Historische Route

Von Addis Abeba über Debre Libanos und Dejen nach Bahir Dar

Von Addis Abeba fahren wir zunächst in zahlreichen Windungen zum Mount Entoto, von wo man einen großartigen Blick auf die am Fuße des Berges liegende Stadt hat. Weiter geht die Fahrt, vorbei an den Gipfeln des Mount Sululta (links) und den Gorfu Mountains (rechts). Dann senkt sich die Straße hinab in das Hochtal, das sich bis zur Schlucht des Blauen Nil erstreckt. Die Dörfer beiderseits der Straße, die von Eukalyptus-Wäldern begleitet wird, sind von Oromos bewohnt.

Über Chancho kommen wir nach Debre Tsighe mit der neuen Kirche Lena Mariam. Schon bald sieht man den Anfang der 1000 Meter hohen Nilschlucht, in die sich der Zega Wodel River einen spektakulären Canyon gegraben hat. Dann zweigt ein Weg zum Kloster Debre Libanos ab, das an einer asphaltierten Straße auf einer Terrasse am Steilabfall der großartigen Schlucht liegt und einen bezaubernden Blick über die Landschaft bietet.

Bei Dejen
Bei Dejen

Zurück auf die Hauptstraße geht die Fahrt am Rande der Schlucht weiter in Richtung Westen. Die kleinen Ortschaften Fiche und Goha Tsion werden passiert, wo sich plötzlich die gewaltige Nilschlucht öffnet. Die Straße verliert in der Nilschlucht nahezu 1000 Höhenmeter, dann steigt sie nach dem Passieren der modernen Brücke wieder auf die kühlere Hochebene hinauf. 

 

Die Fahrt geht den Steilhang hinauf zum Hochland auf der anderen Seite der Schlucht, wo die Kleinstadt Dejen liegt. Hier kann man sich in einem der kleinen Speiserestaurants stärken.

Dejen
Dejen

Dann teilt sich die Strecke. Der Choke-Berg (4150 Meter hoch) wird westlich über Debre Markos umfahren oder östlich über Debre Werk/Mota. Wir nehmen die nordöstliche Route über Debre Werk und Nedrata, von wo man zum Kloster Mertule Maryam gelangt. Dieser Weg bietet keine so spektakulären Landschaften wie die westliche Route, ist aber kürzer und in besserem Zustand. Dennoch ist diese Strecke beeindruckend mit herrlichen Ausblicken auf Berge und Täler. Bei Dejen überspannt eine große moderne Brücke den Blauen Nil (Abay). Dann geht es weiter wieder hinauf auf 1200 Meter Höhe, wo man in die großartige Schlucht hinab sehen kann. Die Vegetation wird üppiger, Palmen und Bambushaine erstrecken sich längs des Weges. 

In der Debre Libanos
In der Debre Libanos

Eine lange Brücke über den Fluss markiert den Beginn des bedeutenden Handelszentrums Bahir Dar, das mit palmenbestandenen Straßen, Gärten voller tropischer Pflanzen und einer wachsenden Anzahl von Geschäften, Büros und Hotels sowie Restaurants eine aufstrebende Ortschaft ist. Der Hauptmarkt mit farbenfrohen Webstoffen und der Markt am Straßenrand, der sich auf den Verkauf von Körben spezialisiert hat, sind einen Besuch wert. 

Bahir Dar am Tanasee
Bahir Dar am Tanasee

Ausflug zu den Fällen des Blauen Nil 

Flle des Blauen Nil
Flle des Blauen Nil

Bahir Dar ist Ausgangspunkt des Besuchs der Fälle des Blauen Nil (Tiss Issat), den man wegen der Lichtverhältnisse auf den Vormittag legen sollte. Zu den etwa 38 Kilometer entfernten Fällen gelangt man, indem man vom Markt in Bahir Dar und am Flugplatz vorbei durch eine Landschaft fährt, die eine Mischung des tropischen und gebirgigen Äthiopien darstellt. Vom Dorf Tiss Issat geht man noch eine halbe Stunde zu Fuß und gelangt zunächst in eine enge Schlucht aus Lavagestein, die von einer alten, massiven Steinbrücke Alata überspannt wird. Sie wurde unter König Susenyus (1607-32) von Portugiesen errichtet. Auf der Höhe öffnet sich ein wundervoller Blick vom Wasserkraftwerk aus auf einen seitlichen Wasserfall und dann schräg auf die Hauptfälle. Der Weg ist steil und etwas glitschig. Von einer Lichtung aus blicken wir direkt auf die Fälle, die nach der Regenzeit im Oktober und November am mächtigsten sind.

