochmals eine gewaltige Anstrengung. Ein zügiger Marsch über Geröllhalden und weite, flache Sand- und Gesteinsebenen soll uns in sechs Stunden von Soroli nach Douentza bringen. Laut Karte sind wir praktisch bereits im Ort, was bedeutet hätte, dass es Strom und also Kühlschränke gibt. Kühlschrank bedeutet kaltes Bier, großes, eiskaltes Bier. Doch der Ort bleibt wie vom Erdboden verschwunden. Zu allem Überfluss taucht jetzt auch noch ein weiterer Hügel au£ Das darf nicht wahr sein. Noch ein Hügel?  Das schlimmste ist, es ist ein Hügel, der hier laut Karte nichts zu suchen hat. Es ist längst später Nachmittag. Die Sonne hängt bereits beängstigend tief. Wir laufen rein nach Gefühl, was natürlich Probleme aufwirft. Einer meint, man müsse in diese Richtung, ein anderer plädiert für jene. Wieder einer will ganz woanders hin, und ich will zu meiner Bar mit eisgekühltem Bier, ganz gleich wo. Die Sonne steht tief unten am Himmel, als wir in Douentza ankommen.

Die Unterkunft ist recht schäbig. Wir ziehen es auch hier vor, auf dem Dach zu übernachten. Zumindest werden uns die Ratten, die einige von uns in den Toiletten gesichtet haben, oben kaum belästigen. Die Stadt, von einer bizarren Gebirgskulisse - den Ausläufern der Bandiagara-Falaise im Süden und dem Gadamia-Massiv im Norden umrahmt, hat einen belebten Sonntagsmarkt, der von Fulbe-Hirten und Dogon-Frauen aufgesucht wird. Bei den Bewohnern Douentzas handelt es sich um sesshaft gewordene Fulbe aus dem Wakambe-Clan.

 

© Rainer Waterkamp

Auf dem »Strom der Ströme« in Mali 

Mopti - wieder im Hotel

Nach einer guten Woche Niger-Kreuzfahrt sind wir in Mopti. Wir stürzen in das Hotel, warten ungeduldig, dass die Hotelzimmer frei werden. Die Dusche im Hotel wird ausgiebig genutzt. Salben, Pflästerchen, Tabletten und Sprays finden reichlich Anwendung. Bemerkenswert an diesem Hotel ist übrigens, dass abends im Garten und auf den Stufen zu unseren Unterkünften massenhaft Kröten sitzen, auf die wir unweigerlich treten, wenn wir die Taschenlampen nicht benutzen. Immerhin wird durch diese glitschigen Tiere wenigstens die Moskitoplage in erträglichen Grenzen gehalten. 

Am Anfang war »gla«, das Nichts.  Es sandte eine Stimme der Leere aus, welche »dhia«, das Doppel von »gla« schuf.  So entstand die Zwillingshaftigkeit, die dem ganzen Universum zugrunde liegt.  Zugleich wurde bereits das Prinzip der ewigen Bewegung, »yo«, geboren.  Aus ihr entstanden »pemba« (die siebenteilige Erde) und »faro«, der siebenteilige Himmel. »Faro« fiel als Regen auf die Erde.  Er selbst wurde durch die Vibration des Raumes befruchtet und gebar Zwillinge; um sie herum wuchs Gras.  Und Tau fiel so reichlich, dass daraus ein Rinnsal erwuchs, dem der Fisch »Nil« den Weg wies. »Faro« ritt mit seinen Kindern auf einem zweiten Fisch.  Sie begatteten sich und gebaren wieder Zwillinge.  Daraus entstanden die Bozo, das Fischervolk, welches die einwandernden Bambara schon antrafen. So beginnt die Schöpfungsgeschichte der Bambara am Oberlauf des Niger. Mit einer Länge von 4200 Kilometern und einem Einzugsgebiet von mehr als zwei Millionen Quadratkilometern ist der Niger der drittgrößte Strom Afrikas nach dem Nil und dem Kongo. Seit undenklichen Zeiten gibt es Schiffsverkehr auf dem Niger.  Schon in der griechischen Antike erwähnt Herodot das Bestehen eines ausgedehnten Flusslaufes in dem damals noch unbekannten Teil der Welt.  Später tauft der Römer Plinius diesen Strom »nigris«, der dann »gher-n-igheren« genannt wird - was in der Berbersprache »Strom der Ströme« bedeutet.  Alle bekannten Übersetzungen bedeuten »großer Fluss« für diesen großen Strom.  Er entspringt nur 300 Kilometer vom Meer entfernt nahe der Grenze zwischen Sierra Leone und Guinea.  Von dort beginnt er seinen lebensspendenden Lauf durch die Savannen und Wüsten von Mali und Niger, um sich schließlich in einem breiten Delta zwischen Mangrovenwäldern an der Küste Nigerias ins Meer zu schieben.

