Trekking zu den Surma im Südwesten von Äthiopien

Landepiste in Tum
Landepiste in Tum

Trekking zu den Surma im Südwesten Äthiopiens

Die kleine zweimotorige Maschine, die uns von Addis Abeba nach Tum, einem Örtchen in der Kefa-Region, bringen soll, fliegt so niedrig, dass die Struktur der Erde eindrucksvoll zu erkennen ist. Zunächst liegt ein ausgedörrtes Land in einer großen Flussschleife da unten, dann ist im gleißenden Sonnenlicht die wilde Farborgie einer zyklopischen Hügelkette zu sehen, schließlich schiebt sich über langgestreckte Bergrücken sattes Grün ins Blickfeld. Nur zwei Flugstunden, und wir befinden uns im Gebiet, das der italienische Äthiopienforscher Carlo Conti Rossi einmal „Museum der Völker“ genannt hat. 

Ackerbauer in Tum
Ackerbauer in Tum

Tum, Maji

Von Tum geht es mit Maultieren nur noch auf anstrengenden Wanderpfaden südwärts. Die Luft ist angenehm frisch. Im orangefarbenen Licht des späten Nachmittags erstreckt sich ein welliges Hochland, in der Ferne leuchten blauschwarz steile Berge. Nach mehreren Stunden anstrengenden Trekkings auf unwegsamen Pfaden tauchen die ersten Siedlungen auf. Im südlichen und südwestlichen Hochland sind Düngung und Bewässerung weiter verbreitet als im Norden des Landes, so dass intensiv Ackerbau betrieben werden kann. Am Rande des Pfades wühlen einige Landarbeiter mit Ochsenpflügen den Acker um. Im Hintergrund wird eine Hütte sichtbar, wo Kinder unterrichtet werden.

Rastpause während des Trekkings
Rastpause während des Trekkings

Am Morgen klart es schnell auf, und die Sonne bahnt sich mit ihren intensiven Strahlen den Weg zwischen den Nebelschwaden. Unendlich scheint sich der Pfad hinzuziehen. Durch dichtes Grün feuchter Talniederungen, in denen die seltenen Colobus-Affen toben, geht es wieder bergan. Trekking im äthiopischen Bergland bedeutet, ständig Höhenunterschiede zu bewältigen, denn wenn man in ein Tal abgestiegen ist, geht es auf der gegenüberliegenden Seite wieder auf eine der zahlreichen Hochebenen. 

Trekking
Trekking

In den feuchten Talniederungen vermag kaum ein Sonnenstrahl das üppige Grün zu durchdringen. Nebelverhangen scheint der Regenwald wie eine Phantasielandschaft von John Ronald Tolkien gemalt. Tief herabhängende Zweige, üppige Riesenfarne, mannshohe Pflanzen und mit Moos bewachsene Steine auf dem schmalen Pfad machen uns das Vorwärtskommen nicht leicht. Der Waldboden schmatzt wie ein Schwamm unter unseren Füßen. Es fängt an, leicht zu nieseln. Wir empfinden dies angesichts der immer recht hohen Temperaturen als angenehm.

Blick auf die Gehöfte
Blick auf die Gehöfte

Mit geringer Steigung geht es nun noch vier Stunden ständig bergan, bis wir Adicas erreichen. Völlig erschöpft lassen wir uns auf die Erde fallen. Der Ort besteht eigentlich nur aus einer Handvoll Hütten und einer Schule. Vom Rande der Hochfläche reicht der Blick hinunter auf ein vielfach zerschnittenes Tiefland. Von oben sieht es aus wie ein bunter Flickenteppich. 

Unsere Maultiere in Adicas
Unsere Maultiere in Adicas

Zwei Stunden später kommen die Maultiertreiber mit ihren Tieren und die Träger. Gierig stürzen wir uns auf die Getränke. Während die Begleitmannschaft ein köstliches Abendmahl bereitet, beobachte ich, wie kühl und grau der Nebel aus den Tälern zu uns hinaufsteigt. Schnell senkt sich tiefe Nacht über die Landschaft. Wir hüllen uns in unseren Schlafsack, todmüde schlafe ich sofort ein.

Kibish, Hütte
Kibish, Hütte

Eingebettet in eine sanfte Bergwelt liegt plötzlich wie eine Fata Morgana der Kibish River vor uns. Am steinigen Ufer sitzen ein paar Kleinkinder, die schreiend vor den Weißen flüchten. Die Hütten der Surma liegen teilweise in den Tälern, von dichtem Grün umgeben und mit Dornbusch-Hecken abgegrenzt. Teilweise kleben sie auch an fruchtbaren Berghängen, Adlerhorsten gleich. Angepflanzt wird hier hauptsächlich Mais und Sorghum, eine Hirseart

Surma-Krieger
Surma-Krieger

Langsam nähern sich uns einige kräftig gebaute Männer, sie sind nahezu unbekleidet. Einige haben große Holzklötze durch ihre Ohrläppchen geschoben, andere tragen Ringe an den Armen. Alle Köpfe sind bis auf einen Haarkranz kurz geschoren. Die meisten Körper sind bemalt. Fast immer tragen die Männer einen Stock, mit dem sie ihre Streitigkeiten austragen. Diese Donga-Kämpfe können recht brutal sein und bis zum Tode eines Kämpfers führen. Es geht um Heirat, Macht oder Autorität zwischen einzelnen oder Gruppen.

