Großartige Forts und Festungen

Fort Junagarh, Bikaner

Fort Kumbhakgarh

Fort Mehrangarh, Jodhpur

Festung Jaisalmer

© Rainer Waterkamp

Fort Junagarh, Bikaner

Die Forts und Festungen Rajasthans erheben sich meist trutzig auf einem Felsrücken. Doch anders als beispielsweise in Amber, Bundi, Chittaurgarh, Jaisalmer, Jodhpur und Kumbhalgarh liegt das Fort Junagarh nicht auf einer Anhöhe, sondern im flachen Wüstenland. Bikas erstes Fort (nahe dem heutigen Lakshminath-Tempel) war zwar noch aus Lehm gebaut, doch dann ließ der Raja von Bikaner Raj Singh I. (1541-1612, regierte 1571-1612) zwischen 1588 und 1593 ein Fort errichten, das niemals erobert werden konnte. Von außen eine Festung mit 986 Meter langen Mauern und Bastionen, war Fort Junagarh innen einst ein reizvoller Palast der Fürstenfamilie. Auch heute noch gehört das riesige Fort mit seinen gut erhaltenen, prunkvoll geschmückten Palastbauten zu den schönsten Festungen Rajasthans überhaupt. Die Festung, die durch einen Wassergraben und eine hohe Mauer geschützt ist, umfasst 37 Paläste. Sie hat eine Mauer mit einer Breite von 9 Metern und einer Höhe von 20 Metern und wird heute von der ehemaligen Herrscherfamilie noch für Feierlichkeiten genutzt. Ebenfalls im Festungsbereich gegenüber der Palastfassade befindet sich das 2009 eröffnete Prachina-Museum mit zahlreichen Ausstellungsstücken, an denen der europäische Einfluss deutlich wird. Hier befindet sich auch ein Salon aus dem Jahre 1900, der restauriert wurde und eine Textilsammlung zeigt.

 

Eingangstore

 

Man betritt die Palastanlage durch das wuchtige marmorne Haupttor Suraj Pol (Sonnentor), das von zwei großen Elefanten flankiert wird. Die mit schweren Eisenschlössern verriegelten Tore wurden der von einem Graben umgebenen Festung erst im 17. Jahrhundert hinzugefügt. An den nächsten beiden Toren, Daulat Pol und Karan Pol, befinden sich die Handabdrücke der Frauen, die sich beim Tod ihres fürstlichen Gemahls verbrennen ließen. Allein das Daulat-Tor enthält 41 Handabdrücke in roter Farbe.

Wie alle Rajputen-Paläste, an denen mehrere Generationen bauten, sind Höfe, Hallen, Galerien, Dachpavillons, Tempel ineinander verschachtelt. Wer durch die Säle und Hallen dieser Anlagen schlendert, fühlt sich zurückversetzt in mittelalterliche Zeiten.

 

Vikram Vilas und Karan Mahal

 

Man gelangt zunächst zum Eingangshof Vikram Vilas (Vikram war der Sanskrit-Name von Rao Bika), umgeben von roten Sandsteinbauten, und von ihm in einen weiteren Hof mit Gebäuden vorwiegend aus weißem Marmor und einem Streifen aus rotem Sandstein. Am Ende dieses Hofs befindet sich ein Pavillon mit Sitzgelegenheit, auch als äußerer Thron bezeichnet,  sowie einem umrandeten Platz, auf dem angeblich das Holi-Fest begangen  wurde.

Der Karan Mahal-Palast wurde von Karan Singh (1616-1669, regierte 1631-1669), Maharaja von Bikaner, zur Erinnerung an den Sieg über den Mogulherrscher Aurangzeb (1618-1707, regierte 1658-1707) erbaut. Man glaubt, Marmor mit Pietra-Dura (Einlegearbeiten mit Halbedelsteinen) zu sehen, doch bei näherem Hinsehen erkennt man, dass es sich nicht um Marmor, sondern um Kalkstuck und Verzierungen aus Blattgold handelt. Die Audienzhalle hat Buntglasfenster und geschnitzte Balkone und Säulen aus Stein und Holz im Mogul-Stil sowie Marmor-Design aus Rajasthan aufzuweisen.

 

Anup Mahal

 

Der Anup Mahal Chowk besitzt wunderbare Balkon-Fenster und Jali-Trennwände, durch die die Frauen das Treiben unten beobachten konnten. Hier befindet sich der Anup Mahal (Diwan-i-Khas), die private Audienzhalle von 1669, erbaut von Anup Singh, der 1669-1698 regierte und den Titel »Maharaja« von Aurangzeb erhielt. Die Halle bekam ihre aus Spiegeln, Einlegearbeiten und Malereien bestehende Dekoration unter Raja Surat Singh (1766-1828, regierte 1788-1828). Die Decken sind mit den beliebten Mogulmotiven wie Blumen, Vasen und Blätterranken verziert. Man sieht kunstvoll in Rot und Gold lackierte Wände bis an die Decke sowie funkelnde Buntglaseinlagen über einem Sandelholz-Thron. Die Türen glänzen in Lack oder Einlegearbeiten aus Elfenbein.

