Indien

Meine Reisen

 

23. März 1970 - 4. April 1970: Beirut, Damaskus, Karachi, Delhi, SAgra, Bangkok, Hongkong, Tokio, Wake Island, Hawaiii, San Francisco, New York

 

27. Oktober 1984 - 11. November 1984

 

20. Januar 1988 - 12. Februar 1988 (Kamel-Trekking)

 

6. Oktober 2001 - 26. Oktober 2001

 

15. Oktober 2017 - 26. November 2017

 

9. Februar 2019 - 10. März 2019 (Rajasthan und Madhya Pradesh)

 

Literatur

 

Rajasthan. Mit Delhi, Agra, Varanasi, Khajuraho und den Höhlen von Aurangabad, Trescher-Verlag, Berlin  2014 –ISBN: 978-3-89794-260-8, 2. Auflage 2018, ISBN: 978-3-89794-418-3

 

Secret Places. 100 unbekannte Traumreiseziele weltweit, Bruckmann, München 2019 (1. und 2. Auflage), Neuauflage 2020. Beiträge «Ajanta«, »Pushkar«, »Kameltrekking in der Wüste Thar«, -ISBN-13: 978-3-7343-1272-4.

 

Entdecke die Welt, Bruckmann, München 2014, Beitrag »Kameltrekking in der Wüste Thar«, -ISBN: 978-3-7654-6278-9

Auf Kamelhengst "Maikel" in den Dünen von Sam (Rajasthan) 20017

Reportage: Die Wüste tut der Seele gut

Kamel-Trekkinq ist etwas für Frühautsteher. Werden die einhöckrigen Dromedare gesattelt und bei Sonnenaufgang bepackt, macht sich nervöse Aufbruchsstimmunq breit. Die scheinbar immer schlecht gelaunten Tiere protestieren laut brüllend, gurgelnd, schnaufend und röchelnd. Wirklich schön sind die Kamele nicht. Der kleine Kopf auf dem langen Hals wirkt ein wenig komisch, die Ohren sind winzig, die Augen liegen unter Wülsten, die Zähne sind schief und von unansehnlich gelber Farbe, die Kiefer mahlen ununterbrochen knirschend harte Gräser. Doch Dromedare sind geschickte Schauspieler: Bei jeder Handbewegung zucken sie zusammen, ihre Schau beim Beladen oder Aufstehen ist bühnenreif . Auch haben sie große, tiefgründige Augen, die immer ein wenig hochmütig unter den langen Wimpern hervorblicken.

 

 

Mein Zelt während des Kamel-Treckings in der Wüste Thar

Die ersten Minuten auf dem Rücken des noch jungen Kamels sind der blanke Horror. Abrupt erhebt es sich mit den Hinterbeinen, sodass mein Oberkörper nach vorn schießt. Es streckt die Vorderbeine und ich kippe wieder nach hinten. Dann fährt es die Hinterbeine in voller Länge aus und ich rutsche sofort wieder nach vorn. Das Ganze wirkt wie ein Auffahrunfall ohne Kopfstütze. Allerdings wird der Ritt bereits nach den ersten wiegenden Schritten zu einem meditativen Erlebnis. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, hoch oben auf dem Tier zu sitzen, das seine Nase kühn in den Wind steckt, und hinauszureiten in ein Meer aus Sand, das mit dem stahlblauen Himmel am Horizont flimmernd verschmilzt.

Zunächst geht es durch steiniges Terrain mit scharfblättrigen Pflanzen und dornigen Sträuchern. Der hart gebackene Stein- und Sandboden ist ockerfarben bis gelbbraun. Die Kamele beschleunigen ihren Schritt und streben den Sanddünen zu. Bis auf ihren sanften Fußtritt ist kein Laut zu hören. Überrascht stelle ich fest, dass die Umgebung keineswegs so ohne Leben ist, wie ich zunächst dachte, denn ich höre kleine Glöckchen läuten. Eine Herde schwarzer und weißer Ziegen taucht unvermittelt auf und entschwindet auch sofort wieder in einer Wolke aus Staub und Dunst. Die flauschigen rotbraunen Ohren meines Kamels lauschen dem Klang der Glöckchen nach. Die monotone Bewegung eines Kamelritts und das gleichmäßige Schaukeln des »Wüstenschiffs« ähneln sehr dem Rhythmus, dem sich Muslime beim Lesen des Koran hingeben. Diese Weite, diese Stille - man kann sie geradezu physisch spüren, sich in ihr verlieren und in dieser Einöde sich für den einzigen Menschen auf Erden halten. Ich erahne: Die Wüste tut der Seele gut. Und erwache unsanft aus meinen Träumen, als mein Reittier stolpert.