Tiss Issat
Tiss Issat

Der Lake Tana

Von der Südseite des Lake Tana nahe Bahir Dar, mit dem Boot in nur 40 Minuten zu erreichen, liegt die kleine, jedoch nur für männliche Besucher zugängliche St. Gabriel Kirche (Kibran Gabriel) auf der Insel Kibran. Die schlichte Rundkirche aus rotem Stein wurde unter Amda Seyon (1314-44) errichtet und in der Zeit Davids II. (1508-40) und Yasus I. (1682-1706) wieder aufgebaut. 12 dunkelrote Steinsäulen umgeben den quadratischen Bau und symbolisieren die Apostel. Einige der alten Fresken, die ohne Leinwand auf die Wände gemalt sind, blieben erhalten. Ferner werden hier einige Stoffgemälde und alte Handschriften aufbewahrt, teilweise während der muslimischen Invasion hierher in Sicherheit gebracht. Auch von der Nachbarinsel Entons, deren Nonnenkloster heute verlassen ist, stammen einige Werke. 

Zeghie
Zeghie

Nordwestlich von Kibran liegt am Seeufer die Halbinsel Zeghie mit der auch Frauen zugänglichen Rundkirche Ura Kidane Mehret, einem unter Kaiser Aide Tsion (1314-1344) gegründetem Kloster, das mit einem riesigen, konisch geformten Strohdach gedeckt und von zwei kreisrunden Mauern umgeben ist. Die Tür ist von Engelsköpfen eingerahmt und zeigt den Erzengel Raphael sowie den Untergang der ägyptischen Armee. Das Bauwerk ist innen vom Dachbalken bis zum Boden mit farbenfrohen Fresken bemalt und besitzt ein gut erhaltenes Manuskript aus dem 15.Jahrhundert. 

Nahe dem Nilausfluss aus dem See liegt auf der Insel Debre Mariam ein einst berühmtes Kloster gleichen Namens aus dem 14.Jahrhundert, das im 19.Jahrhundert neu errichtet worden ist. Die Rundkirche befindet sich mit ihrem Wellblechdach in ziemlich schlechtem Zustand, besitzt jedoch ein Museum mit einer der ältesten Handschriften Äthiopiens, die »Evangelien«, mit außergewöhnlichen Gemälden sowie ein reich illuminiertes Manuskript aus der Zeit des Kaisers Fasiladas (1632-67). 

Tana-See
Tana-See

Die Insel Tana Cherkos am östlichen Seeufer wird während der Trockenzeit zur Halbinsel. Frauen haben allerdings keinen Zutritt. Hier soll nach alten Legenden Maria auf ihrer Flucht nach Ägypten geweilt und Menelik I. auf der Flucht vom Hofe Salomos die geraubte Bundeslade mit den Gesetzestafeln von Moses vergraben haben. Die gegenwärtige viereckige Kirche wurde zu Beginn des 20.Jahrhunderts neu aufgebaut. In ihrem Besitz befinden sich zwei Faltbücher (15.Jahrhundert) mit gut erhaltenen Illustrationen; das eine zeigt Gemälde von 30 Heiligen. 

Etwas südlich von Tana Cherkos liegt die Insel Mitsele Fasiladas mit einer runden Kirche (13.Jahrhundert) aus rotem Felsgestein und einem großen steinernen Kreuz an der äußeren Wand des Allerheiligsten. Hier werden noch zwei frühe Handschriften aufbewahrt. 

In der Mitte des Lake Tana befinden sich drei weitere Sehenswürdigkeiten. In südlicher Richtung von Birgida Mariam, östlich der Insel Dek, erhebt sich bis zu einer Höhe von 90 Meter über dem Wasserspiegel die kleine, fast völlig bewaldete Insel Daga Estefanos, zu der Frauen keinen Zutritt haben. Ein schmaler Pfad führt an ausgedehnten Kaffee- und Bananenanpflanzungen vorbei durch üppigen Wald zu der auf einer Anhöhe gelegenen Klosterkirche. Der heutige Bau (19.Jahrhundert) der rechteckigen Kirche besitzt moderne Wandgemälde und an der äußeren Nordwand den Rest eines alten Freskos (16.Jahrhundert), welches den Heiligen Mikael darstellen soll. Ein berühmtes Motiv stellt die stillende Jungfrau Maria dar, eingerahmt von den Erzengeln Michael und Gabriel. 