 

Badal Mahal

 

Einer der schönsten Räume ist der blaue Badal Mahal (Wolkenpalast), ebenfalls ein Teil des Anup Mahal in Aquamarinblau. Er wurde von Dungar Singh (1854-1887, regierte 1872-1887) erbaut und für die Maharaja Sardar Singh (1818-1872, regierte 1851-1872) mit weißen Wölkchen auf blauem Grund ausgemalt. Man sieht Fresko-Malereien von Krishna und Radha inmitten von Regenwolken. Die Wände dieses kleinen Nebenzimmers sind mit prunkvollen Blattgoldeinlagen verziert. 

 

 

Lal Niwas und Gaj Mandir

 

Der langegestreckte Lal Niwas aus dem Jahr 1595 mit niedriger Decke befindet sich an der Nordseite des Karan Mahal Chowk und ist der älteste Teil des Palastes. Beim relativ schmalen Raum dürfte es sich um einen Versammlungssaal (Durbar) gehandelt haben. Er besitzt mit wunderschönen floralen Motiven geschmückte Wände in den Farben rot und gold. Wenn man hinaufsteigt, gelangt man in die aus fünf Räumen bestehenden Privatgemächer des Gaj Mandir (1745-1787) von Maharaja Gaj Singh (1723-1787, regierte 1746-1787). Es gibt eine Schaukel, ein zentrales Bett, herrliche Goldarbeiten, wunderschönen Wandgemälden, Spiegel, Nischen und Bundglasfenster. Um das etwas erhöht liegende Schlafzimmer befinden sich vier kleinere Zimmer, die miteinander durch Türen verbunden waren. Im zentralen fürstlichen Schlafgemach ist wie üblich das beliebte Krishna-Gopi-Motiv (krishna lila) zu finden, in dem Erotik und Religion verschmelzen. Zu den Privatgemächern gehört auch das Spiegelzimmer (Sheesh Mahal).

Auf dem Dach des Gaj Mandir befindet sich der zeltartige Chattar Niwas (auch Chattra Niwas), wegen seiner blauweißen Kacheldekoration auch Chinesenturm (Chini Burj) genannt, der in den achtziger Jahren des 19. Jahrhundert erbaut wurde. Hier schmücken neben Krishna-Darstellungen alte englische Drucke die Wände, die Samuel Howitt (1756/57-1822) zwischen 1805 und 1807 unter dem Titel >Oriental Field Sports< geschaffen hat

Chandra Mahal und Phool Mahal 

 

Im Chandra Mahal (Mondpalast), einem Juwel aus feiner Malerei, Spiegeln, gemeißelten Marmortafeln und gemalten Jagdszenen, kann man ein kleines Bett des Rao von Bikaner bewundern. Es war deshalb so klein gehalten, damit die Beine des Herrschers über seinen Rand herausragten. So konnte er, selbst wenn er ans Bett gefesselt war, noch aufspringen und sich verteidigen. Ganz unbegründet war diese Vorsicht nicht, denn sein Großvater war von einer Konkubine ans Bett gebunden und getötet worden. 

Man kommt jetzt vor der besonders schön bemalten Eingangstür des mit Spiegeln verzierten  Phool Mahal (Blumenpalast), erbaut von Raja Raj Singh I. (1629-1680, regierte 1652-1680). Es gibt eine Statue des Sonnengottes mit 7 marmornen Pferdestatuen zu sehen, zudem kann man schöne Miniaturmalereien mit mythologischen und Hofszenen bewundern. Ungewöhnlich sind Abbildungen chinesischer Frauen.

 

Durbar Hall 

 

Der nächste Teil des Palastes, die gigantische Durbar Hall, wurde von Maharaja Ganga Singh erbaut. Man erreicht sie entweder durch die verschlungenen Gänge vom Gaj Mandir oder vom Hof Vikram Vilas. Die Durbar Hall, eine Halle aus rosafarbenem Sandstein mit fein gemeißelten Wänden, wurde einst als Diwan-i-Am (Öffentlicher Audienzsaal) genutzt. Neben den üblichen Gewändern, Teppichen und Waffen der Rajputen kann man auch ein deutsches Maschinengewehr und Doppeldeckerflugzeug aus dem Ersten Weltkrieg bestaunen. 

