Israel

Meine Reisen

September - 15. Oktober 1964 (Griechenland, Israel, Ägypten, Jordanien)

September 1967

16. November - 25. November 1981

Mit Fernsehjournalistinnen in Israel 1981

Eine Reise in die eigene Gefühlswelt

Die mächtige Maschine setzt zur Landung an. Beim Blick aus dem Kabinenfenster ist zunächst das funkelnde Mittelmeer zu erkennen, dann nach einer Schleife über dem Friedhof der Vorstadt Holon das gewaltige Flugfeld des Flughafens David Ben Gurion. Die El-Al-Maschine darf den großen Friedhof nicht berühren, denn er ist ein "unreiner" Ort, den ein Kohen, ein Abkömmling der Priesterschaft, nicht betreten darf. Und da unter den Passagieren jemand mit dem Namen Kohen oder Cohn sein könnte und zudem nicht auszuschließen ist, dass die Bibel mit "Betreten" auch "Überfliegen" gemeint haben könnte ...Man ahnt bereits jetzt, dass man in ein Land kommt, in dem religiöse Überlieferungen eine große Rolle spielen. 

 

Massada

Eine Reise in das Heilige Land führt auf kurzen Strecken an zahlreiche historische Stätten, die voller Symbolik sind. Da ist Massada, eine Felsenfestung, die das Tote Meer überragt. Tausend Verteidiger trotzten hier drei Jahre lang den römischen Belagerern und begingen dann in der Nacht der Erstürmung kollektiven Selbstmord. Israelische Offiziere werden heute an dieser Stelle in einer feierlichen Zeremonie vereidigt, indem sie schwören: „Massada wird nie wieder fallen".

Über der gewaltigen Senke des Toten Meeres erstreckt sich ein herrlicher Blick bis nach Sodom. Die Nachmittagssonne färbt die tagsüber glimmend grelle Landschaft in ein warmes rotes Licht. Die Wüste wirkt jetzt weich, fast zart. Gegen Abend kommen hinter dem Hitzeschleier die Umrisse der Berge Jordaniens hervor. So nahe liegen sich hier die arabische und die jüdische Welt gegenüber, lauernd und wehrhaft.

 

Israel – ein jüdisch geprägtes Land

Ohne Zweifel ist Israel ein jüdisch geprägtes Land. In den Hotels gibt es oft einen Sabbat-Lift, der automatisch in jedem Stockwerk hält, so dass niemand einen Knopf drücken muss, denn das Einschalten elektrischer Geräte verstößt gegen streng jüdische Glaubensregeln. Und dass wir nach einem Rinderschnitzel keinen Käse zum Dessert und keine Milch zum Kaffee bekommen, hat etwas mit "koscherem" Essen zu tun, bei dem Fleisch- und Milchspeisen streng voneinander getrennt sein müssen. Dem religiösen Juden ist, wie dem gläubigen Moslem, der Genuss von Schweinefleisch verboten. Das Tier, das getötet werden kann, darf keine gespaltenen Hufe haben. Deshalb ist Rund zulässig, Schwein aber nicht. Meerestiere müssen Flossen und Schuppen haben, um koscher zu sein. Im jüdischen Restaurant bekommt man also keine Aale, Muscheln oder Schalentiere. Die koschere Küche besteht auch aus geschächtetem Fleisch. Ein besonders zugelassener Schlächter muss mit einem scharfen Messer einen raschen Querschnitt durch Halsschlagader, Speise- und Luftröhre des vorher nicht betäubten Tieres durchführen und das Tier voll ausbluten lassen.

Nur drei Kilometer entfernt von der modernen Jerusalemer Neustadt mit ihren Boutiquen und weltoffenen Restaurants kommt eine Abzweigung Richtung Norden. Sie führt einen Hügel hinauf, in ein Viertel namens Ramot Schlomo, in eine andere Welt. Hier hüllen sich die Frauen in lange Röcke und dichte Wollsocken, die keinen Zentimeter der Haut freigeben. Die meisten, deren Haare unter den Kopftüchern hervorlugen, tragen Perücken: Echtes Haar gilt als verführerisch, und das heißt teuflisch. Auch die Männer gleichförmig, wie geklont: schwarze Mäntel, schwarze breitkrempige Hüte, schwarze Hosen. Ihre Köpfe sind kahl geschoren, mit Ausnahme der Schläfen, an denen das Haar in langen Locken herabhängt. Und die Straßen wimmeln von Kindern.

