Flug mit der berühmten "Tiger Mouth" über Barrier Riff"

Australien - Zentrum und Ostküste

Meine Reisen

31. Dezember 1983 - 13. Januar 1984 (London - Karachi - Manila - Melbourne - Sydney - Singapur - Bangkok, Ayuthaya)

28. Juni 1987 - 26. Juli 1987

25. Februar 1989 - 16. März 1989 (Mumbai - Singapur - Johore Bahru/Malaysia - Adelaide - Mt.Gambier - Alice Springs - Melbourne - Philipp Island - Canberra - Sydney - Goldküste mit Coolangatta - Brisbane - Hongkong - Macao - Zhong Shan)

14. Mai 1993 - 30. Mai 1993 (Darwin - Alice Springs - Cairns - Sydney)

9. Oktober 1995 - 1. November 1995

Literatur

Australien. Globetrotter, artcolor-Verlag, Hamm 1989 , 1990, Neuauflage 1993–ISBN: 3-89261-084-3, 3-89261-332-X

 

Die schönste Reise meines Lebens, Bruckmann, München 2012 (»Der Weg ist das Ziel - durch die Gibson Desert in Australien«), -ISBN: 978-3-7654-5775-3

 

Secret Places. 100 unbekannte Traumreiseziele weltweit, Bruckmann, München 2019 (1. und 2. Auflage), Neuauflage 2020. Beitrag »Gunbarrel Highway«, -ISBN-13: 978-3-7343-1272-4.

Highway ins Outback

Durch die rote Wüste im Westen Australiens zieht sich schnurgerade ein Strich: der Stuart Highway. Rund 3000 Kilometer lang, verläuft er quer durch den Kontinent und verbindet das Top End, den Norden, mit dem geschäftigen Süden. Über weite Strecken unbefestigt, führt er im Zentrum an einem Wahrzeichen Australiens vorbei, dem Uluru. Ein roter Landcruiser mit seiner Besatzung nahm die Herausforderung der roten Staubpisten an.

 

Der Reisende, der das Abenteuer einer Geländewagenfahrt von Darwin, der Biertrinker-Hochburg im tropischen Norden, in das Zentrum des »roten Kontinents« wagt, wird unausweichlich die Bekanntschaft mit dem machen, was die Australier »bull dust« nennen: die gelb-rote brisante Mischung aus Sand und Staub, die bei Trockenheit den ganzen nördlichen Kontinent zu bedecken scheint. Die Flüsse sind braun verschlammt, brackig und tiefrot vom Lehm. Und die riesigen Mulden sind unvorhersehbar tief. Gerät man zu langsam hinein, bleibt man hoffnungslos stecken. Fährt man zu schnell, wird die Bugwelle rasch übermächtig. 

Westlich vom Stuart Highway ist noch immer Pionierland, Australiens »last frontier« mit mächtigen Bäumen, endlosen Weiten und wenigen »long-grass-people«-Typen, umherziehenden Vagabunden, schweigsamen Außenseitern, teilweise an der Zivilisation gescheiterten Exoten mit dunkler Vergangenheit und ungewisser Zukunft. Östlich des Stuart Highways ist es nicht weniger trostlos – endlos weites, wildes Land mit Menschen, die ihre Tätowierungen tragen wie lebende Bildnisse, deren Humor so trocken ist wie der Sand ringsum, die selten ohne eine geöffnete Bierdose in der Hand zu sehen sind – Niemandsland »Never never«, am Rande der Welt »down under«.

Ausgangspunkt der Abenteuerfahrt ist Darwin, die weltoffene und lebensfrohe Stadt im Norden Australiens. On Badefreuden an einem endlos langen weißen Sandstrand, ob Safaris in die Nationalparks des Nord-Territoriums oder eine anderthalb tausend Kilometer fressende Fahrt auf dem Stuart Highway nach Alice Springs ins zentralaustralische Outback – von hier bieten sich vielerlei Möglichkeiten, Land und Leute kennen zulernen. 

Reglos wie eine lauernde Schlange blickt eine schwarzhaarige Schönheit unter schattigen Palmen durch ihre dunkle Sonnenbrille, nicht weit entfernt prüft eine üppige Blondine die Beweglichkeit ihrer Beine – auch wir genießen ein paar erholsame Tage am Strand, bevor wir der Zivilisation den Rücken kehren. Nur wenige Kilometer von Darwin entfernt erstreckt sich östlich ein Nationalpark mit zwei landschaftlich unterschiedlichen Gebieten: der Kakadu-Nationalpark, zweieinhalb Mal so groß wie Luxemburg, konfrontiert den Reisenden sowohl mit einem Überschwemmungsgebiet, zahlreichen Billabongs und Lagunen, zum andern mit steil aufragenden Felsen und fantastischen Schluchten, Wasserfällen und Flüssen. Die einzigartige Flora reicht von Mangrovenwäldern an der Küste sowie schlickigen Ufern des westlichen und östlichen Alligator River über offenes Grasland bis zu nahezu unberührten Eukalyptus- und Regenwäldern am Arnhemland-Plateau. Crocodile Dundee lässt grüßen! Im Park der sich seit 1976 größtenteils wieder im Besitz der dort lebenden Aborgines befindet und der von ihnen zusammen mit dem Australischen National Park and Wildlife Service verwaltet wird, leben zahlreiche seltene Vogelarten, Beuteltiere, Krokodile, Wasserbüffel und Barramundis (Knochenfische). Hier ist uraltes Aborigines-Land und möglicherweise der Brückenkopf zur Besiedlung  des Kontinents vor etwa 40.000 Jahren. Die Problematik der »Landüberlassung« an die Weißen ist in dem Film »Wo die grünen Ameisen träumen« von Werner Herzog anschaulich dargestellt worden.