Fort Kumbhalgarh

Der Reisende sieht in Rajasthan zahlreiche Festungen, die sich teilweise ähneln und in der Erinnerung nicht mehr eindeutig unterscheidbar sind. Doch das Fort Kumbhalgarh mit der mächtigen Steinmauer wird sich dem Besucher einprägen, auch wenn es in seinem Inneren nicht viel zu bieten hat. Es wurde von 1443 bis 1458 erbaut und liegt strategisch günstig auf einem Hügel der Aravalli-Vorgebirge an der Grenze zwischen den Rajputen-Fürstentümern Udaipur (Mewar) und Jodhpur (Marwar). Deshalb wurde es auch als ›Auge von Mewar‹ bezeichnet.

Auf dem hohen Plateau sollen innerhalb der Fort-Mauern früher 252 Paläste gestanden haben. Neben dem eigentlichen Fort befinden sich hier noch 365 Tempel und Schreine sowie ein Dorf mit etwa 30 000 Menschen. Bis auf die eindrucksvollen Bastionen ist allerdings von dieser einst größten Festungsanlage Rajasthans wenig geblieben, es sind nur einige wenige Wand- und Fliesenmalereien zu sehen. Die Festung wurde aber in den letzten Jahren gründlich restauriert, sodass es durchaus lohnt, die vielen steilen Stufen bis hinauf zur höchsten Erhebung mit dem dort thronenden Badal Mahal zu steigen.

 

Zugangstore

 

Der Zufahrtsweg windet sich sieben Kilometer auf der alten Route durch bewaldete Hügel. Man muss sieben mit eisernen Spitzen versehene, mehrere Kilometer auseinander liegende Tore durchschreiten. Zunächst gelangt man zum Arait Pol, dem ersten von sechs befestigten Toren. Der Name des zweiten Tores, Hulla Pol (Tor der Störung), geht auf einen gescheiterten Angriff der Mogultruppen unter Akbar 1567 zurück, an dem man noch die Folgen der eingeschlagenen Kanonenkugeln sehen kann. Am dritten Tor, dem Hanuman Pol, wurde dem Affengott Hanuman ein kleiner Schrein errichtet. Am Bhairava Pol ist eine Steinplatte angebracht, auf der ein Befehl über die Verbannung eines Ersten Ministers aus dem 19. Jahrhundert eingeritzt ist. Am Paghra Pol (Steigbügeltor), dem fünften Tor, versammelte sich die Kavallerie von Mewar (Udaipur).

Das acht Meter dicke Topkhana Pol (Kanonentor), das sechste Tor, soll angeblich einen geheimen Fluchtweg durch einen Tunnel gehabt haben. Es geht nun die steile Rampe weiter hinauf, bis man das Nimbu Pol (Tor der Zitronenbäume) erreicht, das innerste Tor. In der Nähe befindet sich der Chamunda-Devi-Schrein des Clanchefs der ursprünglich hier ansässigen Mer, der sich einer Legende nach als Opfergabe den Kopf hat abschlagen lassen.

Palast und die Tempel

 

Oberhalb der 36 Kilometer langen schwarzen Steinmauer steht auf der Spitze des Berges der Palast Badal Mahal (Wolkenpalast), der seinen Namen zu Recht trägt. Er wurde erst im 19. Jahrhundert von Fateh Singh (1849-1930, regierte 1884–1930), Maharana von Udaipur,  erbaut. Gerade weil die Räume fast völlig leer sind, fallen die wenigen in Pastellfarben gehaltenen Wandbilder aus dem 19. Jahrhundert ins Auge. Ein Tor trennt den Mardana (Männer-Palast) vom Zenana (Frauenpalast). Einige der Frauenzimmer zeigen gemalte Elefanten, Kamele und Krokodile. Im Palast der Maharani sieht man an der Decke der Durbar-Halle einige florale Motive.

In einer Ecke des Hofes vom Frauentrakt befindet sich ein Ganesh-Tempel. Interessant und gefährlich zugleich sind die runden Öffnungen in den Marmorfußböden, durch die man auf die unteren Etagen blicken kann. Sie gehören zum Röhrensystem der Toiletten, durch das bei Betätigung der Spülung kühle Luft durch die Räume zieht.

Großartig ist ohne jeden Zweifel der weite Rundblick von der Festungsanlage auf die fantastische, wild zerklüftete Landschaft, der einen grandiosen Gesamteindruck vermittelt und der den Aufstieg erst lohnenswert macht.