Ramot Schlomo ist eines der Jerusalemer Viertel, in denen fast ausschließlich orthodoxe Juden leben. Mea Schearim, das bekannteste, liegt nahe der Altstadt und wirkt auch heute noch wie ein osteuropäisches „Schteti". Es ist mehr als 130 Jahre alt. Ramot Schlomo wurde gerade mal vor einem Jahrzehnt gebaut. Die adretten Häuser mit ihren Sandsteinverkleidungen gleichen sich bis ins Detail, wirken so genormt wie ihre Bewohner. Hier gibt es keinen Raum für Individualisten, soll es keinen geben.

 

Das moderne Israel – Tel Aviv

Während zum Unabhängigkeitstag auf den großen Straßen Tel Avivs ein riesiges Fest stattfindet, betrauern die Ultraorthodoxen in Jerusalem die Staatsgründung Israels, weil für sie nur der Messias bei seiner Ankunft den jüdischen Staat ausrufen darf. Und während in Jerusalem am Sabbat das öffentliche Leben still steht, haben im „roten" Haifa am Freitagabend einige Cafés und Gartenrestaurants geöffnet, herrscht im „weltlichen" Tel Aviv noch um Mitternacht dichtes Gedränge auf der Flanierstraße Dizengoff.


Die attraktive Soldatin mit den herrlich langen schwarzen Haaren, die bis zum Nacken reichen, lacht mir unbekümmert ins Gesicht: „Glaubst Du, alle Israelis seien orthodoxe Juden? Ich bin eine Sabrah“. Ich sitze im „Jerusalem of Gold", einem Folklore-Kellerrestaurant für Touristen und habe soeben eine Lektion bekommen. Nein, sie sei nicht für die Alleinzuständigkeit der Rabbiats-Gerichte, verkündet meine selbstbewusste Nachbarin. Genüsslich schlürft sie in der rotlichtigen Bar ihren eiskalten Longdrink. Dass das öffentliche Leben am Shabat nahezu zum Erliegen kommt, dass es keine standesamtliche Trauung gibt, dass Scheidungen, Vormundschaften und Adoptionen allein durch religiöse Gerichte entschieden werden, finde sie nicht richtig, erklärt sie keck. Natürlich, so betont sie, diene sie mit Überzeugung in der Armee, Panzersoldatin sei sie.

 

Jerusalem- die heilige Stadt

„Zehn Maße von Schönheit kamen auf die Welt, Jerusalem aber erhielt neun davon", heißt es in der jüdischen Sage. Die eigenartige Stimmung am frühen Morgen, wenn die Sonne erste kühle, zarte Farbtöne am Horizont der Stadt zaubert, bleibt ebenso unvergessen wie die tiefe Nacht, in der Jerusalem von zahlreichen Lichtern erhellt ist. Ebenso in Erinnerung bleiben die zahlreichen Begegnungen mit den Menschen unterschiedlicher Herkunft und verschiedenen Glaubens. Denn diese Stadt, von den Moslems „Die Heilige" genannt und von den Christen als „Heilige Stadt", von den Juden als „Stadt des Friedens" (Yerushalayim) verehrt, ist ein brodelnder Kessel.

Gott, so heißt es nach einer uralten Überlieferung, warf einen Stein in das große Wasser, und auf diesem Stein entstand sie, die Stadt aller Städte: Mittelpunkt der Menschheit, Bindeglied zu den Überirdischen, Nabel des Universums; Ort eschatologischer Erwartung auf eine Wiederkehr des Erlösers - mit der Gegenwart als bitterer Wartezeit. Den Christen ist diese Stadt heilig, weil hier Gottessohn Jesus predigte, Wunder wirkte, sich dornengekrönt auf seinen Leidens- und Opferweg der Via Dolorosa begab. Den Muslimen ist diese Stadt heilig, weil der Prophet Mohammed vom Felsen des Tempelbergs mit seinem geflügelten Pferd Burak gen Himmel ritt und weil an dieser Stelle heute die Aksa-Moschee steht. Den Juden ist diese Stadt heilig, weil hier König David die Stämme Israels vereinigt hat, Salomo den Tempel für die Bundeslade baute, „Zion, das Haus unseres Lebens".