 

Eine Flussfahrt durch Mali ist wahrscheinlich die authentischste Art, sich mit der Niger-Landschaft vertraut zu machen. Durch die Bootsfahrt - im Gleichklang mit dem Wellenschlag des langsam dahinfließenden Flusses - lernt man Menschen und Landschaft ohne Hast keimen. 

Mit einer Länge von 4200 Kilometern und einem Einzugsgebiet von mehr als zwei Millionen Quadratkilometern ist der Niger der drittgrößte Strom Afrikas nach dem Nil und dem Kongo. Seit undenklichen Zeiten gibt es Schiffsverkehr auf dem Niger. Schon in der griechischen Antike erwähnt Herodot das Bestehen eines ausgedehnten Flusslaufes in dem damals noch unbekannten Teil der Welt. Später tauft der Römer Plinius diesen Strom »nigris«, der dann »gher-n-igheren« genannt wird - was in der Berbersprache »Strom der Ströme« bedeutet. Alle bekannten Übersetzungen bedeuten »großer Fluss« für diesen großen Strom. Er entspringt nur 300 Kilometer vom Meer entfernt nahe der Grenze zwischen Sierra Leone und Guinea. Von dort beginnt er seinen Leben spendenden Lauf durch die Savannen und Wüsten von Mali und Niger, um sich schließlich in einem breiten Delta zwischen Mangrovenwäldern an der Küste Nigerias ins Meer zu schieben. Erst die Forschungen von 1790 und 1850 durch Mungo Park, Alexander G. Laing und von Heinrich Barth bringen Klarheit über den Lauf des Niger, der auch bei den kolonialen Eroberungen am Ende des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielt.

Bambara und Fulbe

Kona ist Ausgangspunkt unserer Schifffahrt mit einer Pinasse, die uns einige Tage in das Überschwemmungsgebiet des etwa 40000 Quadratkilometer großen Niger-Binnendeltas führen wird, der Kontaktzone der beiden Lebensweisen des Hirten- und Bauerntums. An den Rändern und in den fruchtbaren Überschwemmungsbecken des Niger kultivieren Bambara und Marka, aber auch die Sklaven und Abhängigen der Fulbe ihren Reis und die Sorghum genannte Hirse. Dagegen widmen sich die Fulbe fast ausschließlich der Viehzucht und dem Handel. Die Fulbe-Hirten mit ihren wagenradgroßen Hüten können geradezu als Symbolfiguren der Sahel-Landschaft gelten.

Am Strand von Kona, wo die Pinasse ankert, beobachte ich das unbekümmerte Treiben der Eingeborenen, während das Boot mit unserem Gepäck und mit Proviant beladen wird. Goldbronzene Mädchenkörper lassen sich von den tropischen Strahlen der Sonne umkosen, die sich auf der nassen Haut glitzernd spiegelt. Die Mädchen planschen in den kühlen Fluten, junge Frauen baden ihre Babys. Dann ziehen an meinen Augen vollkommen in Tücher gehüllte Frauen vorbei. Hinter den vor das Gesicht gezogenen Schleiern sind neugierige Augen mit anthrazitfarbenen Wimpern wahrnehmbar. Man spürt den Zauber, die Lebensfreude und die verhaltene Erotik dieser Menschen, die vom Stress der Zivilisation noch nicht geplagt sind.

Mit unserem Boot lassen wir das weithin unberührte Mali an uns vorbeiziehen. Die mit Schilfrohr überdachte Pinasse ist 24 Meter lang und zwei Meter breit, hat in der Mitte zwei geräuscharm Außenbordmotoren und sogar eine Feuerstelle, auf der unsere Gerichte gekocht werden.