Am Fuße des Palastes nahe dem letzten Eingangstor liegen noch einige weitere Sehenswürdigkeiten, nämlich mehrere Jain- und Hindu-Tempel sowie Grabanlagen. Da gibt es beispielsweise den dreigeschossigen Vedi-Tempel mit 36 Säulen, wo 1457 angeblich das Fortgründungsritual stattfand. Die höheren Stockwerke werden immer niedriger, so dass das Gebäude eine perspektivische Verkleinerung vortäuscht.

 Zudem kann man noch den nach allen Seiten offenen Neelkanth-Mahadeva-Tempel von 1458 besichtigen, der mit seinen schlanken Säulen an einen griechischen Tempel erinnert. Schließlich befindet sich hier noch das Chattri des Rana Kumbha (regierte 1433-1468), der 1468 von seinem Sohn Rana Udai Singh I. (regierte 1468-1473) getötet wurde. Dieser ging als Hathiaro (Mörder) in die Geschichte ein.

Fort Mehrangarh, Jodhpur

Faszinierend und abweisend zugleich thront das rote Mehrangarh-Sandsteinfort über den weiß gekalkten Häusern der Altstadt von Jodhpur, die sich unterhalb der 1459 bis 1463 von Rao Jodha (1416-1489, regierte 1427–1489) aus dem Geschlecht der Rathore errichteten Festung ducken. Die Burg wurde nie von einem fremden Herrscher eingenommen und blieb deswegen unversehrt. Auch die einst zehn Kilometer lange Stadtmauer blieb in weiten Teilen erhalten. Die sieben Tore auf dem kurvenreichen Weg hinauf machen deutlich, warum diese Festung so schwer zu erobern war. Ein Teil der Umwallung wurde direkt aus der Felswand gemeißelt. Auf den bis 40 Meter hohen und 20 Meter breiten Schutzwällen aus rotem Sandstein befinden sich zehn stattliche, mittelalterliche Kanonen.

Eingangstore

 

Von der Stadt führt der Aufstieg über einen serpentinenartigen Weg durch sieben befestigte Tore hindurch. Früher gelangte man durch das am weitesten vom Palast entfernte Fateh Pol zum Mehrangarh-Fort. Aus der Altstadt auf einem kurzen Fußweg oder mit einem Fahrzeug auf der Straße gelangt man heute durch das turmhohe Jai Pol (Siegestor), das anlässlich des Sieges über die Truppen Jaipurs 1809 errichtet wurde, in die Festung. Links hinter dem Tor befindet sich ein Chattri für einen im Kampf gegen Jaipur gefallenen Krieger.

Sodann passiert man, vom Haupteingang mit der Kasse kommend, das Ded Kangra Pol, an dem man noch die Kanoneneinschläge der Belagerung von 1808 sehen kann. Hinter diesem Tor wurden mögliche Angreifer von einem stark abgewinkelten Gang behindert. Wenn man in einer scharfen Kurve nach links weiter aufwärts geht, gelangt man zum Amrit Pol (Imritia Pol), einst der Eingang des ursprünglichen Forts und der mittleren Befestigungsmauer.

Schließlich erreicht man das Loha Pol (Eisentor) aus dem 15. Jahrhundert. Es trägt Stacheln, um die Elefanten aufzuhalten, mit denen gegnerische Truppen die Tore einzurammen versuchten. Zu beiden Seiten des Tors haben 15 Prinzessinnen, die sich als Satis beim Tod der Maharajas mit verbrennen ließen, ihre Handabdrücke hinterlassen. Sechs davon stammen von Frauen des Maharaja Man Singh (1783-1843, regierte 1804-1843), die mit dem Maharaja in den Tod gingen. Über eine gepflasterte Rampe geht es steil bergauf zum Suraj Pol (Sonnentor), das der Zugang zum Museum und zur eigentlichen Palastanlage ist. Der Palastbereich besteht aus zahlreichen Gebäuden, die aneinander und übereinander gebaut sind, sodass man sich sich über Treppen auf verschiedenen Stockwerken der unterschiedlichen Paläste bewegt und manchmal die Höfe mehrmals durchschreitet. Der nachfolgend beschriebene Rundgang ist deshalb nur einer von vielen Möglichkeiten.

Im Shringar Chowk, dem ersten Hof der Palastanlage, sieht man rechts das marmorne Krönungspodest, auf dem seit dem 15. Jahrhundert alle Herrscher von Jodhpur gekrönt wurden. Hier erwarten den Besucher sogleich die Ausstellungsstücke der verschiedenen Galerien. In diesen Innenhof gelangt man heute auch mit einem nachträglich eingebauten Aufzug.