Maria mit dem Kind
Maria mit dem Kind

In einem Mausoleum nahe der Kirche werden die Leichname mehrerer äthiopischer Könige aufbewahrt, darunter Yekuno Amlak (1268-83), Dawit I. (1382-1411), Zara Yakob Constantin (1434-1468), Za Dengel (1603-4), Fasiladas (1632-1667) und seines kleinen Sohnes, der bei der Krönungszeremonie unter der Last der schweren Krone tot zusammenbrach. Alle diese sterblichen Überreste sowie zahlreiche farbenfrohe Zeremoniengewänder befinden sich in der Schatzkammer, die hinter einem massiven antiken Schloss verborgen ist, das mit einem gewaltigen Eisenschlüssel geöffnet wird. 

Die größte der Inseln im Lake Tana heißt Dek und liegt drei Kilometer westlich von Daga Istefanos; sie ist auch für Frauen zugänglich. Hier gibt es mehrere Kirchen, auch ist die flache Insel als einzige der Inseln besiedelt. In der Arsima-Kirche wird eine der ältesten Handschriften Äthiopiens aufbewahrt. 

Narga, Alte Schriften
Narga, Alte Schriften

Der Insel Dek benachbart und bei niedrigem Wasserstand auch auf dem Landweg von dort erreichbar, ist die besonders malerische Insel Narga. Von den Toren aus führt ein schmaler Fußweg hügelaufwärts und endet vor den weiträumigen Klostergebäuden, deren zentraler Rundbau aus der Regierungszeit der Kaiserin Mentuab (1730-55) stammt. 

Narga, Erzengel
Narga, Erzengel

Die große Narga-Selassie-Kirche besitzt reiche Wandmalereien, darunter ein eindrucksvolles Porträt der Kaiserin unter dem Bild der Mutter Maria an der Tür zum Allerheiligsten. Die Kirche liegt in einem Hain auf einer Anhöhe. Die Wände im Innern sind besonders schön bemalt. Die beiden malerischen Wassertore auf dem Weg zur Kirche sind im Stil von Gondar erbaut worden. 

Südlich von Gorgora und mit einem Boot in etwa 20 Minuten zu erreichen, befindet sich Birgida Mariam mit einer Kirche gleichen Namens (14.Jahrhundert). Der Bau ist mehrmals zerstört und wiederaufgebaut worden. Aus der älteren Periode ist noch ein Gemälde der Maria (16.Jahrhundert) erhalten.

Mandaba, westlich von Birgida Mariam, ist eine Halbinsel und nochmals 30 Minuten mit dem Boot von der Insel Birgida Mariam entfernt. Hier befindet sich ein kleines Kloster, dessen Kirche Medhane Alem zwar neu ist, jedoch eine mit Gemälden geschmückte Tür des alten Baues besitzt.

Westlich von Mandaba und etwa anderthalb Stunden mit dem Boot von Gorgora entfernt, liegt auf einer Halbinsel am Nordufer des Lake Tana Alt Gorgora mit den Ruinen des Palastkomplexes, den sich Kaiser Susenyus (1607-32) von einem portugiesischen Jesuitenpater im Stil alter europäischer Klöster (mit Kirche und Kreuzgang um viereckigen Innenhof) hatte errichten lassen. Man sieht Blumen- und Muschelornamente sowie an den Fenstern Skulpturenschmuck. Im Schlosshof befinden sich die Reste einer äthiopischen Rundkirche. Diese Kirche und der Palast sind durch eine dicke fensterlose Mauer getrennt, in der eine geheime Treppe hinaufführt, die wahrscheinlich zu einem Fluchtraum in der Kirche geführt hat. Heute hat man vom Ende der Treppe einen schönen Blick auf die Bucht.

Von Gondar über Debark nach Aksum

Hinter der Brücke über den Blauen Nil in Bahir Dar zweigt die östlich um den Lake Tana führende Straße ab, der wir folgen. Bis nach Werota verläuft die Straße in der Ebene, wo sich nach der Regenzeit viel Wasser staut. In Richtung Addis Zemen verlässt die Straße die Ebene und führt in zahlreichen Haarnadelkurven hinauf in die Berge. 