Als Dokumentation alter Aborigines-Kunst mit rund eintausend Felszeichnungen und Malereien, die bis zu 20.000 Jahre alt sind, steht der Park auf der UNESCO-Liste der wichtigsten und erhaltenswerten Kulturdenkmäler der Welt. Die zeitlosen Malereien am Nourlangie Rock und am Obiri Rock zeigen Menschen, Kängurus und Schildkröten. Von einem Felsen in der Nähe des Nourlangie Rock erblickt man in der Ferne die Senken des Arnhem-Plateaus. Hier lebt für die Ureinwohner noch Namarrgon, der die Stürme fegt und Blitz und Donner schickt. In der Trockenzeit ist der Besuch des Nationalparks mit einem Geländewagen problemlos zu bewältigen: nur während der Regenzeit kommen selbst Allrad-Fahrzeuge hier nicht durch. Weiter östlich liegt Jabiru, eine moderne Siedlung für Arbeiter der Uranium Mines, deren Errichtung innerhalb des Parks sehr umstritten ist. Eindrucksvolle Texte und Fotos wollen zeigen, dass mit der Yellow Lake Foundation theoretisch die Stromversorgung mehrerer Großstädte gesichert werden könnte. In den letzten Jahren haben die Minengesellschaften durch Kampagnen versucht, weiteren Zugang zu dem Nationalpark zu erlangen. Ob Profitstreben einmal mehr über die Umwelt triumphieren wird, ist noch offen.

Am Kreuzungspunkt des Stuart Highway mit dem Victoria Highway, der nach West-Australien führt, liegt Katherine. Wahrscheinlich würde dieses triste Nest noch immer einer der zahllosen Vorposten versprengter Abenteurer und Stockmen, wie die Cowboys hier genannt werden, in der endlosen Einsamkeit des Outback sein, hätte der Tourismus nicht den Katherine River entdeckt. Insgesamt 13 Schluchten winden sich zwölf Kilometer lang durch den Sandstein, danach öffnet sich ein breites Tal. Der Nationalpark ist vor allem für Vogelliebhaber interessant, denn an den Ufern kann man Silberreiher und Rotrückennachtreiher, Kräuselscharben und Schlangenhalsvögel in unmittelbarer Nähe beobachten.

Jede der Schluchten, die sich im glitzernden Fluss spiegeln, hat ihren eigenen Charakter, neun Schluchten sind vom Fluss aus zugänglich. An den bis zu 70 Meter hohen Felsflanken sind viele tausend Jahre alte Felszeichnungen der Ureinwohner zu sehen. Wildbäche, Wasserfälle, Strudel und Stromschnellen sowie das Spiel von Licht und Schatten vermitteln einen grandiosen Eindruck von der tosenden Kraft des Katherine Flusses. Am Ufer sonnen sich Süßwasserkrokodile, in den Bäumen wiegen sich behaupte Papageien, schwatzhafte Kakadus und lebhafte Bienenfresser mit farbenprächtigem Kopfgefieder. 

Während der Weiterfahrt auf dem Stuart Highway fällt unser Blick von Zeit zu Zeit auf eines der kleinen Provinznester, die als Verstärkerstationen für die Telegrafenlinie entstanden waren, wie Daly Waters, oder eigentlich nur Raststätten und Tankstellen für durstige Fernfahrer sind wie Three Ways. Stundenlang stolpert der Wagen übe den Weg, der sich endlos und zäh wie ein Kaugummi in die Länge zu ziehen scheint. Bei Ti Tree Store, dem geographischen Mittelpunkt des Kontinents, wird der Highway zunehmend schlechter und entpuppt sich streckenweise als tückische Piste voller waschbrettartiger Querrillen, die die Blattfedern so laut ächzen lassen, dass sie die bisher monoton summenden Reifen übertönen.