 

Museum

 

Der größte Teil des Palastes ist heute ein Museum. Die Galerien rund um den Shringar Chowk beherbergen die Howdah- und die Palankin-Ausstellung. In der Howdah-Kollektion befindet sich eine Sammlung prunkvoller Elefantensattel, mit silbernen Löwen oder Pfauen verziert. Auf ihnen ritten damals die Maharajas in farbenprächtigen Prozessionen durch die Hauptstadt, ein Platz für die Leibgarde befand sich direkt hinter dem Sitz des Herrschers und ein Schirm sorgte für Schatten.

In der Palankin Gallery (Palki Khana) sind fürstliche Sänften ausgestellt, auch die prunkvoll überdachte und vergoldete Sänfte des Gouverneurs von Gujarat fehlt nicht, die während des Feldzugs 1730 erobert wurde. Die geschlossenen Sänften im nächsten Raum dienten den Frauen. Eine von ihnen schaffte es sogar mit der Maharani um 1900 während einer Reise bis nach England.

Wieder zurück in den Shringar Chowk sieht man auf den oberen Etagen die steingeschnitzten Balkone der Zenana, hinter denen die Haremsdamen lebten. Von den oberen Stockwerken des nördlichen Flügels Jhanki Mahal (Palast der heimlichen Blicke) aus konnten sie durch das geschnitzte Gitterwerk seiner Fenster auf den Hof blicken, ohne selbst gesehen zu werden. Man erreicht den Palast auch vom Takhat Niwas über einen Weg entlang zahlreichen königlichen Wiegen – für unseren Geschmack mehr oder weniger kitschig.

 

Pool Mahal

 

Über Treppen gelangt man in den Phool Mahal (Blumenpalast) im ersten Stock. Der schöne Palast wurde im 1724 als privater Audienzsaal erbaut, 1873 bis 1895 renoviert und beeindruckt durch seine mit Gold verzierte Decke. In dem auch manchmal als ›Tanzsaal‹ bezeichneten Raum saß der König auf einem erhöhten Kissen und ließ sich von Tänzerinnen die Zeit vertreiben. In 14-jähriger Arbeit sollen die Handwerker hier 80 Kilogramm des Edelmetalls verarbeitet haben. In den Medaillons sind die Herrscher des Hauses Marwar verewigt. Nochmals über eine Treppe kommt man jetzt auf die Terrasse, von der man einen wunderschönen Blick auf die Palastfassade und die unten sich erstreckende Stadt hat.

 

Daulat Khana, Umaid Vilas und Sheesh Mahal

 

Ein Durchgang unterhalb des Frauenflügels führt vom Phool Mahal in den zwischen 1707 und 1724 entstandenen zweiten Hof, Daulat Khana Chowk oder Schatzhof genannt, mit dem gleichnamigen dreistöckigen Daulat Khana (Schatzkammer). Im ersten Raum neben dem Durchgang werden reich verzierte Gegenstände aus dem Alltagsleben der Hofgesellschaft gezeigt, vor allem Textilien, Gemälde und Manuskripte. Hier befindet sich auch eine mit Blattgold überzogene große Sänfte aus dem 18. Jahrhundert.

Es folgt das Sileh Khana, eine Waffenkammer, eine der prächtigsten Waffensammlungen Indiens. Hier sieht man beispielsweise Wasserpfeifen, teilweise aus Silber, und das große Schloss des Haupttors, das 20 Kilogramm wiegt und nur mit drei Schlüsseln zu bedienen ist, die drei verschiedene Personen bei sich trugen. Ähnlich beeindruckend das über drei Kilogramm schwere Khanda des Rao Jodha (1416-1489, regierte 1427-1489), ein Hiebschwert, das gleichzeitig als Waffe, religiöses Symbol und Statussymbol verwendet wurde. 

Weitere Sehenswürdigkeiten bietet ein Stockwerk höher der Umaid Vilas, der schöne Miniaturensaal mit Szenen des höfischen Lebens, erbaut zwischen 1707 und 1724. Das immer wiederkehrende Motiv der Gärten mit Springbrunnen und grünen Bäumen spiegelt die Sehnsucht der Wüstensöhne nach frischen Pflanzen und kühlenden Schatten. Während ihre früheren Mininaturen von der jainistischen Kunst geprägt sind, wird ab dem 18. Jahrhundert ein stärkerer Einfluss des Mogulstils erkennbar. Szenen am Hof und auf der Jagd veranschaulichen das immer wiederkehrende Motiv der Gärten mit Springbrunnen, Kanälen, dicht belaubten Bäumen und Rasenstücken. Sie spiegeln die Sehnsucht der Mogulen nach Kühle und Schatten.

Der Umaid Vilas ist verbunden mit dem benachbarten Sheesh Mahal (Spiegelsaal). Er enthält Krishna-Darstellungen, wurde 1707 bis 1724 erbaut und glänzt mit farbigen Glasmosaiken.