Gondar
Das ganzjährig gesunde Klima und die vorteilhafte Lage an einer Karawanenstraße waren die Gründe, weshalb Fasiladas (1632-67) den kleinen Ort 1636 zur Hauptstadt ausbauen ließ. Sein Sohn Tsadik Yohannes I. (1667-82) ließ eine Kanzlei mit Turm sowie eine zweistöckige Bibliothek errichten. Auf ihn folgte sein Sohn Adyam Sagad Iyasu I. (der Große, 1682-1706), der letzte große Herrscher vor dem Niedergang der Stadt und des Reiches. Er liebte den Luxus und ließ direkt neben dem Schloss seines Großvaters einen Palast bauen, der der schönste von allen gewesen sein soll. Er fiel während der italienischen Besetzung einem Angriff britischer Bomber zum Opfer. Von seinem Sohn Tekla Haimanot zur Abdankung gezwungen, zog er sich in ein Kloster am Lake Tana zurück, wo er jedoch bald darauf ermordet wurde. Nach unruhigen Zeiten kam es erst mit der Regierung von Bekaffa (1721-30) zu einer Befriedung. Als dessen Frau Mentuab (1730-55) die Regierungsgeschäfte für den kleinen Sohn Iyasu II. übernahm und die Bemühungen um inneren Frieden durch die Heirat mit einem Galla unterstützen wollte, kam es zum Bruch mit den Christen. Schließlich ließ der Usurpator Tewodoros (1855-68) die Stadt brandschatzen und verlegte die Hauptstadt nach Mekdela. Gondar wurde 1707 durch ein Erdbeben und 1880 durch die Truppen des Mahdi teilweise verwüstet, so dass die Zeugen der großen Vergangenheit meist nur noch aus Ruinen bestehen. 

Besichtigung der »Kaiserpfalz »
An der nördlichen Mauer, welche das Palastareal begrenzt, erreicht man links den langgestreckten einstöckigen Palast von Bekaffa (1721-30), der mit den dazugehörigen Pferdeställen einen offenen Innenhof bildet und bei großen Festen mit Zelttüchern bedeckt worden ist. Durch die leichte Schrägstellung der Gebäude wird eine Tiefe des Hofes vorgetäuscht. 

Palast von Bekaffa
Palast von Bekaffa

Östlich hiervon und mit dem Palast von Bekaffa durch eine Galerie verbunden, die im Osten an einen viereckigen Turm anschließt, befindet sich das Schloss der Kaiserin Mentuab (1730-55), seiner Gattin. Das hübsche zweistöckige Gebäude aus rotem Tuff mit Turm steht in einer Senke. Über eine hölzerne Brücke gelangt man in den Vorhof und von dort in den oberen Stock. In das untere Stockwerk führt eine steinerne Außentreppe. Die Innenräume sind mit Ornamenten geschmückt, insbesondere über Türen und Fenstern. Das fensterlose Haus im Garten ist als türkisches Bad genutzt worden. 

Schloss von Mentuab
Schloss von Mentuab

An der linken Ecke befindet sich die viereckige Kirche Attatami Kid us Mikael, unter Dawit III (1716-21) erbaut, vermutlich ursprünglich ein Palast mit vier Rundtürmen an den Ecken. Ein Metalltor westlich der Kirche, das »Tor der Herzöge« (Ras Ber) führt zum Hof der Kirche, die teilweise zerstört ist. Zwei kleine Stoffgemälde im Stil des 15.Jahrhunderts sind noch erhalten. Dahinter liegt die Ilfin Giorgis Kirche, eine typische Rundkirche auf steinernem Sockel, die noch kleine Gemälde von St.Georg mit dem Drachen bewahrt.

An der Ostseite der Mauer folgen das »Tor zum Empfangsraum« (Elfin Ber), das »Tor der Flötenspieler« (Imbilta Ber) und das »Hochzeitstor« (Kwali Ber), das zum Hochzeitshaus führt. Es folgen das »Tor der Weber« (Attananguer Ber) und das »Tor des Hofmarschalls« (Azatch Ber), wo jeweils eine überdachte Bogenbrücke die Straße überspannt. Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße und früher durch eine Bogenbrücke mit dem Palast Yasus des Großen verbunden, ist die kleine alte Kirche Adababai Tekle Haimanot mit ihrem Hof, ein Treffpunkt der Kranken und gebrechlichen Leute. Sie ist meist verschlossen.

