Jemen

Meine Reisen

11. Januar 1985 - 27. Januar 1985

Bergjemen - Entlang der Weihrauchstraße

 

Reise vor dem Bürgerkrieg

Arabia felix, glückliches Arabien, nannten die Römer das Gebiet des Jemen. Die Legende erzählt von dem unermesslichen Reichtum des Küstenstreifens im Südosten der arabischen Halbinsel. Dessen viele Jahrhunderte währende Abschottung wurde erst allmählich aufgegeben. Es ist - wie viele Länder im Vorderen Orient - aufgrund von Bürgerkriegen für Touristen nicht mehr zugänglich.

 

Sana'a hat sich den Charakter einer mittelalterlichen orientalischen Stadt bewahrt. Die Hauptstadt des wiedervereinten Jemen wird umschlossen von einer gewaltigen Lehmziegelmauer und überragt von den Minaretten der Moscheen. Die luftigen, lichtdurchfluteten, bis zu sieben Stockwerke hohen Häuser aus behauenen Steinblöcken sind Meisterwerke jemenitischer Architektur. Ihre reich verzierten Fassaden werden überzogen von sorgfältig ausgeführten Ornamenten aus Stuck. Die Altstadt ist ein Labyrinth aus kleinen Gassen mit bunten Läden und winzigen Werkstätten. Martialisch aussehende Männer mit dein traditionellen Krummdolch am Gürtel und verschleierte Frauen vermitteln Impressionen in einer verwirrenden Vielfalt an Farben und Formen.

Einzelne Viertel des Suk, des Marktes, sind bestimmten Berufsständen vorbehalten, so Tischlern und Schmuckhändlern, Schmieden oder Gewürzverkäufern. Eine Vielzahl von Spezereien verströmen alle Wohlgerüche Arabiens. In großen Säcken lagern Muskat und Zimt, Ingwer und Pfeffer. In riesigen Bastkörben türmen sich Erdnüsse, Pistazien und Rosinen. Feilgeboten werden auch anthrazitfarben schimmernde Körner, die von großen Blöcken abgebrochen werden: Weihrauch, dem die antiken Königreiche Südarabiens ihren Reichtum verdankten.  Süßigkeiten aus Honig und Mandeln leuchten wie Bernstein in der Sonne. In den dunklen Gewölben der Karawansereien trifft man sich, um glühend heißen und sehr süßen Tee zu trinken, der mit Kardamon, Nelken und Muskat gewürzt wird. Oder man löscht den Durst mit Kescher, einem Getränk, das aus den Schalen der Kaffeebohnen gebrüht wird. Mit einer Prise Pfeffer versehen, ist es in der Mittagshitze recht erfrischend.

Doch dieser Eindruck täuscht. Vor der Stadtmauer, die die Altstadt von Sana'a umschließt, ist die Stadt hektisch und laut wie jede moderne Metropole. Zahlreiche Fahrzeuge stehen hupend im Stau. In den Regalen der Händler stapeln sich billige Importprodukte aus Taiwan und Korea.

Unser erstes Ziel liegt nur einige Kilometer außerhalb von Sana'a. Das grüne Wadi Darr ist ein beliebtes Ausflugsziel für jemenitische Familien. Inmitten dieser Flussoase mit tropisch anmutender Vegetation, die von steilen Felsbrüchen begrenzt wird, finden sich an einem Felsblock aus hellem Gestein prähistorische Felszeichnungen. Diese belegen, dass das jemenitische Hochland schon lange vor der Entstehung antiker Hochkulturen eine menschliche Wohnstätte war. In den fruchtbaren Gärten wachsen Weinbeeren und Mandelbäume, Feigenbäume und Granatäpfel, Aprikosen und Kat-Sträucher. Die grüne Oase wird umrahmt von roten Felsen, in denen bizarr anmutende Kakteen wuchern. Am oberen Ende des Wadis liegt, auf einem isolierten Sandsteinfelsen thronend, die Burg Dar al Hadschar, ehemals Sommerresidenz des Imam Yachyas.

