Karibik

Meine Reisen

 

6. Januar 1987 - 17. Januar 1987 (Kreuzfahrt)

Antigua & Barbuda, Barbados, Dominica, Dominikanische Republik, Grenada, Guadeloupe, Martinique, St. Vincent, San Martin, Trinidad & Tobago, Anguilla, St. Lucia

Käpt'ns Dinner auf dem »Traumschiff« (MS Berlin) 1987

Literatur

Mit dem Traumschiff in der Karibik. Wenn Träume zum Alptraum werden, Reisefieber, Juli/August 1987

Wenn Träume zum Alptraum werden - Eine Reise mit dem Traumschiff in die Karibik

Seit Jahren schwebte sie mir vor: eine Traumreise mit dem „Traumschiff“ in die Karibik. Eine Kreuzfahrt zu den Kleinen Antillen - spätestens seit der Fernsehserie vom „Traumschiff“ ist das eine Reise, von der Millionen träumen. Ein Hauch von Luxus und Eleganz an Bord, von Abenteuer und Exotik an Land - das war die prickelnde Kombination, die ich mir von einer solchen Reise versprach.

Die Traumreise ist vorüber. Der Traum auch. Er ist ausgeträumt - ich bin wieder zu Hause. Die Hektik des Alltags hat mich wieder, Schnee und Glatteis begrüßten mich in der Heimat. Vorbei die goldweißen oder vulkanisch schwarzen Sandstrände der Karibik. Weit entfernt das türkisblaue Karibische Meer und der indigofarbene, windgepeitschte Atlantik. Verloren der strahlend blaue Himmel und die bilderbuchmäßigen Sonnenuntergänge, die man in allen Farbschattierungen erleben kann. Unwiederbringlich dahin die üppigen tropischen Regenwälder mit ihren exotischen Blumen, Früchten und Gewächsen.

Was ist geblieben an unvergesslichen Eindrücken? Was habe ich gelernt von Land und Leuten, von ihren Problemen, von ihrer Liebes- und Leidensfähigkeit? Welche unverwechselbaren Erlebnisse sind mir in bleibender Erinnerung geblieben?  Sicher, da waren die traumhaften, endlosen, feinsandigen Badestrände. Es gibt sie wirklich auf Barbados und Antigua, auf den Grenadinen und Tortola. Und die schattenspendenden Palmenhaine, der tropische Regenwald und die rauchenden Vulkane? Sie existieren wirklich, man kann sie auf Tobago und Grenada bewundern. Zum Vulkan Soufrière auf der Insel St.Vincent kann man einen Ausflug machen, den Mont Pelée auf Martinique kann man sehen: Sein vulkanischer Ausbruch hat im Mai 1902 die größte Vulkankatastrophe der Neuzeit herbeigeführt, als 30 000 Menschen damals in der Stadt St. Pierre umkamen. Dichter Regenwald bedeckt die Berginsel Dominica, auf der sich zahlreiche Wasserfälle über die Felsen in die Tiefe stürzen. Durch die vulkanische Tätigkeit sind Geysire und Fumarolen (Dampfquellen) entstanden, die eine besondere touristische Attraktion bilden. Und auch im Südwesten der britischen Jungfern-Insel Tortola gibt es einen tropischen Regenwald, der zu besichtigen ist. Nur: Was ist außer diesem sehr allgemeinen Eindruck der Exotik sonst noch haften geblieben? Es gibt kaum eine mannigfaltigere Inselwelt mit so unterschiedlichen Kulturen, so verschiedener Vegetation wie auf diesem Archipel vor den Küsten Mittelamerikas, habe ich in einem Reise-Ratgeber gelesen. Mitbekommen habe ich in der Eile davon wenig.

 

Inselidylle mit 400 Mitreisenden

Denn so sah das Programm aus: In der Regel jeden Tag Ankunft um 7.00 Uhr morgens auf einer anderen Insel, Abfahrt 19.00 Uhr. Dazwischen zwei- bis vierstündiger Landausflug.