Buntes Leben am Fluss

»Komm, lass uns plaudern mit dem großen Fluss«, singen die »Männer der Sprache« vom Niger, »der uns beruhigt und die Sorgen von uns nimmt« Die Sänger waren ursprünglich Zauberer geheimnisvoller Riten, später die Narren und Kritiker am Hof der Herrscher. Heute sind sie nur die Musikanten der Nation.

 

Auf dem Kanal und in den zahlreichen Seitenarmen des Niger liegen die Dörfer wie Burgen auf künstlichen Hügeln. In fast jedem Dorf findet sich eine Moschee im traditionellen Sudanstil.

Buntbemalte Pirogen und eindrucksvolle Pinassen, voll beladen mit Salz, Holz und Durrah, ziehen geräuschlos vorbei. Im langsamen Rhythmus des Niger lernt man die Kunst, ohne Hektik zu leben, Eindrücke zu speichern, die unvergesslich bleiben. Im Schilfrohr eingebettete Dörfer, um eine kleine Moschee im typischen Banko-Stil gruppierte Orte, von Wäscherinnen belegte Anlegeplätze, gleiten vorüber. Dünen mit feinem, weißem Sand umrahmen Ortschaften, die kaum auf Spezialkarten zu finden sind.

Der Kapitän kennt jede Untiefe der sich ständig ändernden Seenlandschaft. Durch übermannshohes Schilf steuert er das Boot, entkleidet sich bis auf die Hosen und springt dann in die kühlen Fluten, um Schilf zu schlagen, das er im hinteren Teil des Bootes verstaut. Fröhlich singend und lachend kommt er triefnass wieder in die Pinasse gestiegen und steuert sein Schiff in eine andere Richtung. Die Uferbänke sind bevölkert mit Reihern, Kormoranen und Ibissen. Sobald das Boot gelandet ist und einige Bretterstege ausgeworfen sind, empfangen uns Schwärme von Moskitos. Das ruhig dahin gleitende Wasser des Niger spiegelt die dunklen Schatten der Boote, die aus der untergehenden Sonne hervor wachsen - heimgekehrt vom Fischfang. Ein lauer Wind weht fremdartige Laute über die geheimnisvolle, leicht gekräuselte See.

Außer dem gleichmäßigen Tuckern des Motors sind nur Vogelstimmen aus der Tiefe des Schilfs zu hören. Über lehmschweres, warmes Wasser geht es an weißgelben Sandstränden vorbei. Hin und wieder schauen verzweigte Bäume herab auf das trübe, lehmfarbene Wasser, das manchmal auch blässlich wie Milchkaffee ist. Über allem liegt eine erdrückende Feuchtigkeit. Schwimmende, von Wasserhyazinthen gebildete Inseln kommen dem Boot entgegen. In der Ferne schimmert die grün gesäumte, gewaltige Seenlandschaft wie blauer Samt. Neben dem Boot gleiten Baumstämme vorbei und kleine Inseln, auf denen hochbeinige Wasservögel stolzieren.

Die Bozo

Von Kona bis zum Eingang des Sees durchfahren wir das Kernland der Bozo, die je nach Wasserstand den Fischen hinterher ziehen, um sie mit Reusen, Netzen und Hakenleinen zu fangen und anschließend auf Räucheröfen zu konservieren. Im Hinterland beaufsichtigen die Fulbe-Hirten ihre Rinderherden. Bei Niedrigwasser können wir erleben, wie diese Viehnomaden auf ihrer Wanderung Hunderte von Tieren in den Fluss treiben, ihnen Stöcke schwingend hinterher schwimmen und an der anderen Uferseite den Weg fortsetzen. Die Bozo sind Wanderfischer, die in Strohhütten immer gerade dort campieren, wo das Wasser ist. Das Fischen ist Männersache, den Frauen bleiben Verarbeitung und Verkauf vorbehalten. Jedes Dorf hat Räucher-Camps; oft werden die gefangenen Fische aber auch in der Sonne getrocknet.

Das Wasser des Niger verliert sich jetzt, im November, in einem Labyrinth von Flussarmen, Seen und Sümpfen. Auf der linken Seite des Niger erstreckt sich die Überschwemmungszone weit über hundert Kilometer tief in das Land hinein. Sie umfasst dort den Debo-See, den von Horo, von Gouandam sowie den Faguibinese-See, dessen Tiefe von 30,5 Meter ihn zum tiefsten See Westafrikas macht.

