Kamerun

Meine Reisen

7. Januar 1983-5.Februar 1983 (Westafrika-Rundreise)

 

Literatur

Der Harmattan bringt den Sand der Sahara. Im Norden Kameruns, FAZ, 20. Dezember 1990

Foumban
Foumban

Der Harmattan bringt den Sand der Sahara 

 

Kamerun, benannt nach dem portugiesischen Wort für »Krabbenfluss«, gilt als ein Miniatur-Afrika: mit grünen Hochebenen und flachen Dürregebieten, eindrucksvollen Wasserfällen und lange Sandstränden. Dazu begegnen sich hier mehrere Kulturkreise. Fast zweihundert Stämme leben in dieser Republik, Englisch und Französisch sind gleichberechtigte Sprachen. 

In Douala, der großen Hafenstadt, in der das »zeitgenössische« Afrika mit seine ganzen verwirrenden Mischung aus moderner Architektur und Blechhütten, klimatisierten Hotels und dunstiger Schwüle wohl jeden von seinen romantischen Vorstellungen heilt, sind wir nicht lange geblieben, sondern haben uns nach Norden auf den Weg gemacht, durch ein kühles, bewaldetes, von breiten Tälern und tiefen Schluchten durchschnittenes Bergland mit Seen und rasch fließenden Flüssen, vorbei an großen Kaffee-, Bananen- und Kautschuk-Plantagen.  Dies ist das Land der Bamiléké, eines kunstsinnigen Volkes, das schöne Häuser aus Lehm baut, die von einem riesigen kegelförmigen Strohdach gekrönt werden, und Türen und Dachpfosten mit Schnitzereien versieht. Nicht minder schön sind die Holzmasken, die Bronze- oder Kupferfiguren, die Korb- und Töpferwaren. Leider entstehen anstelle der traditionellen Häuser immer häufiger armselig wirkende Behausungen mit Wellblechdächern.

Eine erste wichtige Station ist Foumban, der ehemalige Sultansitz mit einem zweistöckigen Palast, der durch einen Zentralturm gegliedert wird. Es ist ein wunderliches Gebäude, eine Mischung aus orientalischem Palais und mittelalterlicher Burg. Die Pläne für diese Residenz hat der legendäre Sultan Njoya selbst angefertigt. 1917 war sie bezugsfertig. Heute gibt es hier ein »Museum«, zwar eher eine bunt zusammengewürfelte Rumpelkammer, doch durchaus sehenswert. Im Garten findet man das Grab der Mutter des Sultans. In deutscher Sprache kann man lesen, dass sie im Jahre 1913 gestorben ist.

Njoya hat in seinem Leben alle Kolonialherren Kameruns kennen gelernt: die Deutschen, die 1884 ins Land kamen und deren "Schutztruppe" 1916 vertrieben wurde, die Franzosen und die Engländer, die Kamerun als Völkerbundsmandat übernahmen. Er muss ein außergewöhnlicher Mann voller Tatkraft gewesen sein. Für den Bau seines Palastes gründete er nicht nur eine Ziegelei und zwei Sägewerke, sondern er holte auch die geschicktesten Holzschnitzer und besten Maler des Bamoun-Stammes nach Foumban und erfand sogar eine Art Zement aus Harz, Palmöl und Asche. Da er Islam und Christentum kennen gelernt hatte, die ihm aber nicht zusagten, stiftete er im Land der Animisten kurzerhand eine neue Religion. Doch bald setzte sich der Islam im Land durch. Mehr Glück hatte er mit einer eigenen Schrift, bestehend aus 83 Zeichen, die er durch eine eigens errichtete Druckerei und neue Schulen verbreiten ließ.

Sehenswert ist hier noch immer das aus Bambusrohren zusammengesetzte Haus, in dem sich einst die Männer zum großen Tam tam trafen. Die große Trommel, die zu besichtigen ist, diente dazu, die Krieger der Bamoun herbeizurufen.

Das Adamaoua-Hochland erstreckt sich halbmondförmig in einer Breite bis zu 300 Kilometern von Westen durch die Mitte des Landes nach Osten - durchsetzt mit spitzen Hügeln und vulkanischen Einbrüchen. Die im Busch verstreuten Dörfer scheinen mit der Vegetation zu verschmelzen. Mitten in dieser schönen Landschaft liegt Ngaoundéré. Die Stadt verdankt ihren Namen (»Der Nabelberg«) einem Hügel im Süden, auf dessen Spitze eine kahle Kugel sitzt. In dem moslemisch geprägten Ort fällt die große rot-weiße Kirche auf. Noch beeindruckender aber ist der Palast des Lamido, ein gewaltiger, von hohen Lehmmauern umgebener Bau. Ringsherum breiten sich Hütten aus, deren kegelförmige Strohdächer tief bis zum Boden reichen.

Ngaoundéré ist Zivilisationsgrenze. Von hier ab sind die Fulbe das beherrschende Volk, dem man von jetzt an immer wieder begegnet. Wenn hier ein Fest gefeiert wird, sind die Reiter des Sultans zu sehen, stolze Gestalten in weiten, farbenfroh gemusterten tunikaartigen Gewändern, die »Lamschi« genannt werden. Die tiefschwarzen Gesichter sind mit weißen Turbanen umhüllt. Am Gürtel hängt das traditionelle Schwert mit kostbarem Knauf.

