Chile

14. Januar 1973 - 31. Januar 1973 (Südamerika-Rundreise Puerto Rico - Caracas - Bogota - Quito - Lima - Cuzco - Machu Picchu - Titicaca-See - La Paz - Santiago de Chile - Buenos Aires - Montevideo - Asunción - Iguacú-Wasserfälle - Sao Paulo - Brasilia - Rio de Janeiro)

25. Juni 1999 - 11. Juli 1999 (mit Bolivien)

Auf dem Atacama-Highway

 

Die chilenische Atacama ist die trockenste, salzigste und schmalste Wüste der erde. Außerdem ist sie voll von faszinierenden Landschaften und deshalb unbedingt eine Reise wert.

 

Die Reise nach Chile ist beinahe zuende, bevor sie begonnen hat. Juan Guzman, mein bolivianischer Fahrer, leiderfahren im Umgang mit bolivianischen Behörden, hat dem chilenischen Grenzbeamten diskret einen Geldschein in den Pass gelegt. Diese in Bolivien übliche Gepflogenheit, eine Angelegenheit zu beschleunigen, gilt im korrekten Chile als Bestechungsversuch. Erst mit einer Entschuldigung für dieses „Versehen“ wird diese peinliche Angelegenheit beigelegt und wir können einreisen.  

 

Salar de Atacama

Bereits die Spanier stiegen vom bolivianischen Altiplano hinunter in die chilenische Atacama. Mit 30 gepanzerten Reitern und ein paar Musketieren stürmte im Jahr 1540 der Räuberhauptmann Francisco de Aguirre die alte Inkafestung Pukará de Quitor, deren Ruinen noch heute zu sehen sind. Er enthauptete die Indianer und ließ ihre Köpfe auf den Mauern aufspießen. Dann weihte er den Ort dem heiligen Petrus und ließ eine Kirche errichten. Mit diesem blutigen Akt trat die Wüstenstadt San Pedro de Atacama in die Neuzeit ein. In den staubigen Gassen des verlorenen Nestes am Rande der Wüste (45 km von der Grenze entfernt) ziehen sich die Fassaden der Häuser entlang, die wie Mauern wirken, da es keine Fenster gibt. Das sehr schöne Hotel La Casa de Don Tomás wird meine Unterkunft für die nächsten Tage sein. Hier treffe ich Rolando Caballero Cortes, den Chef von Suri Expediciones, der meinen bolivianischen Fahrer und mich von jetzt an durch Chile begleiten wird.

Die Atacama-Wüste ist fast 100.000 km2 groß, erstreckt sich auf einer Breite von nur 160 km und steigt von Meereshöhe bis auf 6.000 m an. Mittendrin das pochende Herz, der Salar de Atacama. Zwischen zwei Gebirgszügen sammelte sich das Schmelzwasser und ließ eine weiße Salzwüste entstehen. Der riesige See mit der Salzkruste ist fast dreimal so groß wie der Bodensee und gehört zu den trockensten Gebieten der Erde. Nichts rostet an der Luft, nichts löst sich auf.

Die Hauptzufahrt zu dem Salzsee erreichen wir südwestlich der Oase Toconao, 36 km südöstlich von San Pedro, das als Sehenswürdigkeit die schöne Iglesia San Lucas (18.Jh.) bietet. Inmitten des Salar de Atacama befindet sich 30 km weiter die Laguna Chaxa, ein dunkelblauer Salzsee mit Flamingo-Kolonien. Im Hintergrund sieht man die von der Abendsonne rötlich angestrahlte Kordillere. Auf dem Rückweg weist Rolando auf einen Sandweg links der Straße, der beiderseits von gelbbraunem Büschelgras begleitet wird. Nach mehreren Abfahrten von den Pisten, die man ohne genaue Ortskenntnis und ohne allradgetriebenen Geländewagen nicht erreichen kann, gelangen wir zur Laguna Cegas, einen beliebten Ausflugssee der Bewohner der Umgebung. Es ist ein ziemlich ruppiger Weg zu dieser schönen Lagune, die mit ihrem Anblick allerdings für die Mühen entschädigt. Zurückgekehrt auf die Hauptstraße nutzen wir die Möglichkeit, Tulor mit Resten einer prähispanischen Siedlung aus dem Jahre 1050 v.Chr. aufzusuchen, größtenteils ausgegraben zwischen 1982 und 1986 und 10 km südwestlich von San Pedro de Atacama gelegen. Weitere 12 km sind es bis zum Valle de la Luna, dem Mondtal, das den Salzsee begrenzt. Der Weg führt zunächst durch ausgetrocknete Flusstäler aus zerbrechlichen, weißen Krusten und durch ausgewaschene Höhlengänge bis zu einem Amphitheater mit gigantischen Dünen aus schwarzem Sand. In diesem Freilufttheater ohnegleichen knistern und knacken in der glutheißen Hitze des Tages die Gesteinsgebilde aus Salz, Ton und Gips, skurrile Plastiken in wechselnden Farben. Daneben ragen wie kleine Dolomiten salzig weiße Zacken in die Höhe. Berge, Dünen, senkrechte Abbrüche und schlanke Felsnadeln, immer wieder tauchen neue Formen auf, so auch von Wind und Wetter gefräste Skulpturen aus braunem Lehm, die nach Ansicht der Chilenen die »Drei Marien« darstellen. 