In Jerusalem ist der Allmächtige stets allgegenwärtig. Gott - ein Ortsgespräch. Aber bekommen ist diese Nähe Yerushalayim, der „Stadt des Friedens", nur ganz selten. 37mal wurde sie belagert, etliche Kriege tobten um sie. Und fast immer ging es für die Enkel des gemeinsamen Urvaters Abraham darum, allein selig machende Lehren zu verkünden.

 

Altstadt und Via Dolorosa 

In den engen Gassen der Altstadt, in denen es nach orientalischen Gewürzen duftet, drängen sich Moslems in traditioneller Tracht, schlendern modern oder nachlässig gekleidete Touristen und patroullieren israelische Soldaten, die Maschinenpistolen schussbereit unter dem Arm. Durch das schönste Tor der Stadt, das 1537 entstandene Damaskus-Tor, strömen Nonnen in Ordenstracht und Araber in wollenden Gewändern, die Kopftücher von einer Schnur gehalten.

Franziskaner führen Pilger die Kreuzwegstationen der Via Dolorosa entlang, die teilweise mitten durch den orientalischen Basar geht. Daneben finden sich schwarz gewandete chassidische Juden mit Kaftan und Filzhut sowie Seitenlocken. „Zweitausend Jahre haben wir auf die Erlösung gewartet, haben Verfolgung erduldet und den Holocaust überlebt. Wir sind das auserwählte Volk Gottes, dies ist unser Land" ereifert sich die ehemalige Insassin des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Ihre Eltern und alle ihre Geschwister sind umgebracht worden. Niemals mehr hat sie deutschen Boden betreten. Ihr Mann, ein bekannter Geschichts-Professor, pflichtet ihr bei: „Sehen Sie selbst, was wir aus dem Land gemacht haben. Was haben die Araber zuvor geleistet? Wir mussten uns gegen eine Übermacht der Araber behaupten, mehrmals, die uns zurück ins Meer werfen wollten. Was hat die Welt getan, um uns zu helfen, von den Amerikanern und ihren Waffenlieferungen abgesehen? Nein, nur militärische Stärke garantiert uns die Existenz"

 

Grabeskirche

Die Grabeskirche bildet den Endpunkt des Kreuzweges. Ein silberner Stern in der Kirche markiert die Stelle des Hügels Golgatha, wo das Kreuz Jesu gestanden haben soll. Zu beachten ist auch der Salbungsstein in der Nähe des Eingangs, auf den Jesus nach seinem Tod gelegt worden ist. Unter der Hauptrotunde in einer schönen Kapelle befindet sich das Grab von Jesus.

 

Das alte Judenviertel

Das alte Judenviertel im orientalischen Stadtteil Jerusalems ist völlig neu wiederaufgebaut worden. Als der Waffenstillstand 1948 den Krieg zwischen Juden und Arabern zunächst beendete, gab es das Judenviertel nur noch dem Namen nach. Die ganze Altstadt verblieb danach im Besitz Jordaniens. Synagogen und Talmudschulen wurden zerstört. Kein Jude durfte mehr an die „Klagemauer", bis neunzehn Jahre später im Sechstagekrieg die ganze Stadt von israelischen Soldaten besetzt wurde. Mit leuchtenden Augen wurde damals Reisenden berichtet, wie Bulldozer der israelischen Armee kurzerhand die vor der Westmauer errichteten arabischen Hütten von Händlern wegräumten. Die besten Architekten wurden beauftragt, das alte jüdische Viertel an gleicher Stelle wieder zu errichten. Heute erinnert das Judenviertel, dessen harte Betonmauern raffiniert mit weichem, brüchig wirkenden Sandstein verkleidet wurden, an eine hochmoderne Festung inmitten mittelalterlicher Mauern. Es ist so scheint es, handfeste Symbolik.

 

Tempelberg

Auf dem Tempelberg im Südostteil der Altstadt von Jerusalem stand ursprünglich der salomonische Tempel. Die Westmauer oder Klagemauer ist ein Rest der Mauern, die das ursprüngliche Tempelplateau stützen. Alles hier ist voller Sagen und Geschichten. Von hier soll der Prophet Mohammed seine „Nachtreise“ zu der „entferntesten Moschee“ („Himmelfahrt“) unternommen haben. Heute befinden sich hier der Felsendom und die al-Aqsa-Moschee mit ihrer schwarzen Kuppel. Nach der talmudischen Legende hat Gott an dieser Stelle die Erde entnommen, aus der er dann Adam formte.