 

Thakat Mahal

 

Die Treppe links aufwärts führt zur Terrasse mit Blick auf den Marktplatz. Man betritt jetzt den über dem Sardar Vilas liegenden Thakat Mahal, das fürstliche Schafgemach des Herrschers Thakat Singh (auch Takhat Singh, 1819-1873, regierte 1843-1873), behängt mit bunten Glaskugeln und Spiegeln an Decken und Wänden. Dieser Teil des Palastes wurde erst 1843 fertig gestellt und strahlt wenig Eleganz aus. Er zeigt kostbar lackierte Wände, die mit Tänzerinnen und Bildern aus der Krishna-Legende ausgemalt sind, ergänzt durch die in Rajasthan beliebten Motive aus der Dhola-Maru-Legende. Sie wurde mehrfach variiert und mit der Errichtung der Rajputen-Herrschaft über ansässige Völker verbunden. Nach der älteren Fassung drang der Rajputen-Prinz Dhola aus Gwalior in das Gebiet der alten Mina-Stämme vor und heiratete deren Prinzessin Maruni; beide sind Stammeltern der Kachwaha-Dynastie von Amber und Jaipur. Die Abwandlung dieses Themas, gemalt im Palast der Festung Jodhpur, zeigt die beiden als Ahnen der Rathore-Herrscher von Bikaner. Rao Bika, der Sohn des Stadtgründers von Jodhpur, zog im 15. Jahrhundert aus, die nördliche Wüste Thar von Jat- und Bhatti-Stämmen zu erobern, und gründete Stadt und Staat Bikaner. Die von der Decke hängenden Glaskugeln aus der Zeit um 1900, die wie bunten Weihnachtskugeln aussehen, sind hingegen reiner Kitsch europäischer Herkunft.

Im Erdgeschoss des Takhat Mahal befindet sich das Sardar Vilas. Die Türen mit Einlegearbeiten teilweise aus Elfenbein spiegeln die berühmte, in Jodhpur gepflegte Holzschnitzkunst wider.

 

Chandan Mahal

 

Es geht jetzt wieder die Treppe mit dem Panoramablick vom Balkon zurück zum Khabka Mahal (Büro der Buchhaltung bzw. des Premierrministers), dann die Treppe rauf zum Dipak Mahal und den langgestreckten Chandan Mahal (Sandelholzpalast), der als Konferenzsaal des Maharajas diente, in dem man aber auch Babywiegen sehen kann. Die mit Bögen verzierte Decke ist ebenso sehenswert wie die teilweise kitschig verzierten Kinderbettchen. Von hier aus hat man einen schönen Blick in den Krönungs- und den Schatzhof Daulat Khana Chowk.

Im nahen Ajit Vilas kann man Musikinstrumente und verschiedene Gewänder der Maharajas aus Brokat- und Seidenstoffen bewundern.

Moti Mahal und Zenana

 

Weiter geht es zum Innenhof Moti Mahal Chowk mit dem Moti Mahal (Perlenpalast), der zum Frauenbereich (Zenana) gehört und der durch den bereits erwähnten Jhanki Mahal vom benachbarten Singhar Chowk getrennt wird. Der Moti Mahal Chowk ist der größte Hof des Forts.

Mitten in der Zenana steht der achteckige Moti Mahal, der seinen Namen von den zermahlenen Muschelschalen hat, die mit Kalk vermischt wurden, um die Wände und Säulen wie Marmor oder Perlen erscheinen zu lassen. Einst flackerten hier Öllampen, deren Schein von den Wänden zurückgeworfen wurde. Die Bögen, Decken- und Wandmalereien ähneln islamischen Vorbildern; zwischen zarten Arabesken ist ein Medaillon-Fries der Maharajas von Marwar und Jodhpur eingebettet. Der Moti Mahal Chowk grenzt an den Thronsaal, der als öffentliche Audienzhalle diente und verschwenderisch mit Spiegeln und Goldarbeiten ausgestattet ist. In einer Ecke des Palastraumes befindet sich der Thron aus Silber, ein Erbstück aus dem 17. Jahrhundert von unschätzbarem Wert. Das Sonnenemblem auf dem Thronsitz unterstreicht die Herkunft der Rathore-Dynastie von den Sonnenkönigen der heiligen Stadt Ayodhya.

Der nächste Hof wird Zenana Deori (auch Zenana Deodi) genannt, besteht als einziger im Fort aus Marmor, ist kleiner als der Moti Mahal Chowk und wirkt fast filigran. Er wird umschlossen von den drei- bis vierstöckigen Gebäuden der Haremsgemächer (Zenana), die früher von Eunuchen bewacht wurden. Der Frauentrakt zeigt in vielen Details, wie Zackenbögen, Wandmalereien, Teppichen und gedrechselten Möbeln, den von Mogulhöfen beeinflussten Wohnstil des 17. und 18. Jahrhunderts.