 

Géiseres del Tatio

Man muss sehr früh aufstehen, etwa um vier Uhr, um zu Beginn der Weiterreise das Spektakel der Géiseres del Tatio in 4.500 m Höhe zu erleben. Die Geysire liegen 95 km nördlich von San Pedro de Atacama. Nach den ersten Sonnenstrahlen, etwa kurz vor 7 Uhr, durchbrechen mehr als 100 Geysire die über Nacht gefrorene Erde und verwandeln Tatio in einen sprudelnden, dampfenden, gluckernden, zischenden und Fontänen speienden Hexenkessel. Ringsherum steigen Dampfsäulen in den tiefblauen Himmel, brodelt siedendes Wasser aus den Löchern und fließt in Rinnsalen über den salzigen Boden. Wenn die Sonne den Nebel vertreibt, werden farbenprächtige Gebilde aus Erde, Stein und Schwefel sichtbar, und Millionen von feinen Wassertröpfchen brechen das Licht der noch zaghaften ersten Sonnenstrahlen und zaubern eine Wunderwelt der Farben hervor. Auf der anderen Seite des Tales ist das Quellenfeld von Géiseres del Tatio. Auf der Höhe von 4.300 m, wo das siedende, allerdings nur 80°C heiße Wasser abkühlt, entstehen ideale Lebensbedingungen für verschiedene Algenarten, während die im Quellwasser gelösten Mineralien zu stufen- und höckerartigen Gebilden zusammenbacken − ein farbenprächtiges Bild, ideal für Fotografen.

 

Vom Hochland zur Küste

Von den Geysiren bei El Tatio geht es durch den fantastischen Chita Canyon. In der Ferne ist der schneebedeckte, 5.870 m hohe Vulkan Ollagüe zu erblicken. Ein Abzweig führt nach Caspana mit der sehenswerten Kolonialkirche San Lucas. Kurvenreich geht es nun an dem atemberaubenden tiefen Canyon entlang, rechter Hand liegt eine Kette schneebedeckter Berge. Stetig geht es bergauf und bergab. Wir erreichen die um 1150 erbaute Stadt Pukará de Lasana, die seit 1600 verlassen liegt. 

Dort, wo zwei Flüsse zusammenfließen und sich die Handelsstraßen kreuzen, liegt die Oase Chiu Chiu. Inmitten der feindlichen Wüste wurde die älteste Kolonialkirche Chiles aus Adobe und Kakteenholz errichtet, die Iglesia San Francisco (1675). Auf einem ausnahmsweise guten Teilstück der Route erreichen wir an den Ufern des Rio Loa die Stadt Calama (2.260 m), die sich als Tierra de sol y cobre (Landstrich der Sonne und des Kupfers) anpreist. In der Ferne sieht man sowohl die schneebedeckten Kordilleren als auch den nahen Kupferberg der Nachbarstadt Chuquicamata. Nach dem Niedergang der Salpeterindustrie schlägt hier das wirtschaftliche Herz der Atacama, klafft das staubige Riesenloch der größten Kupfermine der Erde.

Die Hafen- und Industriestadt Tocopilla (25.000 Einwohner) ist unser nächster Zwischenstopp, dann geht es auf einer neu erbauten Straße entlang felsiger Buchten hoch über dem Meer an der Küste entlang. Hoch über dem Meer erleben wir das Spiel der Naturgewalten. Wild und ungezähmt brechen sich die Wellen des »Stiller Ozean« benannten Meeres an der Küste und zermalen die Felsen aus Sandstein zu feinem Sand, waschen gewaltige Tunnel und Krater in die Klippen.

Hinter der Zona Franca, der Freihandelszone, geht es noch rund 140 km am Pazifik entlang. Nach einem Seegefecht mit dem mächtigen peruanischen Schiff »Huasar« sank am 21. Mai 1879 die chilenische Korvette »Esmeralda« vor der Küste von Iquique (145.000 Einwohner), das im November des gleichen Jahres von den Chilenen eingenommen wurde. Die Stadt besitzt mit dem  Plaza Prat ein gepflegtes Plätzchen, an dem sich der Torre del Reloj, ein Uhrturm von 1877 sowie das  prächtige Teatro Municipal (1890) befindet. Hier steht auch das altehrwürdige Hotel Arturo Prat, in das ich mich für eine Nacht einquartiere.