Die Pinasse tuckert über Sümpfe, kreuzt Kanäle. Inmitten der Sumpflandschaft tummeln sich verschiede Arten von Reihern, Ibissen, Fischadlern und Schwärme von Kormoranen. Ich lasse die Flusslandschaft an mir vorüberziehen, tauche mit dem Boot hinein in das Schilfmeer, verliere mich im Farbenrausch romantischer Sonnenuntergänge und tanze gemeinsam mit den Millionen Sternen, die sich im grünlichen Wasser ringsum spiegeln.

Der Debo-See

Bei der Einfahrt in den Debo-See wird die Furt so flach, dass der Motor abgestellt werden muss. Danach wird der Fluss sehr breit mit vielen Sandbänken, auf denen sich zahlreiche Vögel versammeln. Man spürt bereits den Atem der Wüste. Der Debo-See zeigt sich als bleierner graublau schimmernde Fläche, kaum durch Wellen gekräuselt. Am Ufer türmen sich mit giftgrünen Büschen bewachsene Dünen. Es ist ein atemberaubend schöner Anblick, eine wunderschöne Landschaft, die hier am Rande des Sahel niemand erwartet. Gura, Sindégué und Guidia-Saré heißen die kleinen Ortschaften, die um den Debo-See herum angesteuert werden. Der Debo-See ist mit 4000 Quadratkilometern die größte zusammenhängende Wasserfläche des Nigerbinnendeltas; bei Höchstwasserstand sind von der Mitte des Sees keine Ufer mehr erkennbar. 

Diese Seenplatte empfinden wir wie ein riesiges Dampfbad. Bereits bei der geringsten Bewegung sind wir bis auf die Jacken durchgeschwitzt, die wir gegen die Moskitoplage anbehalten müssen. Das Abendessen in den Sümpfen muss teilweise im Stehen eingenommen werden. Sonst müssten wir Unmengen von, einfliegenden Insekten, die sich in unsere Schüsseln stürzen, mitessen. Die kleinen Käfer und Moskitos machen einen fast wahnsinnig, kriechen ständig in Nase, Mund und Ohren, versammeln sich in Scharen auf unseren Lunchbroten und dem Salat. Selbst im Stehen und Gehen muss man beim Essen aufpassen, dass man nicht versehentlich einige Tiere verschluckt. In der Nacht fallen die Moskitos massenhaft und mit lautem Summen in Sturzflügen auf unsere Moskitonetze. Wir machen kaum ein Auge zu. Die Schlafsäcke, die wir fluchtartig aufsuchen, sind durch die hohe Luftfeuchtigkeit triefnass. Es kostet einige Überwindung, in sie hineinzukriechen.

Mopti - wieder im Hotel

Nach einer guten Woche Niger-Kreuzfahrt sind wir in Mopti. Wir stürzen in das Hotel, warten ungeduldig, dass die Hotelzimmer frei werden. Die Dusche im Hotel wird ausgiebig genutzt. Salben, Pflästerchen, Tabletten und Sprays finden reichlich Anwendung. Bemerkenswert an diesem Hotel ist übrigens, dass abends im Garten und auf den Stufen zu unseren Unterkünften massenhaft Kröten sitzen, auf die wir unweigerlich treten, wenn wir die Taschenlampen nicht benutzen. Immerhin wird durch diese glitschigen Tiere wenigstens die Moskitoplage in erträglichen Grenzen gehalten. 

Allee in Mopti
Allee in Mopti

Menschen in Mali

Bambara, Segou

Die größte Ethnische Gruppe in Mali sind die Bambara (korrekt eigentlich Bamana). Von ihnen werden viele Stellen im Staatsdienst besetzt. Sie leben überwiegend im südlichen Teil des Landes sowie in den angrenzenden Gebieten von Burkina Faso. Ihre hauptsächliche Erwerbsgrundlage ist die Landwirtschaft. Der in Europa weithin gebräuchliche Name »Bambara« stammt aus der Sprache muslimischer Völker und bedeutet abwertend »nicht rechtgläubig«. Sie bekennen sich inzwischen überwiegend zum Islam, dem sie lange widerstanden.

Bei der Kleidung der Bambara-Frauen sind auffallend die weiten, faltentreichen Gewänder.

Bella

Die Bella, ehemalige Sklaven der Tuareg, haben kurzes Kraushaar, das sie zu feinen Zöpfen flechten. Um das Haar länger wirken zu lassen und schöner auszusehen, tragen manche Frauen ein Kopfband aus Giraffenhaar. Einige Frauen haben Glas- und Karneolanhänger im Haar und tragen Silberringe mit eingelassenem Karneol.