Auch Schibam, bekannt durch seine im Stadttor eingemauerten alten hinjarischen Schrifttafeln, gehört zum näheren Umkreis der Hauptstadt. Der Ort liegt unterhalb eines in die Ebene greifenden Zungenberges, auf dem die Festung Kaukaban thront, die von massiven Mauern umgebene Fluchtburg von Schibam. Vielen Häuser ragen nur noch als gespenstische Ruinen in den Himmel, denn die Stadt wurde als Zufluchtsort von Royalisten im Bürgerkrieg der sechziger Jahre stark zerstört. Von hier oben genießt man einen herrlichen Ausblick auf die tiefergelegenen Plateaus mit ihren isoliert Liegenden Tafelbergen und Vulkanen. Die Übernachtung in einem Funduk, einer einheimischen Herberge, ist ein Erlebnis. Eine dicke Holztür versperrt den Zugang. In gebückter Haltung muss sich der Besucher durch den niedrigen Eingang zwängen. Dunkelheit und unterschiedlich hoch angelegte Stufen verhindern ein rasches Ersteigen, wodurch ein guter Schutz gegen ein gewaltsames Eindringen gegeben ist. Nur die oberen Stockwerke verfügen über Fenster, die größer sind als die Schießscharten der unteren Etagen. Die Wände sind mit Lehm bestrichen, verputzt, gemeißelt und sparsam mit Wandbehängen geschmückt. Ringsherum reihen sich niedrige Sitzkissen. Die Mitte des Hauptraumes ist mit Teppichen ausgelegt.  Die kleineren Räume dienen als Schlafzimmer.

Das nur zehn Kilometer von Schibam entfernte, am Fuße eines steilen Felsens gelegene Thulla ist ein Zeugnis des frühen islamischen Städtebaus. Das Städtchen weist noch ein geschlossenes mittelalterliches Stadtbild auf.  So besitzt es eine intakte steinerne Mauer mit drei gut erhaltenen Stadttoren und weist ein vollständiges Befestigungssystem mit Laufmauern, Türmen, Zisternen und unterirdischen Gängen auf. In den Gassen bieten sich immer neue Fotomotive. Ähnlich wie Schibam mit der Festung Kaukabam besitzt auch Thulla einen Burgberg.

Die Dörfer, die vereinzelt an den Berghängen kleben, bieten einen überwältigenden Anblick. Wie die Burgen des Mittelalters liegen sie am Rande steiler Felshänge als Befestigungsanlagen oft mehrere hundert Meter über tiefen Schluchten. Wohnfestungen gleich, scheinen sie untrennbar mit der Landschaft aus Fels und Sand verwachsen zu sein. Die Mauern der Häuser bestehen aus behauenen Steinquadern, die zumeist ohne Verwendung von Mörtel zusammengefügt sind. Einmal im Jahr müssen die Fassaden mit feuchtem Lehm neu überzogen werden.

Die Bergketten, die oftmals in Nebel gehüllt sind, erstrecken sich ins Endlose. Herden schwarzer Ziegen ziehen inmitten einer Wolke aus Dunst und Staub dahin. Dicht am Abgrund pflügen Bauern mit ihrem Kamel, ihrem Esel oder dem Höcker-Rind den schmalen Streifen Ackerboden, der ihnen zur Verfügung steht. Die Siedlungen um die Burgen sind so steinfarben wie die Berge. Trockenmauern halten die aufeinandergereihten Terrassen, auf denen spärliches Grün zu erkennen ist. Frauen in wallenden schwarzen Gewändern schöpfen Wasser aus den Zisternen.