Einige Reisende ziehen es vor, zur Schonung ihres verlängerten Rückens ein paar Kilometer zu Fuß im glühenden Sand zurückzulegen. Doch halten sie das Tempo der Dromedare, sechs Kilometer pro Stunde, nicht lange mit. Zum schmerzenden Hinterteil haben sich die Wanderer nun auch noch Blasen an den empfindlichen Füßen zugezogen. Eine Anzahl zierlicher Hütten weist darauf hin, dass wir Bodana, unser Etappenziel für diesen Tag, erreicht haben. Nach dem althergebrachten Verhaltenskodex der Wüste steigen wir außerhalb der Ortschaft von den Kamelen und führen die Tiere die staubige Dorfstraße entlang. Man schaut den Bewohnern schließlich nicht respektlos vom Rücken der Dromedare in ihre Behausungen!

Es ist kurz vor sieben, als wir am nächsten Morgen verschlafen und kreuzlahm vom Liegen auf dem meist harten Boden aus den Zelten kriechen. Schemenhaft huschen im Halbdunkel der blauen Morgenschatten Gestalten vorbei. Kaum hat sich die Sonne über den Sanddünen erhoben, züngeln bereits kleine Feuer, um die sich, in der morgendlichen Kühle vermummt, die Reisenden scharen. Langsam zeichnet ein roter Schimmer am östlichen Horizont den ersten zaghaften Tupfer des beginnenden Tages. Am Ende eines weiteren Tages auf dem Kamelrücken Übernachten wir in der Nähe des heruntergekommenen Wüstennestes Berla. Ich freue mich jeden Tag auf diese Abende am Lagerfeuer. Ein Sänger aus unserer Begleittruppe bringt Lieder von der Einsamkeit des Hirten, dem Lieblingskamel, der leidvollen Liebe und den Beschwernissen des Wüstenlebens zum Besten - monotone Musik, so wie die weite Wüste Thar. Die Trommeln schlagen den Rhythmus und die Maultrommel füllt die sternenklare Nacht mit Melancholie und Sehnsucht.

Nach dreistündigem Ritt am folgenden Sonntagmorgen erreichen wir Akkeli. Am Lagerfeuer dampft das Wasser für unseren schwarzen Tee, den wir, je nach Geschmack, gewürzt mit Kardamom, lngwer, schwarzem Pfeffer oder mit Kamelmilch dankbar schlürfen. Nach kurzer Mittagsrast geht es weiter; wir reiten der untergehenden Sonne entgegen. Als einziger Laut ist der klagende Gesang eines Kameltreibers zu hören: Lieder über verlorene Liebe und kühne Heldentaten. Auf einer Sanddüne vor der ansehnlichen Ortschaft Baroo bauen wir unsere Zelte auf. Das Feuer knistert, die Flammen lodern in den Sternenhimmel, während wir auf den Matten liegen und der Musik unserer indischen Begleiter lauschen. Als das Feuer erstirbt, hüllen sich die Treiber in ihre Wolldecken. Am Himmel funkeln Millionen von Sternen.

 

Nach einem anstrengenden Sieben-Stunden-Ritt erreichen wir am nächsten Tag endlich Tota. Vor der rotglühenden Scheibe der untergehenden Sonne gehen die Kamelköpfe auf und ab, und es schaukeln die Höcker ein Bild von surrealer Kraft. Nach dem langen Tag fallen wir vor Müdigkeit fast aus dem Sattel. Der älteste Kameltreiber lacht die Damen an und gefällt sich in Liedern von Mädchen, deren Brüste wie Limonen aussehen. Der Koch schweigt und bereitet unser abendliches Mahl aus Tomaten und Knoblauch, Koriander und Chili, köstlichem Gemüse, Kartoffeln und Eiern zu. Diese Szene hätte auch vor 600 Jahren spielen können, als Fernhändler auf der alten Seidenstraße und Abenteurer wie Marco Polo in Richtung Jaisalmer unterwegs waren. Der Vollmond ist zur dünnen Sichel geschrumpft und wacht über diese Nacht, von der ich wünsche, sie möge niemals enden.