Wie hatte ich mich auf die Landausflüge gefreut! Da ich kein Liebhaber von üblichen Kreuzfahrten bin, während derer oftmals Essen und Sonnenbaden die Haupt-Urlaubsbeschäftigung ist, waren diese Landausfluge für mich der eigentliche Anreiz gewesen, diese Reise zu buchen. So konnte ich, hatte ich mir leichtsinnigerweise gedacht, möglichst viel von der Vielfalt und Eigenart jeder dieser Kleinen Antillen mitbekommen. Sicher, auch die Fahrt mit dem »Traumschiff« hatte mich gereizt, einmal die »große Welt« entdecken, »feine Leute« kennen lernen. Doch sollte dieser Urlaub hauptsächlich eine Reise sein, mit Erlebnissen und Eindrücken in einer fremden, exotischen Welt. Und nun dies: Mit jedem „Landgang“ wurden die kleinen Inseln von rund 400 Ausflüglern überschwemmt. Alle auf einmal, Taxi auf Taxi, Kleinbus auf Kleinbus, die gleichen Routen entlang. Massentourismus! Ein Schockerlebnis für mich - Gruppenreisen mit dieser Massenansammlung hatte ich noch niemals zuvor erlebt. Vierhundert Passagiere drängen zur gleichen Zeit von Bord. Über achtzig Taxis und Kleinbusse stehen jedes Mal zum Abtransport bereit. Vierhundert überwiegend ältere Menschen, darunter viele Gehbehinderte, drängen, stolpern in die Boote, die Busse, die Taxis. So etwas fährt offenbar zwangsläufig zu Hektik, zu Drängelei und Rücksichtslosigkeit. Die Masse macht's - ein seltsames Phänomen. Jeder hat seinen Ausflug gebucht. jeder weiß, dass er einen garantierten Anspruch auf seine Rundreise hat - wo kämen sonst die Veranstalter hin? Aber die meisten wollen die Ersten sein. Als erste an Bord der Chartermaschine sein, zuerst das kalte Buffet kosten, im ersten Bus sitzen. Natürlich mit Familienangehörigen und Freunden. Sechs, acht Leute wollen gemeinsam in einem Taxi untergebracht werden. Wie soll dies realisiert werden in den kleinen Wagen? Unmöglich, unannehmbar, sich für zwei Stunden aus den Augen verlieren! Die beiden reizenden jungen Damen der Reiseleitung haben manche Nuss zu knacken. Und es ist keine Gewürz-Nuss von der Insel Grenada!

Dennoch, einen Eindruck von der Schönheit dieser Inseln bekomme ich doch, wenn auch aus der typischen Perspektive des gehetzten Touristen einer unerbittlich in Zeitzwängen steckenden Gruppenreise. Es ist eben eine touristische Ghettosituation, in der ich mich befinde: Vorgegebenes Programm, organisierte Begegnung mit Einheimischen - seien es Folklore-Gruppen oder Bedienstete im Tourismussektor, also Taxifahrer, Kellner oder Händler.  Selten habe ich es so deutlich gespürt: das gegenseitige ökonomische Interesse solcher Kontakte ist denkbar ungeeignet für tiefer gehende persönliche Beziehungen.

Dominikanische Republik
Dominikanische Republik

Die Eindrücke von der Karibik verwischen sich erstaunlich schnell zu einem Brei von glasklarem blauen Meer, mitreißenden Calypso- und Limbo-Rhythmen, von Rum-Punsch und tropischem Regenwald. Ein Ferienparadies, das alljährlich von den Urlauberwellen der Europäer und Nordamerikaner überschwemmt wird.  Meine Mitreisenden und die Mehrzahl der Kreuzfahrer scheinen gar nicht wirklich in der Karibik zu sein. Mit Kameras ausgerüstet, die sie oftmals gar nicht richtig bedienen konnten, schossen sie recht wahllos aus allen Rohren, möglichst mit Weitwinkel, damit »mehr drauf kommt«. Und wo es sich anbot, wurde gebadet.

Alltäglicher Höhepunkt nach jedem Landgang: Shopping. Wie Opfertiere wurden sie durch die Reihen der Verkaufsstände am Hafen durchgeführt - die meisten blieben auch an den Ständen hängen. Als außergewöhnliches Erlebnis wahrgenommen und als höchst exotisch eingestuft wurden die hübschen Folklore-Darbietungen, nett für die Touristen hergerichtet, und die eine oder andere »Kon Tiki«-Floßfahrt mit Musik und Rum-Punsch.

Man flieht von Insel zu Insel. jede einzelne wert, auf ihr ein Robinson Crusoe-Leben zu führen. Das äußere Erscheinungsbild der Insel mit Blick vom Schiff ähnelt sich, und so habe ich Mühe, die Dias zu sortieren, allzu verwechselbar scheinen die Motive - das persönliche Erlebnis fehlt. Ein unverwechselbar individueller Eindruck, eine unvergessliche Stimmung - sie blieben aus. 

Was bleibt sind natürlich die unvergesslichen Eindrücke unserer Reise. So von Barbados, der ersten Station auf der Kreuzfahrt. Vorposten der karibischen Inselwelt, weit draußen im Atlantischen Ozean. Herrliche Strände umsäumen die Insel, die aus korallogenem Kalkstein besteht. Oder Tobago, mit seinen schönen Palmenstränden, paradiesisches Anhängsel des großen Bruders Trinidad, vornehmlich für ruhesuchende Touristen geeignet.  Wundervolle Strände mit sanften Buchten verlocken zum Baden auf dieser grünen Insel, die durch liebliche Täler und hügelige Landschaft geprägt ist. Der Fischerort Charlotteville an der Nordküste wird vom 576 m hohen Pigeon Peak überragt und liegt etwas über der Man O'War Bay, einem der schönsten Naturhafen der Karibik. 

Grenada
Grenada

Mit der Zwischenstation Grenada endet der vulkanische Innenbogen der Windward Islands, der »Inseln über dem Winde«, gegen Süden. Ein Gebirgszug über die ganze Länge der Insel hebt sie bis zu einer Höhe von 840 Metern. Im Innern der kleinen Insel begeistern Wasserfälle und Bäche, Vulkane und üppiger tropischer Regenwald, Gebirgsland und kleine Strandbuchten. Pastellfarbene Häuser mit ihren roten und grünen Dächern schmiegen sich an die Hänge um die Hafenbucht. 