Bobo

Die Bobo sind eine Ethnie in Burkina Faso und Mali. Sie werden auch Bobo Madaré oder Bobo-Fing genannt. Typische Produkte der Bobo-Frauen sind Erdnüsse, Kalebassen und Baumwollstoffe.  

Bozo

Die Bozo bei Niafunké und in Gourma-Rharous sind Wanderfischer, die in Strohhütten immer gerade dort campieren, wo das Wasser ist. Das Fischen ist Männersache, den Frauen bleiben Verarbeitung und Verkauf vorbehalten. Die Bozo-Frauen bieten getrockneten und geräucherten Fisch sowie bemalte Tongefäße zu Kauf an. Jedes Dorf hat Räucher-Camps; oft werden die gefangenen Fische aber auch in der Sonne getrocknet. Die kreisrunden Hütten mit spitzen Dächern sehen manchmal wie verrutschte Hüte auf den Köpfen hagerer Gestalten aus. Eine besondere Tradition ist eine separate Schlafstätte junger Männer, wo diese voreheliche Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht machen können.

Dogon, Sangha

 Die Zähne der Dogon-Frauen sind so abgefeilt, dass sie den in gleichen Zwischenräumen stehenden und zugespitzten Zähnen eines Kammes ähneln. Die roten Perlen an der Ohrmuschel repräsentieren die Hoden, das Innenohr die Klitoris. Traditionell werden acht Ringe am Rand des Ohres getragen, welche die acht Dogon-Urahnen symbolisieren. Schwarze Seidenkopftücher finden sich immer häufiger und verdrängen die alten, früher in den Dogon-Dörfern gewebten und gefärbten Indigo-Kopftücher.

Fulbe

Die Fulbe (auch unter ihrem französischen Namen Beule bekannt) leben in großen Teilen Westafrika, besonders in der Sahelzone.  

Die Frauen der Fulbe mit ihren schmalen Gesichtern und den tätowierten Lippen lieben blaue Gesichtstätowierungen sowie Perlenketten und tragen als Sonnenschutz häufig ein gefaltetes, indigoblaues Tuch auf dem Kopf. Man erkennt sie an ihren charakteristischen Frisuren mit Amberkugeln, Silbermünzen und goldenen Ohrgehängen. Manche tragen derart schwere, goldene Ohrringe, dass sie zusätzlich durch ein Band gehalten werden müssen, das über den Kopf gelegt wird. Sonst würden die Ohrläppchen einreißen. Andere Fulani-Frauen haben ihre Haarstränge mit Kupferdraht umwickelt und verzieren diese mit Schmuckstücken. Der Halsschmuck besteht aus Karneol und aus Glasperlen.

Die Fulbe-Männer tragen breitkrempige, lederbesetzte Spitzhüte und schwarze oder braune Umhänge aus Wolle. Die Fulbe-Hirten mit ihren wagenradgroßen Hüten, die mit Lederbändern und Münzen verziert sind, können geradezu als Symbolfiguren der Sahel-Landschaft gelten.

Die Fulbe-Bororo (Wodaabe) sind eine der letzten Ethnie Afrikas, die sich als Rinderhirten in der Sahelzone ein nomadisches Leben bewahrt haben. Bekannt geworden sind sie mit ihrem »Fest der schönen Männer«, dem Tanzwettbewerb Geerewol.

Peulh

Die Peulh-Frauen vom Volk der Fulbe erkennt man an ihren charakteristischen Frisuren mit Amberkugeln, Silbermünzen und goldenen Ohrgehängen, wobei die berühmten riesigen Ohrgehänge aus Gold heute kaum noch getragen werden.

Songhay

 Songhays erkennt man an ihren zu Hahnenkämmen getürmten Haaren. Die Songhay-Frauen, deren beeindruckenden Frisuren in ihren Formen an Helme erinnern, verkaufen Palmenblatt-Matten und Kalebassen. 

Tuareg

Tuareg-Krieger, die Gesichter in blauschwarze Tücher gehüllt, weisen sie mit ihren mächtigen Turbanen und die Takubas, dem Schwert der Tuareg, als Herren der Wüste aus.

© Rainer Waterkamp