Mali

11. Dezember 1970 - 9. Januar 1971 (Bamako im Rahmen einer Westafrika-Rundreise) 

4. November 1985 - 22. November 1985 (Trekking zu den Doggen und Schiffsreise auf dem Niger)

Literatur

 

Mali. Im Banne des Sahel, Pietsch-Verlag, Stuttgart 1991 –ISBN: 3-613-50139-2

Trekking zu den Dogon

Mali ist eines der ärmsten Länder der Erde: der Sahel, die Wüstenrandzone der Sahara, hat es fest im Griff. Und dennoch ist der westafrikanische Wüstenstaat, seit Jahrhunderten Kreuzungspunkt für unzählige Völkerschaften, Kulturen und Regionen, ein Stück Afrika, das einen tiefen Blick in die Seele des Kontinents erlaubt. Die nachfolgende Reportage basiert auf einer Trekking-Expedition, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts durchgeführt wurde.

 

Trekking zu den Dogon
Nur etwa 100 Kilometer östlich von Mopti, an der Grenze zwischen Mali und Burkina Faso, erstreckt sich eine fast 200 Kilometer lange Felswand, Trennlinie zwischen einem Hochplateau und der sandigen Tiefebene, dem Gondo. Um diese gewaltige Fläche herum liegen die Dörfer der Dogon - hinter Felsbrocken und in tiefen Schluchten versteckt oder auf unzugänglichen Terrassen oberhalb der steilen Felswand, die eine Höhe bis zu 600 Meter erreicht. So konnte sich der Stamm, heute etwa 200000 Menschen, den Angriffen der nomadisierenden Peulh ebenso erwehren wie der französischen Kolonialmacht. Touristen, die trotz der labilen politischen Situation in den Vielvölkerstaat Mali kommen, fahren gewöhnlich über eine Schotterpiste nur bis zu den Klippen von Sangha, wo für sie in dem Dorf gegen Bezahlung ein Abklatsch eines Dogon-Tanzes arrangiert wird. Junge Burschen stülpen sich die schönen Masken über und drehen auf Stelzen ein paar Runden für ein gutes Foto. Dann fahren sie unverzüglich im Geländewagen wieder zurück nach Mopti - zu mühselig ist das weitere Vordringen.


Fast völlig vegetationslos ist die Ebene, die zu durchqueren ist, um zu den Dogon-Dörfern zu gelangen. Bongo zum Beispiel, oberhalb des Felsabsturzes gelegen, bietet einen grandiosen Blick auf die steil abfallenden Hänge und die sich weit ausdehnende Sandfläche des Gondo. Im unteren Bereich der Falaise de Bandiagara kleben die Bauten des Dorfes Banani wie kleine Festungen auf Terrassen und an den Geröllhängen, zumeist zweistöckige Gehöfte mit einem kreuzförmigen Grundriss, die Ställe, Getreidespeicher, Wohnräume und eine Vorhalle einschließen. An der Südseite steht immer ein runder, hoher Turm mit flachem Dach. Dies ist die Küche, die bis auf eine Öffnung im oberen Teil, der als Rauchabzug dient, keine Fenster hat. Dazu kommen viereckige Speichertürme, die wie große Hydranten aussehen. Die Außenwände sind teilweise glatt verputzt, teilweise mit Lehmreliefs geschmückt.

Während die ältesten Dörfer der Dogon wie Schwalbennester auf kleinen Felsterrassen der Falaise kleben, liegen die jüngeren, kompakteren Siedlungen verstreut am Rande des Felsengebirges in der weitläufigen Gondo-Ebene. Mehr als hundert von ihnen sind in ihrer baulichen Substanz noch rein geblieben, doch wurden viele Gebäude schon ihres künstlerischen Schmucks beraubt. Fast überall fehlen die geschnitzten Speichertüren begehrte Sammlerstücke, die von geschickten Zwischenhändlern oder Touristen aufgekauft werden. Doch auf dem Plateau hat sich noch echtes Kunsthandwerk erhalten. Hierher kommt man allerdings nur nach tagelangen Fußmärschen über glitschige, abschüssige Steilhänge und durch kleine Felstunnel, ausgesetzt einer nahezu unerträglichen Hitze. Diese Anstrengung wird allerdings immer wieder durch prächtige Ausblicke auf die endlose Sandebene des Gondo belohnt. Sie wirkt durch einzeln stehende Akazien wie eine Parklandschaft. In der Ferne vermählt sich der strahlend blaue Himmel mit dem kräftigen Rot der langgestreckten Bergkette, und manchmal schweben über der braungelben Ebene kleine weiße Wölkchen, die zum Greifen nahe scheinen.