 

Festung Jaisalmer

Westlich von Pokaran ergebt sich die hochgetürmte Festungsstadt Jaisalmer aus einer weit und breit todesflimmernden Wüste. Die Silhouette des gelben Sandsteinplateaus mit Tempeln und Palästen wirkt aus der Ferne wie der geheimnisvolle Ort einer Geschichte aus Tausendundeiner Nacht. Erst sieht man schemenhaft einen mächtigen Monolithen, auf dem sich allmählich die Konturen des Forts abzeichnen. Dann erkennt man die 99 Bastionen, an denen sich in den vergangenen Jahrhunderten der Flugsand abgelagert hat. Und so scheinen sie aus dem Trikuta-Felsen zu wachsen, auf dem noch immer die zu Pyramiden aufgetürmten Steinkugeln liegen, die man auf die Angreifer warf.

Jaisalmer gilt neben Chittaurgarh und Kumbhalgarh als die schönste Festung Rajasthans. Doch befindet sich auf dem Felsen neben der Festung und dem Palast des Fürsten eine ganze Stadt; ungefähr ein Viertel der Altstadtbevölkerung lebt innerhalb des Forts. Jahrhunderte lang trotzte das Fort fast allen Aggressoren, doch wenn man näher kommt, stellt man ernüchtert fest, dass die Märchenkulisse arg brüchig geworden ist. Immer wieder stürzten Mauern oder Gebäude ein. Hatte das Fort Jahrhunderte lang fast allen Aggressoren getrotzt, so zogen jetzt immer mehr Menschen in die Neustadt unterhalb der Festung, wo die hygienischen Verhältnisse akzeptabler sind. Nicht zuletzt die Einnahmen aus dem Tourismus trugen erheblich dazu bei, dass die noch vor kurzem vom Verfall bedrohten Gebäude renoviert und die baufälligen Tempel und einzigartigen Havelis saniert werden konnten.

Der Zugang zur 1156 gegründeten Festung mit seiner neun Meter hohen Mauer wurde aus verteidigungsstrategischen Gründen im Zickzack angelegt. Der Aufstieg erfolgt entlang enger, von Häusern mit Balkons gesäumter Straßen. Immer öfter verstecken sich jetzt hinter den alten Fassaden kleine Souvenirläden, gute Restaurants und akzeptable Unterkünfte.

 

Raj Mahal

 

Abrupt befinden wir uns inmitten eines Labyrinths aus verschachtelten Palästen mit Plätzen voller Leben – diese Festung ist ein ›lebendiges Fort‹, in dem ständig rund 3000 Menschen leben und arbeiten. Der Manek Chowk (Rubinplatz) mit Cafés und Andenkenbuden war einst der Treffpunkt der Karawanenhändler, heute werden hier Obst und Gemüse angeboten. An einem alten Wassertrog werden noch heute die Tiere getränkt.

Der Manek Chowk wird beherrscht vom siebenstöckigen Raj Mahal (Stadtpalast), der sich mit seinen kaum verzierten Sandsteinfassaden mit verzierten Balkonen und Kuppeln in das Ensemble einfügt. Bei ihm handelt es sich um ein Labyrinth aus verschachtelten Palästen, dessen ältester, der Juna Mahal, auf das frühe 16. Jahrhundert zurückgeht. Er ist berühmt für seine Sandsteinbalkone. Der oberste Turm, auf dem das Wappenzeichen der Bhattis, ein metallener Schirm, aufgestellt ist, bietet eine weite Aussicht auf die Stadt und die Wüste. Von der schmalen Dachterrasse an der Nordwestseite des Platzes aus konnte der Rawal von Jaisalmer von einem Marmorthron aus das Geschehen unten auf dem Hauptplatz beobachten. Der Palast ist heute ein Museum und kann besichtigt werden.

 

Tempel 

 

Es gibt zahlreiche sehenswerte Tempel innerhalb des Forts. Sieben reich verzierte Jain-Tempel liegen derart verschachtelt neben- und übereinander, dass sie wie ein einziger Tempel erscheinen. Zu beachten ist, dass sie jeweils unterschiedliche Öffnungszeiten haben. Zunächst erreicht man den Chandraprabhu-Tempel von 1509, der dem 8 Tirthankara geweiht ist. Die obere Galerie besitzt 108 Marmor-Statuen von Parshvanath. Der rechts angrenzende Rishabdev -Tempel (auch Rikhabdev-Tempel) von 1497 enthält ebenfalls verschwenderisch dekorierte Toranabögen sowie 600 Darstellungen von meditierenden Furtbereitern. Hinter dem Sanktum befindet sich eine Darstellung der Göttin Kali, flankiert von der Skulptur einer schönen unbekleideten Frau.