Der achteckige Felsendom ist das wohl bekannteste Wahrzeichen Jerusalems sowie eines der Hauptheiligtümer des Islam. Er ist unglaublich fotogen mit seiner goldenen Kuppel und den blauen Mosaiken. Der Überlieferung nach war Abraham auf dem Felsen bereit, seinen Sohn Isaak oder Ismael zu opfern. Hier auch befand sich der Hauptsitz des Templerordens, die Kirche der Kreuzritter. Die Innendekorationen des Felsendoms sind Darstellungen des Paradieses.

 

Westmauer (Klagemauer) und Yad Vashem

Vor der wieder hergestellten Westmauer sieht man dreizehnjährige Jungen, die mit der Barmizwa-Feier in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen werden. Ältere Männer tragen stolz und ernst die Thora-Rolle, aus der später vorgelesen wird. Der kleinen Prozession voran tanzt ein Rabbi, vor Freude in die Hände schlagend und hüpfend. Das Gewand, das seine dünnen Beine umflattert, scheint Ausdruck der inneren Erregung, die Juden und Moslems, Christen und Andersgläubige ergreift. Tragik und Emotionen halten die Herzen umschlungen - und verhindern freies Atmen. In Israel gerät man ständig in ein Wechselbad der Gefühle.

 

Der Besuch der Gedenkstätte für die Toten des Holocaust am nächsten Tag, zeigt erwachsene Männer und Frauen, die nur mühsam die Tränen unterdrücken können. Nein, das darf sich niemals mehr wiederholen..

 

Land der Palästinenser – Jericho, Ramallah

Überrascht ist man, schon wenige Kilometer von Jerusalem eine typisch arabisch-orientalische Stadt vorzufinden mit einem farbenfrohen Gemüsemarkt und Basargassen, durch die Araber mit wehenden Kopfbedeckungen wie eh und je ihre Ziegen und Schafe auf die Weide treiben. Auf dem Weg in das satte grüne Jordantal beeindruckt der „Berg der Versuchung" von Jericho durch eine üppige Vegetation vor dem Hintergrund kahler Wüstenberge. Es ist feuchtheiß in dieser Oase, die 250 Meter unter dem Meeresspiegel liegt und herrliche Obstauslagen zur Erfrischung bietet.

Jericho gilt als die älteste Stadt der Welt. Hier soll der Teufel dem Heiland Jesus alle Reiche der Welt versprochen haben. An der Straße, die durch Jericho führt, ist eine spätantike Synagoge mit Bodenmosaiken erhalten. Dargestellt sind geometrische Muster sowie der siebenarmige Leuchter in einem Medaillon mit der Inschrift „Friede über Israel". Bevor dieses Gebiet von israelischen Truppen besetzt wurde, existierte hier ein großes Palästinenserlager.

„Wir sind Palästinenser. Dies hier ist unser Land" höre ich von einem Mann mit bebender Stimme. Ich bin Gast bei einer gebildeten Palästinenser-Familie in Ramallah, sitze bei süß-heißem Kaffee und Brot mit gefülltem Ziegenkäse. „Meinen Mann haben die Israelis voriges Jahr abgeführt. Sie haben ihn in ein Gefängnis gesteckt. Ein Grund wurde nicht genannt. Verstehst du, wir sind hier völlig rechtlos". Verhaltene Wut der jungen, hübschen Frau, die studiert hat. Ihr Mann ergänzt: „Nur mein amerikanischer Pass hat mich gerettet. Nach einigen Tagen wurde ich entlassen. Ohne Grund, ohne Entschuldigung".

 

Nazareth

Über geschichtsträchtiges Gebiet gelangt man nach Nazareth, wo vielleicht Jesus seine Jugend verbracht hat und wo sich heute die größte arabische Gemeinde Israels befindet. Die gewundenen Gassen, die Kirchen, Klöster und Konvente beschwören die Geschichte von vor zweitausend Jahren herauf. Die moderne Verkündungskirche, in der die Geburt von Jesus verkündet worden sein soll, ist 1969 in einem an der italienischen Renaissance orientierten Stil von Franziskanern fertig gestellt worden. Die vielen Händler, Verkäufer und Souveniranbieter in dieser Stadt nerven mich.