St. Vincent
St. Vincent

Oder St. Vincent. Ein Gürtel glänzend schwarzer Sandstrände umgibt diese britische Insel, die als „Insel der Katastrophen“ traurigen Ruhm erlangte. Bereits 1675 lief ein Sklavenschiff vor der Südküste auf ein Riff. Vulkanausbrüche, Gelbfieber-, Malaria- und Cholera-Epidemien, Flächenbrände, Hurrikane und Sturmfluten suchten die ärmste der Inseln heim. Zu allem Überfluss wird das Korallenriff vor der Küste, das bisher vor der Atlantikströmung schützte, langsam, aber sicher abgebaut. Vom Fort Charlotte hat man einen herrlichen Ausblick auf die Grenadines-Inseln. Eine dieser Grenadines besuchen wir außerplanmäßig: Bequia, 16 km von St. Vincent entfernt.

Martinique
Martinique

Oder Martinique, eines der französischen Überseedepartements und eines der beliebtesten Reiseziele in der Karibik. Teuer, typisch französisch, mit den angeblich hübschesten Mädchen der karibischen Inseln. Die fruchtbare Lava-Landschaft sorgt für üppige tropische Flora und bildet sicherlich einen der schönsten Regenwälder des Archipels. Hier nahmen wir an einem Ausflug teil, bei dem die Taxis ohne Rücksicht auf touristische Bedürfnisse am schnellsten dahinrasten.

Frau auf Martinique
Frau auf Martinique

Die kleinste Karibik-Insel, die wir besuchten, war Antigua, eine der Leeward-Inseln, ein beliebter Treffpunkt und geschützter Ankerplatz der Hochseejachten. Diese Buchten im Süden der subtropisch-trockenen Insel waren einst beliebte Schlupfwinkel der englischen Flotte im Kampf gegen die spanischen Rivalen. Nelson begann hier seine Karriere. Reste alter Mauern und einige alte Kanonen erinnern daran, dass von hier aus die Marinebasis gesichert wurde. Antigua ist eine Insel wie aus dem Bilderbuch mit ihren unzähligen Badebuchten, dem glasklaren Wasser und den großen Hotels.

Dominica, Blick auf Roseau
Dominica, Blick auf Roseau

Unvergesslich auch die Berginsel Dominica, die sich als grüne Wand steil aus dem Meer erhebt. Die urwaldähnliche Vulkaninsel ist gebirgig, das Landesinnere schwer zugänglich und weitgehend unerschlossen.  Der wilden und unzugänglichen Natur verdankt die einzige Insel, auf der noch karibische Ureinwohner leben, ihre weitgehende Unberührtheit und eine Naturlandschaft von einzigartiger Schönheit.

Wasserfall auf Dominica
Wasserfall auf Dominica

Ganz anders dann Sint Marteen/Saint Martin: zweigeteilt zwischen Frankreich und den Niederlanden. Ein herrlicher Sandstrand vor grünbewaldeten' Bergen und viele Lagunen, Buchten und Landzungen bleiben in Erinnerung. Festungsminen aus der Eroberungszeit und herrliche Ausblicke auf die Nachbarinseln machen den Reiz der kleinen Insel aus.

Tortola
Tortola

Und schließlich Tortola, Teil der britischen Jungferninseln, beliebtes Erholungsgebiet der Nordamerikaner. Die Insel ist recht bergig und kennt viele schöne Buchten mit herrlichen Sandstränden. Hier hält man nicht viel vom Massentourismus; die beliebtesten Gäste sind die Segler, die mit ihren schnittigen Jachten einsame Reviere erkunden können.

Für mich einer der landschaftlichen Höhepunkte war die Fahrt den Orinoco hinauf, einem der größten Flüsse der Welt, mit einem Delta so groß wie die Schweiz. Ein Boot bringt uns zur Mündung des Rio Caroni, wo sich die verschiedenen Farben des schlammhaltigen braunen Orinoco mit dem eisenhaltigen blauen Rio Caroni vereinen. Gewaltig die Cachamay-Stromschnellen und die Llovizna-Wasserfälle.

Ergebnis: Wer sich erholen, im türkisblauen Meer baden, sich an weißen Sandstränden aalen will - der wird dies in der Karibik können. Die Kleinen Antillen lassen einen Urlaub wie aus einem Bilderbuch möglich werden. Mit einem Kreuzfahrt-Schiff wird man Land und Leute zwar nicht kennen lernen. Auch Abenteuerlust und Naturabgeschiedenheit wird man allenfalls auf einer Segeljacht-Törn kennen lernen, wie sie durchaus angeboten wird. Doch zumindest die Reisenden des »Traumschiffs« wollten es in ihrer überwiegenden Zahl auch nicht anders haben. Und für all die wird sich der Traum vom Traumschiff erfüllt haben.

 

© Rainer Waterkamp