Frau der Surma
Frau der Surma

Während die Männer kaum einer Arbeit nachzugehen scheinen, sich aber recht oft mit Imponiergehabe als Streithähne aufführen, tragen die Frauen schwere Bündel aus Brennholz auf dem Kopf von weither heran. Die jungen Mädchen sind teilweise recht hübsch, zeigen auch noch nicht die Verunstaltungen der Lippen

Frau mit Lippenteller
Frau mit Lippenteller

Zögernd erscheinen jetzt auch einige Frauen. Sie tragen runde Lippenscheiben, die gelegentlich auch quadratisch sein können. Die Unterlippe wird bei Mädchen im Alter von etwa 15 Jahren durchbohrt. Im Laufe der Zeit werden immer größere Tonscheiben eingelegt. Üblicherweise werden diese Scheiben nur in Gegenwart von Männern getragen. Der Brauch soll zur Abschreckung von Sklavenhändlern entstanden sein, die die Frauen entführten und verkauften. Nach anderer Meinung steht er im Zusammenhang mit Tieren, deren Aussehen sich die Frauen anzugleichen suchten, etwa dem Sumpfläufer oder dem Löffler. 

Stolzes Surma-Mädchen
Stolzes Surma-Mädchen

Erlebnisse mit den Surma

Unsere Gruppe wartet auf den Reiseleiter, ich hocke am Boden und türme ein Steinchen nach dem andern aufeinander, sodass immer mehr Steine einen kleinen Turm bilden. Als dieser zusammen stürzt, beginne ich auf neue. Eine junge Surma-Frau, die mich beobachtet hat, beginnt nun ebenfalls, einen Stein auf meinen zu setzen. Abwechselnd bauen wir nun Stein um Stein unsere Pyramide – immer darauf bedacht, dass sie nicht umfällt. Schnell hat meine Partnerin begriffen, worum es geht und klatscht vergnügt in die Hände, wenn ich die Steinburg umreiße. Sie ist mittlerweile viel geschickter als ich. Von nun an begleitet sie mich mit ihrem Sonnenschirm zu unseren Ausflügen in die Dörfer und schützt uns vor der brennenden Sonne – neidische Blicke meiner Mitreisenden ignoriere ich.

Frau mit Lippenteller
Frau mit Lippenteller

Für das Fotografieren der Surma wird Geld erwartet - und zwar von demjenigen, der ein Foto gemacht hat. Jemand aus unserer Gruppe hat „so im Vorübergehen“ ein Bild von einem stolzen Krieger aufgenommen, aber nicht bezahlt. Der folgt nun unserem Trecker auf Schritt und Tritt und fordert unmissverständlich sein „Honorar“. Mir wird die Sache zu dumm und ich reiche dem Surma den üblichen Geldschein. Doch zu meiner Überraschung lehnt dieser freundlich ab und zeigt auf den „Schuldner“. Er ist erst zufrieden, als dieser den Betrag überreicht. Es ist uns allen eine Lehre und zeigt den Stolz dieser Menschen, denen es offensichtlich nicht nur um den Geldbetrag geht, sondern um die Ehre. Sehr begehrt sind auch Rasierklingen, die zum Rasieren der Frisuren und zum Durchbohren von Lippen, Ohren sowie zum Fertigen von Schmucknarben benutzt werden. 

Corsi
Corsi

Corsi und Rückflug nach Addis Abeba

Der Weg zurück ist anstrengend. Der Pfad ist teilweise nass und gefährlich glitschig. Doch dann wird die Luft erfrischend kühl. Der Weg zurück führt entlang kühler Bäche, die mehrmals auf glitschigen, runden Steinen überquert werden müssen, vorbei an Siedlungen im Tal, durch hohes, dichtes Gebüsch und endlos sich erstreckende Graslandschaften hinauf in die kühle Bergwelt nach Corsi. Dieses Dorf inmitten hoher Berge gelegen, ist der richtige Platz, dem Flügelschlag der Geier und Adler nachzusinnen, die über den felsigen Abgründen ihre Kreise ziehen. Im Dorf flackert Feuer auf, und wenige Minuten später heben sich die Bäume und Hütten vom tiefblauen Nachthimmel nur noch als Scherenschnitte ab.

Kinder mit Wegweiser in Tum
Kinder mit Wegweiser in Tum

Ein halsbrecherisches Unternehmen ist der Rückmarsch über Maji nach Tum durch ausgeglühte Landstriche, über schlammige Pfade, in einer erbarmungslos heißen Mittagssonne. In Tum wird die Begleitmannschaft mit den Maultieren sowie der bewaffnete Begleiter mit seinem alten russischen Karabiner verabschiedet, dann geht es mit dem Flugzeug in zweistündigem Flug zurück nach Addis Abeba. 

 

 

© Rainer Waterkamp