 

Bethlehem

Die biblische Stadt Bethlehem liegt nur wenig außerhalb Jerusalems und zieht sich über braune Hügel hin, die typisch für Judäa sind. Seine zahlreichen Minarette und Kirchtürme, seine weißen Häuser, Wein- und Oliventerrassen heben sich eindrucksvoll vom blauen Himmel ab.

Die Geburtskirche aus frühchristlicher Zeit ist eine der ältesten Basiliken der Welt, in der noch Gottesdienste abgehalten werden. Die hohen Säulen sind aus rötlichem, in Palästina gebrochenen dolomitischen Gestein. Die Geburtsgrotte ist winzig; zu ihr gelangt der Besucher aus dem säulenreichen Langhaus hinab. Unter einem Nischenaltar ist in weißem Marmor ein Stern aus vergoldetem Silber eingeprägt mit der Inschrift „Hic de Virgine M.J.C. natus est" (Hier ist aus der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren). Eine ewige Flamme brennt.

Gleißendes Abendlicht verbrämt das Grau der heiligen Stadt auf dem Dreiecksplateau, als wir uns zur Rückfahrt aufmachen.

 

Akko und Caesarea

Unverfälscht orientalischen Charakter zeigt Akko, die einzige bedeutende Hafenstadt Palästinas, bis Herodes den künstlichen Hafen Caesarea bauen ließ. Alexander der Große errichtete hier eine Münzanstalt, die 600 Jahre lang in Betrieb blieb. Der Hafen war später der wichtigste Seestützpunkt der Kreuzfahrer, bis 1291 die Stadt nach einer zweimonatigen Belagerung von dem Mamelucken-Sultan al-Ashrafkhalil eingenommen und zerstört wurde. Der Fall Akkos bedeutete das Ende der Kreuzfahrerherrschaft in Palästina.

Von der einstigen Pracht der mittelalterlichen Stadt hat sich allerdings nur ein Gebäudekomplex im Stadtgebiet der Johanniter erhalten. Von der Zitadelle aus kann man einen sehr stimmungsvollen Sonnenuntergang über dem Mittelmeer erleben. Die engen Straßen mit ihren Basaren und winzigen Läden, die vielen Moscheen und Minarette, die reichlich beschickten Märkte, der Seewall und der Fischerhafen bewahrten jedoch jene Atmosphäre, die Reisende vom Orient erwarten. In den einheimischen Restaurants werden zahlreiche Schüsseln mit Salaten, Auberginen, Kichererbsenbrei, Gurken und Fladenbrot serviert. Als Zwischenmahlzeit locken fett gebackene Gemüsefrikadellen. Und schließlich der am offenen Feuer gebratene Lammspieß, ein kulinarischer Genuss, den man sich gegönnt haben muss und den man in allen arabischen Vierteln serviert bekommt.

Auf vorzüglich ausgebauten Straßen kommen wir an die touristischen Zentren des Mittelmeeres, nach Herzliya und die Diamantenschleifer-Stadt Nethanya sowie Caesarea mit seinen Kreuzfahrer-Mauern und dem großen Aquädukt. 

 

Haifa

Haifa entstand aus einem Fischerdörfchen und liegt am rund 35 Kilometer langen Karmel-Gebirgszug. Die Mönche des Karmeliter-Ordens siedelten sich hier bereits im 13. Jahrhundert an. Die Stadt zählt zu den am schönsten gelegenen Städten der Welt; die Straßenzüge winden sich zum Berg hinauf, von denen man einen einzigartigen Blick auf die Stadt, die Bucht und das Meer genießt. Inmitten eines idyllischen Parks liegt der tempelartig gebaute Baha'i-Schrein. Der 1953 fertiggestellte Tempel mit einer Goldkuppel beherbergt die Gebeine des Religionsstifters der in Persien gegründeten Baha'i-Sekte.

 

Golan-Höhen, See Genezareth

Mehrmals hart umkämpft waren auch die Golan-Höhen, die etwas von der Bedrohung vermitteln, die hier für die im Tal darunter liegenden landwirtschaftlichen Siedlungen ausging. In der heißen Mittagshitze erkennt man die Konturen des Gebirgszuges, vor dem wie ein milchiger Schleier der Dunst hängt. Am Wegesrand liegen als hässliche Überbleibsel verrostete syrische Kanonen auf schwarzem Basaltboden. Umgestürzte Panzerreste hängen zwischen Stacheldrähten an den vulkanischen Bergen. Die bergigen Abhänge auf der syrischen Seite des Sees Tiberias, die heute von israelischen Truppen kontrolliert werden, waren viele Jahre lang Ausgangspunkt arabischer Aktionen gegen die israelischen Siedler im Tal. Übrigens war die biblische Stadt Golan eine der sogenannten Freistädte, in denen Israeliten, die ohne Absicht einen Menschen getötet hatten, Zuflucht vor der Blutrache fanden.