Die Strecke hinauf nach Menacha gehört zu den landschaftlich schönsten im nördlichen Jemen. Das urbane Zentrum inmitten fruchtbarer Berghänge ist eine der höchstgelegenen Städte des Landes. Oberhalb auf einem Felsen liegt die Ortschaft Kahel, desgleichen Hadschara. Die Häuser sind so dicht aneinander gebaut, dass die Außenfassaden gleichsam eine Wehrmauer bilden. Ein Steinplattenweg führt durch das befestigte Tor ins Innere der Stadt. Nördlich dieser Siedlung schlüpft die Straße nach einer weiten, tiefen Senke über einen Sattel. In den schroffen Bergen des Nordens zeigt sich eine archaische Landschaft.  Hier befinden sich die Bastionen des Widerstandes gegen die zentrale Gewalt. Festungen, die nur auf beschwerlichen Wegen erreichbar sind, sind Zeichen dieser Macht und dienen zugleich als Zufluchtsorte. Schahara beispielsweise erreicht man nur auf einer steilen und steinigen Piste, die eine Höhendifferenz von eineinhalbtausend Meter überwindet. Die Steigung des Weges ist der Kletterfähigkeit von Eseln angepasst. Und so humpelt unser Geländewagen über unwegsam Steinhaufen dicht an tiefen Abgründen vorbei. Für die letzten Kilometer zur Stadt wird dann jeder Reisende auf grüne Toyota-Pickups verfrachtet, die von lokalen Fahrern gesteuert werden. Entlang der Piste verläuft eine Wasserleitung. Ein Geschenk des japanischen Autoherstellers, der hier einen Werbefilm für seine Autos gedreht hat. Von dem 2450 Meter hoch gelegenen Felsennest mit seinen eindrucksvollen Steinhäusern bietet sich ein schöner Blick auf die weit unten liegenden Talebenen und die zahlreichen Terrassenfelder, die sich an die steilen Berghänge schmiegen. Sorgfältig in Feldsteinen aufgeschichtete Mauern verlieren sich auf himmelstürmenden Bergspitzen. Für größere Siedlungen ist die Region nicht geeignet, zumal auch die zur Verfügung stehenden lokalen Wasservorräte begrenzt sind.

  In Schahara wird in der Regenzeit jeder Tropfen in Zisternen gesammelt, wo sich im stehenden Wasser ein leuchtend grünes Blättermeer aus Algen und Pflanzen bildet. Die Frauen schöpfen das Wasser zwischen den Pflanzen und filtern es in Kanister, die dann zu den einzelnen Häusern geschleppt werden müssen. Eine schmale, zwölf Meter lange Brücke aus Stein überspannt eine mehrere hundert Meter tiefe Schlucht. Sie stammt noch aus der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts und bot einen wirksamen Schutz für den Zugang zur Stadt.

Je weiter wir in die nördlichen Gebiete vordringen, desto seltener treffen wir auf Ansiedlungen. Mehr und mehr weicht die Steinbauweise Mauern aus Lehmziegeln. In dem wenig reizvollen Lavagebiet mit seinen Geröllebenen wird Kat angebaut. Die Märkte in den wenigen Ortschaften sind voll von diesen bitter schmeckenden Blättern, die wie leichte Gerbsäure auf die Magenschleimhaut einwirken und eine rauschartige Wirkung auslösen. Nahezu jeder erwachsene Einwohner hier gibt sich dem berauschenden Genuss hin. Die taufrischen, feinen Blätter werden im Laufe des Tages im Mund vornehmlich in der rechten Backe zu einem großen Klumpen geformt. Wenn dann die Wirkung am Nachmittag allgemein einsetzt, steht das Leben still.

Die Einsamkeit dieses Landstreifens wird durch die tiefhängenden Wolken noch unterstrichen. Sie geben nur vereinzelt Durchblicke auf kleine Terrassen und Felsvorsprünge frei, auf denen einzelne Gehöfte stehen. Nach einem kurzen Augenblick schon werden sie wieder von einem dünnen Schleier überdeckt. Dafür öffnet sich das Wolkenmeer an einer anderen Stelle.