Hier, abseits jeglicher Zivilisation, unterwegs zu sein ist nicht ohne Risiko. Man muss zum Beispiel darauf achten, dass sich die stacheligen Samenkapseln der Cramcram-Sträucher nicht durch die Kleidung ins Bein bohren, da dies zu schmerzhaften, eitrigen Entzündungen führen kann. Auch die auf dem ausgelaugten Boden verstreuten Steine, manchmal tückisch getarnt durch Grasbüschel, sind gefährlich. Geriete man ins Stolpern und verstauchte sich den Knöchel oder bräche sich das Handgelenk, gäbe es keine Hilfe. Nicht selten lauern unter solchen Steinklumpen auch giftige Schlangen und Taranteln. Dringend notwendig ist in diesem unübersichtlichen Gelände ein Dogon-Führer, der auch in den Dörfern den ersten Kontakt herstellen und für eine Übernachtungsmöglichkeit sorgen kann.

Nur durch ein kräftezehrendes Trekking kommt man zu dem geheimnisumwitterten Ort Yougodogorou mit seinen in die rote Bergwand geschlagenen runden Türmen und Höhlen, wo die große Maske "Iminana" geschnitzt und nur alle 60 Jahre bei einem "Sigi" genannten Fest gezeigt wird. Von hier aus führt der Weg weiter über steile Plateauabbrüche zu einem abrupten Abhang, von dem aus das Dorf Yougona zu sehen ist, das malerisch am Fuße der Falaise liegt, dann auf einem halsbrecherischen Pfad nach Yougopiri und schließlich in das kleine Dorf Weré in einer sonnendurchglühten Landschaft fast ohne schattenspendende Bäume. Auch die Dörfer Bamba und Damasongo liegen inmitten einer unbarmherzigen Natur - ringsum ödes, dürres Bergland und eine Grassteppe, die im Gegenlicht wie ein goldfarbenes Kornfeld schimmert. Ein eigenartiger Reiz geht von dieser Landschaft aus - vor allem, wenn die warmen, roten Strahlen der Nachmittagssonne die harten Konturen mildern und sie schließlich wie ein Feuerball verglüht.

Kassa, hoch oben auf dem Plateau gelegen, ist dagegen ein bezaubernder Flecken voller Leben. Auf dem Markt werden Haustiere und Stoffe, Obst und Gemüse, Fleisch, Geschirr, Werkzeuge und allerlei kunstgewerbliche Arbeiten angeboten. Hier berauscht ein Wirbel von Geräuschen und Gerüchen die Sinne, und die farbenprächtigen Trachten der Frauen, die Boubous der Männer und die Vielfalt der exotischen Früchte fesseln den Blick.

Rund um Soroli findet man Felsformationen, die an den Grand Canyon in den Vereinigten Staaten erinnern. Rot und orange leuchtet der Stein, durchwirkt mit lila Farbtupfern, mit blauen, violetten, grauen, gelben und grünen Streifen. Manche Oberflächen sehen aus wie im Fließen erstarrter Schlamm oder wie Falten eines gerafften Vorhangs. Schließlich kommt man nach Douzenta, in dem vor allem Fulbe aus dem Wakambe-Clan sesshaft geworden sind. Reizvoll an diesem Ort, der von den bizarren Ausläufern der Bandiagara-Falaise im Süden und dem Gadamia-Massiv im Norden umrahmt wird, ist der Sonntagsmarkt.