Hinter dem Chandraprabhu-Tempel befindet sich der 1417 erbaute Parshvanath-Tempel mit 52 kleinen Schreinen, der 1615 rekonstruiert wurde. Er hat ein verschwenderisch skulptiertes Torana-Portal und eine Gruppe von Tirthankara-Statuen, deren mit Juwelen besetzte Augen in der Dunkelheit funkeln. Üppige Apsara, himmlische Tänzerinnen, und andere Gestalten der Jaina-Mythologie sind als Plastiken oder Reliefs zu sehen.

Eine Tür nach Süden führt zum kleinen Shitalnath-Tempel, der dem 10. Tirthankara gewidmet ist. In der Nordwand befindet sich ein Zugang zum dunklen Raum des Sambhavnath-Tempels mit vollbusigen Tempeltänzerinnen am Tempeldach. Stufen führen hinab zur Gyan-Bhandar-Bibliothek, die im Jahr 1500 gegründet wurde und einige der ältesten und kostbarsten Palmblatt-Manuskripte aus dem 11. Jahrhundert verwahren soll.

Die übrigen beiden Tempel sind Shantinath mit hunderten Heiligen-Bildern und unterhalb davon der Kunthunath-Tempel (auch Ashtapadi-Tempel), der 1536 erbaut wurde, über eine Passage zugänglich ist und Statuen hinduistischer Gottheiten an den äußeren Säulen und Mandapas enthält.

Zudem gibt es einen der Gottheit Surya geweihten Tempel nördlich dieser Jain-Tempel.

Etwas abseits finden sich einige Hindu-Tempel, von denen der Laxminath-Tempel mit prächtiger Kuppel im Zentrum des Forts der wichtigste ist. Sein Eingang ist mit Silber ausgeschmückt.

 

Patwon-ki-Haveli.

 

Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Jaisalmers, die reich geschmückten Häuser ehemals vermögender Kaufleute, liegen in der Altstadt unterhalb des Forts. Die Gassen der Stadt der Handwerker und Händler am Fuße der Festung mit ihren prachtvollen Patrizierhäusern reihen sich zum Schutz gegen die Sonnenglut in engen Gassen aneinander. Anders als im Shekhavati-Gebiet kommt man nicht durch große Tore in die Höfe und Wohnräume, sondern durch kleine Türen.

Eines der prächtigsten Handelshäuser ist der Patwon-ki-Haveli. Es besteht eigentlich aus fünf nebeneinander stehenden Häusern und weist insgesamt 60 Balkone, zahlreiche Erker und Pavillons auf. Der Komplex wurde zwischen 1800 und 1860 von der einflussreichen Gold-, Silber- und Brotkathändler-Familie Patwa errichtet und in den letzten Jahren zu einem kleinen Basar umgebaut. Eines der Gebäude beherbergt heute das Kothari-Patwa-Haveli-Museum. Den Innenhof schmücken große Wandbehänge.

 

 

Salim-Singh-Haveli

Das um 1815 erbaute sechsstöckige Salim-Singh-Haveli steht in Verbindung mit dem brutalen Premierminister Salim Singh Mohta (auch Salim Singh Mehta) und besteht aus einem Obergeschoss mit unzähligen pavillonartigen Kuppeldächern und einer Galerie schmaler Säulen. Die Balkone, Fensterrahmen und Treppen sind überzogen mit Rankenwerk. 

Auf dem Dach des Hauses erhebt sich die Moti Mahal (Perlenhalle) mit zwölf reich verzierten Bögen an der Längsseite und sieben an der Breitseite, die mit Pfauendarstellungen geschmückt sind. Doch Salim Singh übertrieb seinen Ehrgeiz, als er plante, eine Brücke von seinem Haveli zum Herrscherpalast zu bauen – der Maharaja ließ ihn ermorden. Den besten Blick auf das Haveli bekommt man vom Restaurant gegenüber. 

Der 1885 erbaute Nathmal-ki-Haveli war einmal die Residenz eines Premierministers und ist heute teilweise unbewohnt. Dass das Haus von zwei Brüdern erbaut wurde, kann man im Innern an den unterschiedlichen Ausführungen erkennen, obwohl die äußere Fassade einheitlich gestaltet ist. In einem Gang hängen an den Wänden britische Postkarten aus dem 19. Jahrhundert und unter anderem ein Bild der Queen Victoria.

 

© Rainer Waterkamp