Entlang von riesigen Dünen keucht unser Geländewagen jetzt stetig aufwärts, bis wir 49 km hinter Iquique einen Abzweig erreichen, der zur verlassenen Mine Santa Laura führt. Hier sehen wir  Arbeiterhäuser mit zerbrochenen Scheiben, ausgediente Schienenstränge, Windräder und Hallen mit verrosteten Maschinen. Danach passieren wir eine Zollkontrolle und nehmen einen links abzweigenden Schotterweg, der zu den Geoglifos Cerro Unita führt mit der rund 60 m langen Figur »Gigante de Atacama« (ca. 1000 n.Chr.). 

Hinter dem Ort Huara, der zu Zeiten des Salpeterbooms zu Reichtum gelangte, überqueren wir die Puente Tana und erreichen weitere Felszeichnungen, die Geoglifos Chica. Nach einer Polizeikontrolle für Pkw fahren wir auf einer Straße oberhalb tiefer Schluchten an trostlosen braunen Bergen vorbei, doch tief unten im Tal sehen wir frisches Grün.

Hinter der Puente Chaca kündigt sich Arica an, die Stadt des ewigen Frühlings. Sie ist nur 18 km von der Grenze nach Peru entfernt. Der berühmte Morro-Berg, einst Festung der Peruaner und heute Waffenmuseum, wurde unter großen Verlusten im Salpeterkrieg am 7. Juni 1880 von den Chilenen erstürmt. 

 

Zum Parque Nacional Lauca 

Eine etliche Kilometer lange Ausbaustrecke führt teilweise recht steil hinauf nach Poconchile mit der Kolonialkirche Iglesia de San Gerónimo. Der Nebel löst sich auf und die Sonne schneidet sich durch die Wolken. Plötzlich erblicken wir neben Sandbergen und Boraxhügeln im Cardones Canyon (2.000−2.700 m) mehrere meterhohe Kandelaberkakteen und nicht weit davon entfernt rechterhand die Pukará Copaquilla, die Ruinen einer im 12.Jh. erbauten und später von den Inka genutzten Festungsanlage. Nahebei liegt direkt an der Fernstraße die restaurierte Speicheranlage der Inka, Tambo de Zapahuira

Nun ist es nicht mehr weit bis Putre, das inmitten der Präkordillere, einer trockenen Gebirgssteppe mit tief eingeschnittenen Gebirgstälern, liegt. Das Nest bietet bis auf die Plaza mit der unscheinbaren Adobekirche nichts Sehenswertes und so buche ich im Hotel las Vicunas ein einfaches Zimmer mit Bad, um mich während der Mittagszeit zu erholen. 

Obwohl wir eigentlich erst am kommenden Tag weiterfahren und den Nationalpark Parque Nacional Lauca (137.883 ha) eingehender besichtigen wollten, fühle ich mich bereits am Spätnachmittag „fit“ für eine Fahrt durch das bereits seit 1965 existierende Wildschutzgebiet, das 1970 zum Nationalpark erklärt wurde. Mit Berglöwen, Füchsen, Flamingos, Pampahasen, Kondoren und Viscachas, die den Chinchillas ähneln, ist der Park, der auf einer Höhe zwischen 3.200 und 6.342 m liegt, einer der artenreichsten des Landes. Auf den saftiggrünen Feuchtwiesen, den bofedales, der Cotacotani-Lagunen grasen Lamas, Alpakas, Guanacos und Vikunas. Wir finden optimale Lichtverhältnisse vor, und noch ahne ich nicht, dass meine Fotos von diesem Tag die nahezu einzigen von diesem Nationalpark sein werden, die brauchbar sind.

Hinter dem blauen Lago Chungará, der auf 4.500 m als höchster See der Erde gilt, erheben sich die Zwillingsvulkane Parinacota (6.342 m) und Pomerape (6.282 m). Der Parinacota ist wie der bereits zu Bolivien gehörende Sajama (6.542 m) ein erloschener Vulkan, dessen Krater schneebedeckt ist. Geradeaus führt die Strecke weiter zur Grenze nach Bolivien, doch wir fahren zur Übernachtung zurück nach Putre.

Am folgenden Morgen zeigt sich die Strecke vom Vortag in einem trüben, fahlen Licht. Wir passieren 8 km hinter dem Lago Chungará den chilenischen Kontrollposten und erreichen nach einer 14 km langen Strecke durch eine Pufferzone den bolivianischen Grenzkontrollposten in Tambo Quemado – Bolivien hat uns nach einer rund 1.200 km langen Fahrt durch fantastische Landschaften Chiles wieder. Jetzt muss Juan Guzman die Granzabfertigung wieder mit kleinen Zuwendungen beschleunigen.