Der See Genezareth bildet einen Teil des großen Jordan-Grabenbruchs und ist auch unter den Namen Tiberias (nach der von Herodes Antipas am Westufer benannten Stadt) oder Kinneret bekannt (nach dem hebräischen Wort für „Leier"). Er liegt etwa 200 Meter unter dem Meeresspiegel und ist bis zu 48 Meter tief. Hier, am Jordan, liegt der Urquell für die lebenswichtige Bewässerung des Landes und einer der Gründe des israelisch-arabischen Konfliktes. Die Bedeutung des Wassers wird eindringlich bewusst während einer Fahrt nach Sinai und in den Zentralen Negev.

In Bet Shean haben über die Jahrtausende Ägypter, Kanaanäer, Juden, Griechen, Römer und Araber gesiedelt. Bemerkenswert ist das noch gut erhaltene Theater, 

 

Totes Meer, Qumran

Die Fahrt nach Norden wie nach Süden führt parallel zur Grenze, vorbei an Stacheldrahtverhauen, elektronisch gesicherten Zäunen und geharkten Schutzstreifen als Schutz vor palästinensischen Terrorkommandos, die sich als Befreiungsorganisationen verstehen. En Gedi ist eine Oase am Toten Meer, die bereits 1955 als Kibbuz entstand. Der Weg hierher ist von einer Fülle subtropischer Pflanzen gesäumt.

Das fast 400 Meter unter dem Meeresspiegel liegende Tote Meer ist ein touristischer Fixpunkt. Die große Heilwirkung bei Schuppenflechte und Rheuma zieht Patienten aus aller Welt hierher in die komfortablen Hotels und Kuranlagen. Der hohe Salzgehalt bewirkt das Fehlen jeglichen Lebens in diesem See, in dem man buchstäblich auf dem Rücken liegend eine Zeitung lesen kann - ein beliebtes Motiv für das Erinnerungsfoto.

Am felsigen Nordufer des Toten Meeres liegt Qumran eine tief eingeschnittene Schlucht des Judäischen Berglandes, wo ab 150 vor Christus die Essener, eine streng jüdische Sekte siedelten. Die Siedlung wurde durch ein schweres Erdbeben zerstört, danach wieder aufgebaut und schließlich während eines jüdischen Aufstandes von den Römern vernichtet. Hier wurden die berühmten Schriftrollen in Höhlen gefunden, die am Fuße kahler, zerklüfteter Felsen liegen. Die berühmten Thora-Rollen dieser radikalen Sekte, die ihr Heil in strengster Gesetzestreue und Weltabgeschiedenheit suchte, sind von großer Bedeutung für die Textgeschichte des Alten Testaments.

 

Rückflug aus einem vom Terrorismus geplagten Land

Sicherheit wird groß geschrieben in Israel. Und so wiederholt sich vor dem Abfertigungsschalter der EI-AL am Flughafen Ben Gurion die langwierige Prozedur vom Hinflug: gnadenlos wird gebrauchte Wäsche den Blicken der Mitreisenden zur Schau gestellt. Eher gereizt vollzieht sich das Frage-Antwort-Spiel mit den israelischen Sicherheitsbeamten über das Kofferpacken und frühere Reisen in arabische Länder mit eventuellen persönlichen Kontakten zu den dort lebenden Menschen. Fazit: Man fährt sicherlich nicht vornehmlich hierher, um sich an den Mittelmeerstränden zu erholen oder im Roten Meer zu tauchen. Für einen Bade - und Strandurlaub allein ist Israel wohl nicht das richtige Reiseland. Doch in der Kombination einer Studienreise zu den Stätten biblischer Geschichte, einer Informationsreise zu einem Kibbuz und dem Bummel über orientalische Märkte ist das Heilige Land an der Nahtstelle zwischen Orient und Okzident ein lohnendes Ziel. Doch gleichgültig, wo der Schwerpunkt einer solchen Reise liegen mag, eine Fahrt nach Israel wird immer auch eine Reise in die eigenen Gefühlswelt sein.