Im Norden der Stadt endet das Adamaoua-Hochland jäh an einem Steilfelsen. Von hier aus öffnet sich der Vorhang aus Staub und Hitzeschleiern und gibt den Blick frei auf die weite Bénoué-Ebene. Inmitten dieser rötlich schimmernden Buschlandschaft, aus der manchmal kleine weiße Baumwollhaufen hervorragen, liegt Gorona, der einzige Binnenschiff-Hafen des Landes. Doch normalerweise strömt nur drei Monate ausreichend Wasser vom Adamaoua-Hochland in die kleine Stadt am Bénué-Fluss.

Über die immer mehr austrocknenden Ebenen im Norden treibt der heiße Wüstenwind Harmattan den feinen Sandstaub der Sahara vor sich her, der sich wie ein grauer Schleier über das Land legt. Diese Gegend wirkte wie menschenleer, bis im späten Nachmittagslicht Männer auf Pferden auftauchten, die in der flimmernden Luft zu schwimmen schienen: in weite blaue und weiße Boubous gekleidet, den in Nigeria und Nordkamerun typischen Fez auf dem Kopf, die Lederpeitsche in der Hand, die Pferde prächtig mit vielfarbigen Decken und buntem Zaumzeug geschmückt.

Noch weiter nach Norden erstrecken sich halbdürre Gebiete, in denen die Sonne erbarmungslos auf Menschen, Tiere und spärliche Vegetation hernieder brennt - bis nach Maroua. Attraktion ist hier der bunte Montagsmarkt. Die geheimnisvolle erdfarbene Stadt mit ihren schattigen Avenuen ist Ausgangspunkt für den Besuch der seltsamen Mandara-Berge, aus denen merkwürdig geformte, spitze Gipfel emporragen - die »Kerzen von Kapsiki«. Eine schnurgerade Straße durch die Steppe führt auf den Fuß des Bergzuges zu, wo unter verdorrten Bäumen aus Lehm erbaute Rundhütten stehen, die sich allein durch hellgelbe Strohdächer vom Boden abheben. Meist sind mehrere zu sogenannten Sarés zusammengedrängt, in denen die Frauen leben. »Eine der edelsten der ganzen Welt«, hat André Gide diese Landschaft genannt, fasziniert von den bizarren Gesteinsformationen. So weit das Auge reicht, erblickt man riesige Bergspitzen aus Lava, die sich aus dem Boden mit ihren fast glatten Wänden wie Felsnadeln erheben.

Hier leben Volksgruppen, die unter der Bezeichnung »Kirdi« (Heiden) bekannt sind. Ihr Hauptort Rhumsiki ist die Hochburg des Kamerun-Tourismus, und so ist denn auch fast alles auf die Fremden ausgerichtet. Da formen Töpferinnen in Windeseile runde Töpfe und färben sie mit Kalzedratöl schwarz. Ein Schmied zeigt seine Fertigkeiten im Kupfergießen, und der Zauberer sagt den Zuschauern mit Hilfe einer Krabbe die Zukunft voraus. Am Beispiel der Kirdi lässt sich drastisch der dramatische Zerfall der Kultur eines Volkes veranschaulichen. Gegenüber den islamischen Fulbe vermochten sie zwar ihr geistiges Erbe verhältnismäßig lange Zeit zu bewahren. Doch die Einflüsse der vom Norden immer weiter südlich vordringen den fanatischen Marabuts haben die Traditionen dieses Volkes ständig zurückgedrängt..

Nördlich von Maroua liegt Mora, ein langgestreckte Stadt mit schattigen Alleen. Neben den auch hier sich durchsetzende viereckigen Häusern mit Wellblechdächern findet man noch einige hübsch Hütten, die von kleinen Lehmmauern umfriedet sind.

Auf einer reizvollen Piste entlang herrlicher Terrassen, die mit leuchtend grünen Hirsepflanzen bedeckt sind, führt die Route nach Oudila, einem Prodoko-Dorf, dessen geschäftstüchtiger Häuptling dadurch bekannt ist, dass er etwa 50 Frauen und Kinder gegen Bezahlung barbusig vor den Touristen tanzen lässt.

Besondere Anziehungskraft des Maroua-Gebiets ist der Waza-Nationalpark, in dem alle Tiere der Steppe und der Savanne versammelt sind: Elefanten, Giraffen und Antilopen. Es heißt früh aufzustehen im recht komfortablen Camp von Waza, denn die ersten Pirschfahrten durch den am meisten besuchten Nationalpark in Kamerun beginnen vor der Morgendämmerung, wenn die Tiere zur Tränke kommen.

Am Abend färbt sich der Himmel über diesem Land blutrot. Schwarz heben sich davor die Hütten des Camps ab, über denen schon bald ein milchiger Mond, faul auf dem Rücken liegend, steht. Noch einmal geben an einem Wasserloch die tierischen Statisten eine Galavorstellung, und die afrikanische Nacht beginnt zu sprechen. Dann wird es schlagartig still.

 

© Rainer Waterkamp

 

Ngaoundéré
Ngaoundéré