Bei Renner Springs beginnt die Reise durch Trockengebiete. Die Savannen des Küstengebietes liegen nun endgültig zurück, voran erstrecken sich die unwirtlichen, trockenen Ebenen des Landesinneren. Es ist eine unbeschreibbare Einsamkeit, die man hier erlebt, eine eintönige, rotbraun gefärbte Wegstrecke. Verloren und nahezu vergessen Tennant Creek, eine Goldgräberstadt im Nirgendwo, mit einer 1872 errichteten Telegrafenstation, bei der zwei namenlose Gräber zu besichtigen sind. Die in dieser Gegend lebenden Warramunga haben verhindert, dass sich Weiße vor 1880 hier festsetzen konnten. Etwa hundert Kilometer südlich erheben sich zu beiden Seiten des Stuart Highway einige Haufen gigantischer, runder Felsblöcke: die Devil’s Marbles. Diese rötlichen Granitkugeln sollen einst ein einziger Felsen gewesen sein, bis durch Erosion die einzelnen Blöcke abgetrennt wurden, die immerhin eine Größe bis zu sieben Meter Durchmesser haben. Nach einer Legende der Eingeborenen handelt es sich bei den anderthalb Millionen Jahre alten Felskugeln um die Eier der Regenbogenschlange Wanambi.

Dunst steht wie Rauch über dem Highway, auf dem riesige Trucks mit einer ungeheuren Staubwolke hinter sich entlang donnern. Diese »Roadtrains« genannten gewaltigen Lastwagengespanne mit bis zu vier Anhängern sind kraftstrotzende Symbole des fünften Kontinents. Wie roboterhafte Ungetüme einer außerirdischen Welt donnern die PS-Kolosse über die Pisten, eingehüllt in einen Dunst aus Staub- und Sandwolken, am Bug wie gewaltige Schaufeln massive bullbars (oder cangaroo-catcher, wie sie hierzulande genannt werden) gegen Kängurus und Wasserbüffel. Kein Trucker nimmt seinen Fuß auch nur einen Millimeter vom Gaspedal, wenn ein Känguru oder ein Rind den Highway kreuzt. Der lange Bremsweg würde die Karambolage nicht verhindern und nur die gesamte Ladung ins Rutschen bringen. Auch wir machen den Autoriesen respektvoll Platz und warten in sicherer Entfernung am Straßenrand.

Die scharfkantige Bergkette der MacDonnell-Ranges, die Alice Springs in einem weiten Bogen umfasst, zieht sich mehrere hundert Kilometer durch das Land. In der Umgebung gibt es eine ganze Reihe spektakulärer Gebirgsschluchten, die einen Besuch lohnen: Emily und Jessie Gaps, Ormiston Gorge, Simpson’s Gap und Finke Gorge mit Palm Valley. Uns hält jedoch nichts mehr, wir müssen zum Uluru, der wie ein Ungeheuer aus grauer Vorzeit 348 Meter aus Sand, Spinifex-Gras und Mulga-Gestrüpp herausragt. Sein Entdecker Ernest Giles wusste noch nicht, dass die gewaltige Sandsteinformation sich noch Hunderte von Metern unter der Erde fortsetzt. 

Bis heute hat der Uluru, wie die Eingeborenen den Ayers Rock nennen, kultische Bedeutung für die Aborigines. Insbesondere einige der Höhlen und Risse rings um den Berg sind Besuchern deshalb nicht zugänglich. Dennoch gehört der Uluru neben dem Kakadu-Nationalpark zu den am meisten besuchten Nationalparks Australiens, was ihn auch besonders gefährdet. Das Land wurde 1985 offiziell wieder den Aborigines zugesprochen, zugleich aber von der Bundesregierung zur touristischen Nutzung gepachtet. Zwei Jahre später wurde der Park von der UNESCO zum erhaltenswerten »Erbe der Menschheit« erklärt, ein gewisser Schutz vor Zerstörung.

Für uns bleibt das Spiel der Farben unvergesslich: Im vollen Schein der Morgensonne leuchtet der Uluru, weithin bekannt auch als Ayers Rock,  pastellfarben und rosa. Steigt die Sonne höher und liegen die Felswände im Schatten, färbt er sich braun und grau, dann gelblich. Am späten Nachmittag, wenn es regnet, glänzt er silbrig, bis die letzten Sonnenstrahlen ihn in Hellrot oder Gold tauchen. Wenn die herabsinkende Sonne die Landschaft in ein gespenstisches Licht versenkt, beginnt der heilige Berg tiefrot zu glühen, bis er bei Einbruch der Nacht nur noch als tintenschwarze Silhouette am Himmel zu erkennen ist. 

Mit dem Geländewagen machen wir einen Abstecher zu den 28 Steinblöcken der Olgas, die sich 32 Kilometer weiter westlich befinden. Ernest Giles, der erste Weiße, der sie sah, nannte sie nach einer russischen Prinzessin. Mit 1072 Metern ragt der Mount Olga, der höchste dieser Steinklötze, aus dem Buschland auf. Am frühen Vormittag leuchtet die mysteriöse Anhäufung domartiger Felskuppeln in braunroten Farben. Die Eingeborenen nennen die Berge Katatjuta (viele Köpfe), und um jeden rankt sich eine Legende, was schon die Namen andeuten: Mudjera, rote Eidechse der Sandhügel oder die kleineren Mingarri, Beutelmäuse, die in einem Lager zwischen Mulga-Bäumen spielen. Ganz gebannt vom Zauber des Ortes, kommen uns diese Geschichten plötzlich viel plausibler vor als alle Erklärungen zur Erosionsgeschichte.