Auf dem »Strom der Ströme« in Mali

Orangenverkäuferin
Orangenverkäuferin

Am Anfang war »gla«, das Nichts.  Es sandte eine Stimme der Leere aus, welche »dhia«, das Doppel von »gla« schuf.  So entstand die Zwillingshaftigkeit, die dem ganzen Universum zugrunde liegt.  Zugleich wurde bereits das Prinzip der ewigen Bewegung, »yo«, geboren.  Aus ihr entstanden »pemba« (die siebenteilige Erde) und »faro«, der siebenteilige Himmel. »Faro« fiel als Regen auf die Erde.  Er selbst wurde durch die Vibration des Raumes befruchtet und gebar Zwillinge; um sie herum wuchs Gras.  Und Tau fiel so reichlich, dass daraus ein Rinnsal erwuchs, dem der Fisch »Nil« den Weg wies. »Faro« ritt mit seinen Kindern auf einem zweiten Fisch.  Sie begatteten sich und gebaren wieder Zwillinge.  Daraus entstanden die Bozo, das Fischervolk, welches die einwandernden Bambara schon antrafen. So beginnt die Schöpfungsgeschichte der Bambara am Oberlauf des Niger. Mit einer Länge von 4200 Kilometern und einem Einzugsgebiet von mehr als zwei Millionen Quadratkilometern ist der Niger der drittgrößte Strom Afrikas nach dem Nil und dem Kongo. Seit undenklichen Zeiten gibt es Schiffsverkehr auf dem Niger.  Schon in der griechischen Antike erwähnt Herodot das Bestehen eines ausgedehnten Flusslaufes in dem damals noch unbekannten Teil der Welt.  Später tauft der Römer Plinius diesen Strom »nigris«, der dann »gher-n-igheren« genannt wird - was in der Berbersprache »Strom der Ströme« bedeutet.  Alle bekannten Übersetzungen bedeuten »großer Fluss« für diesen großen Strom.  Er entspringt nur 300 Kilometer vom Meer entfernt nahe der Grenze zwischen Sierra Leone und Guinea.  Von dort beginnt er seinen lebensspendenden Lauf durch die Savannen und Wüsten von Mali und Niger, um sich schließlich in einem breiten Delta zwischen Mangrovenwäldern an der Küste Nigerias ins Meer zu schieben.

Eine Flussfahrt durch Mali ist wahrscheinlich die authentischste Art, sich mit der Niger-Landschaft vertraut zu machen. Durch die Bootsfahrt - im Gleichklang mit dem Wellenschlag des langsam dahinfließenden Flusses - lernt man Menschen und Landschaft ohne Hast keimen.

Mit einer Länge von 4200 Kilometern und einem Einzugsgebiet von mehr als zwei Millionen Quadratkilometern ist der Niger der drittgrößte Strom Afrikas nach dem Nil und dem Kongo. Seit undenklichen Zeiten gibt es Schiffsverkehr auf dem Niger. Schon in der griechischen Antike erwähnt Herodot das Bestehen eines ausgedehnten Flusslaufes in dem damals noch unbekannten Teil der Welt. Später tauft der Römer Plinius diesen Strom »nigris«, der dann »gher-n-igheren« genannt wird - was in der Berbersprache »Strom der Ströme« bedeutet. Alle bekannten Übersetzungen bedeuten »großer Fluss« für diesen großen Strom. Er entspringt nur 300 Kilometer vom Meer entfernt nahe der Grenze zwischen Sierra Leone und Guinea. Von dort beginnt er seinen Leben spendenden Lauf durch die Savannen und Wüsten von Mali und Niger, um sich schließlich in einem breiten Delta zwischen Mangrovenwäldern an der Küste Nigerias ins Meer zu schieben. Erst die Forschungen von 1790 und 1850 durch Mungo Park, Alexander G. Laing und von Heinrich Barth bringen Klarheit über den Lauf des Niger, der auch bei den kolonialen Eroberungen am Ende des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielt.

 

Bambara und Fulbe

Kona ist Ausgangspunkt unserer Schifffahrt mit einer Pinasse, die uns einige Tage in das Überschwemmungsgebiet des etwa 40000 Quadratkilometer großen Niger-Binnendeltas führen wird, der Kontaktzone der beiden Lebensweisen des Hirten- und Bauerntums. An den Rändern und in den fruchtbaren Überschwemmungsbecken des Niger kultivieren Bambara und Marka, aber auch die Sklaven und Abhängigen der Fulbe ihren Reis und die Sorghum genannte Hirse. Dagegen widmen sich die Fulbe fast ausschließlich der Viehzucht und dem Handel. Die Fulbe-Hirten mit ihren wagenradgroßen Hüten können geradezu als Symbolfiguren der Sahel-Landschaft gelten.

Am Strand von Kona, wo die Pinasse ankert, beobachte ich das unbekümmerte Treiben der Eingeborenen, während das Boot mit unserem Gepäck und mit Proviant beladen wird. Goldbronzene Mädchenkörper lassen sich von den tropischen Strahlen der Sonne umkosen, die sich auf der nassen Haut glitzernd spiegelt. Die Mädchen planschen in den kühlen Fluten, junge Frauen baden ihre Babys. Dann ziehen an meinen Augen vollkommen in Tücher gehüllte Frauen vorbei. Hinter den vor das Gesicht gezogenen Schleiern sind neugierige Augen mit anthrazitfarbenen Wimpern wahrnehmbar. Man spürt den Zauber, die Lebensfreude und die verhaltene Erotik dieser Menschen, die vom Stress der Zivilisation noch nicht geplagt sind.

 

Sonnenuntergang über dem Niger
Sonnenuntergang über dem Niger

Mit unserem Boot lassen wir das weithin unberührte Mali an uns vorbeiziehen. Die mit Schilfrohr überdachte Pinasse ist 24 Meter lang und zwei Meter breit, hat in der Mitte zwei geräuscharm Außenbordmotoren und sogar eine Feuerstelle, auf der unsere Gerichte gekocht werden.

Buntes Leben am Fluss

»Komm, lass uns plaudern mit dem großen Fluss«, singen die »Männer der Sprache« vom Niger, »der uns beruhigt und die Sorgen von uns nimmt« Die Sänger waren ursprünglich Zauberer geheimnisvoller Riten, später die Narren und Kritiker am Hof der Herrscher. Heute sind sie nur die Musikanten der Nation.

 

Auf dem Kanal und in den zahlreichen Seitenarmen des Niger liegen die Dörfer wie Burgen auf künstlichen Hügeln. In fast jedem Dorf findet sich eine Moschee im traditionellen Sudanstil.

Unsere Pinasse mit Kapitän in Kona
Unsere Pinasse mit Kapitän in Kona

Buntbemalte Pirogen und eindrucksvolle Pinassen, voll beladen mit Salz, Holz und Durrah, ziehen geräuschlos vorbei. Im langsamen Rhythmus des Niger lernt man die Kunst, ohne Hektik zu leben, Eindrücke zu speichern, die unvergesslich bleiben. Im Schilfrohr eingebettete Dörfer, um eine kleine Moschee im typischen Banko-Stil gruppierte Orte, von Wäscherinnen belegte Anlegeplätze, gleiten vorüber. Dünen mit feinem, weißem Sand umrahmen Ortschaften, die kaum auf Spezialkarten zu finden sind.

Wäschewaschen am Fluß
Wäschewaschen am Fluß

Der Kapitän kennt jede Untiefe der sich ständig ändernden Seenlandschaft. Durch übermannshohes Schilf steuert er das Boot, entkleidet sich bis auf die Hosen und springt dann in die kühlen Fluten, um Schilf zu schlagen, das er im hinteren Teil des Bootes verstaut. Fröhlich singend und lachend kommt er triefnass wieder in die Pinasse gestiegen und steuert sein Schiff in eine andere Richtung. Die Uferbänke sind bevölkert mit Reihern, Kormoranen und Ibissen. Sobald das Boot gelandet ist und einige Bretterstege ausgeworfen sind, empfangen uns Schwärme von Moskitos. Das ruhig dahin gleitende Wasser des Niger spiegelt die dunklen Schatten der Boote, die aus der untergehenden Sonne hervor wachsen - heimgekehrt vom Fischfang. Ein lauer Wind weht fremdartige Laute über die geheimnisvolle, leicht gekräuselte See.

Körperpflege am Fluß
Körperpflege am Fluß

Außer dem gleichmäßigen Tuckern des Motors sind nur Vogelstimmen aus der Tiefe des Schilfs zu hören. Über lehmschweres, warmes Wasser geht es an weißgelben Sandstränden vorbei. Hin und wieder schauen verzweigte Bäume herab auf das trübe, lehmfarbene Wasser, das manchmal auch blässlich wie Milchkaffee ist. Über allem liegt eine erdrückende Feuchtigkeit. Schwimmende, von Wasserhyazinthen gebildete Inseln kommen dem Boot entgegen. In der Ferne schimmert die grün gesäumte, gewaltige Seenlandschaft wie blauer Samt. Neben dem Boot gleiten Baumstämme vorbei und kleine Inseln, auf denen hochbeinige Wasservögel stolzieren.

Die Bozo

Von Kona bis zum Eingang des Sees durchfahren wir das Kernland der Bozo, die je nach Wasserstand den Fischen hinterher ziehen, um sie mit Reusen, Netzen und Hakenleinen zu fangen und anschließend auf Räucheröfen zu konservieren. Im Hinterland beaufsichtigen die Fulbe-Hirten ihre Rinderherden. Bei Niedrigwasser können wir erleben, wie diese Viehnomaden auf ihrer Wanderung Hunderte von Tieren in den Fluss treiben, ihnen Stöcke schwingend hinterher schwimmen und an der anderen Uferseite den Weg fortsetzen. Die Bozo sind Wanderfischer, die in Strohhütten immer gerade dort campieren, wo das Wasser ist. Das Fischen ist Männersache, den Frauen bleiben Verarbeitung und Verkauf vorbehalten. Jedes Dorf hat Räucher-Camps; oft werden die gefangenen Fische aber auch in der Sonne getrocknet.

 

Pinasse auf dem Fluß
Pinasse auf dem Fluß

Das Wasser des Niger verliert sich jetzt, im November, in einem Labyrinth von Flussarmen, Seen und Sümpfen. Auf der linken Seite des Niger erstreckt sich die Überschwemmungszone weit über hundert Kilometer tief in das Land hinein. Sie umfasst dort den Debo-See, den von Horo, von Gouandam sowie den Faguibinese-See, dessen Tiefe von 30,5 Meter ihn zum tiefsten See Westafrikas macht.

Die Pinasse tuckert über Sümpfe, kreuzt Kanäle. Inmitten der Sumpflandschaft tummeln sich verschiede Arten von Reihern, Ibissen, Fischadlern und Schwärme von Kormoranen. Ich lasse die Flusslandschaft an mir vorüberziehen, tauche mit dem Boot hinein in das Schilfmeer, verliere mich im Farbenrausch romantischer Sonnenuntergänge und tanze gemeinsam mit den Millionen Sternen, die sich im grünlichen Wasser ringsum spiegeln.

Guidia-Saré

Der Debo-See

Bei der Einfahrt in den Debo-See wird die Furt so flach, dass der Motor abgestellt werden muss. Danach wird der Fluss sehr breit mit vielen Sandbänken, auf denen sich zahlreiche Vögel versammeln. Man spürt bereits den Atem der Wüste. Der Debo-See zeigt sich als bleierner graublau schimmernde Fläche, kaum durch Wellen gekräuselt. Am Ufer türmen sich mit giftgrünen Büschen bewachsene Dünen. Es ist ein atemberaubend schöner Anblick, eine wunderschöne Landschaft, die hier am Rande des Sahel niemand erwartet. Gura, Sindégué und Guidia-Saré heißen die kleinen Ortschaften, die um den Debo-See herum angesteuert werden. Der Debo-See ist mit 4000 Quadratkilometern die größte zusammenhängende Wasserfläche des Nigerbinnendeltas; bei Höchstwasserstand sind von der Mitte des Sees keine Ufer mehr erkennbar. 

 

Diese Seenplatte empfinden wir wie ein riesiges Dampfbad. Bereits bei der geringsten Bewegung sind wir bis auf die Jacken durchgeschwitzt, die wir gegen die Moskitoplage anbehalten müssen. Das Abendessen in den Sümpfen muss teilweise im Stehen eingenommen werden. Sonst müssten wir Unmengen von, einfliegenden Insekten, die sich in unsere Schüsseln stürzen, mitessen. Die kleinen Käfer und Moskitos machen einen fast wahnsinnig, kriechen ständig in Nase, Mund und Ohren, versammeln sich in Scharen auf unseren Lunchbroten und dem Salat. Selbst im Stehen und Gehen muss man beim Essen aufpassen, dass man nicht versehentlich einige Tiere verschluckt. In der Nacht fallen die Moskitos massenhaft und mit lautem Summen in Sturzflügen auf unsere Moskitonetze. Wir machen kaum ein Auge zu. Die Schlafsäcke, die wir fluchtartig aufsuchen, sind durch die hohe Luftfeuchtigkeit triefnass. Es kostet einige Überwindung, in sie hineinzukriechen.

Straßenallee in Mopti
Straßenallee in Mopti

Mopti - wieder im Hotel

Nach einer guten Woche Niger-Kreuzfahrt sind wir in Mopti. Wir stürzen in das Hotel, warten ungeduldig, dass die Hotelzimmer frei werden. Die Dusche im Hotel wird ausgiebig genutzt. Salben, Pflästerchen, Tabletten und Sprays finden reichlich Anwendung. Bemerkenswert an diesem Hotel ist übrigens, dass abends im Garten und auf den Stufen zu unseren Unterkünften massenhaft Kröten sitzen, auf die wir unweigerlich treten, wenn wir die Taschenlampen nicht benutzen. Immerhin wird durch diese glitschigen Tiere wenigstens die Moskitoplage in erträglichen Grenzen gehalten.