An der Ecke, ebenfalls auf der anderen Seite der Straße, liegt die moderne koptische Adababai-Iyasu-Kirche, die anstelle eines alten Gotteshauses erbaut worden ist. Auf einem Gemälde sieht man die Kaiserin Mentuab nackt in einer Badewanne. Vor der Kirche befindet sich ein Platz mit einem großen Feigenbaum. 

An der Südseite der Mauer erblickt man das »Begräbnistor« (Teskar Ber), dann ein wenig nach Westen nahe einer runden Turmruine das »Tor der Richter« (Womber Ber), von wo aus man das Schloss Fasiladas sehen kann sowie das »Tor der Großen Garde« (Jan Tekel Ber). Durch das Gemja-Ber-Mariam-Tor an der Westseite gelangt man auf den Hof der gleichnamigen Kirche, wo ein Gesandter der Königin Victoria begraben liegt. Die Kirche ist neueren Datums, besitzt aber wunderschöne Ikonen. Der kubische Bau des Allerheiligsten trägt das ganze Dach, das über dem Kubus abgeflacht ist. Hier befindet sich ein Marienbild, dessen Farben mit den Tränen von Tsadik Yohannes I. (1667-82) verdünnt sein sollen, und eine Darstellung von Kaiser Fasiladas (1632-67), der Kaiser Yasu eine Perle überreicht.

Darauf folgt das »Tor der Prinzessin Inkoi«, der Mutter von Kaiserin Mentuab. Von hier sieht man auf die Kanzlei; dann folgt ein modernes Tor, das auch heute als Eingang zur Pfalz dient, und schließlich das »Tor der Tauben« (Ergib Ber), das zum Schloss von Bekaffa führt. Der Turm daneben soll dem Kaiser als eine Art Observatorium gedient haben. 

Der viereckige, zweistöckige Palast des Fasiladas im Süden nahe der Mauer ist das Kernstück der Anlage. Der Bau wird von Zinnen gekrönt und besitzt einen runden überkuppelten Turm an jeder Ecke und einen großen viereckigen, noch zwei Etagen höheren Turm an der Mitte der Westseite. Das flache Dach umschließt eine Brustwehr mit Schießscharten.

Kanzlei mit Bibliothek
Kanzlei mit Bibliothek

 In der weitläufigen Empfangshalle war hinter einem Vorhang der Thronraum versteckt. Eine Tür führte in die Kammer des geistlichen Ratgebers und zu einem geheimen Gang, durch den der Kaiser den Thronraum ungesehen betreten konnte. Ein wuchtiger Kamin sorgte für Wärme. Von der Empfangshalle öffnet sich eine breite Tür in den früheren Damensalon und zu einer schmalen Veranda. Unterhalb des Vorbaus befinden sich Bäder und Toiletten-Ruinen. 

Vom Erdgeschoss führt eine Steintreppe ins Obergeschoss, dessen Wände mit Reliefs des Davidssterns, Büffelhörnern, Waffen und Nischen versehen sind. Man kommt auf die Dachterrasse mit Brustwehren, einem Ecktürmchen und einem Tonnengewölbe, das als Kapelle gedient hat. 

Auf einer steilen Außentreppe erreicht man das Turmzimmer, das als Schlafzimmer des Kaisers gedient hat. Vom viereckigen Turm genießt man einen schönen Ausblick auf die Stadt und die Umgebung. 

Palast von Kaiser Iyasu
Palast von Kaiser Iyasu

Im Nordosten schließt sich das Schloss von Iyasu dem Großen an. Hier befindet sich ein ursprünglich abgedecktes, viereckiges Wasserbecken (Fasiladas' Swimmingpool), das wohl eine Zisterne gewesen ist. Das Schloss trägt wegen der Dachkonstruktion des Hauptturms auch den Namen »Sattelpalast« und ist heute eine Ruine. 

Kehrt man auf die Straße zurück, die vom Schloss des Fasiladas nach Norden verläuft, liegt links die Bibliothek von Tsadik Yohannes I. (1667-82), ein kleiner Bau mit zwei Etagen, dessen Wände gelb bemalt sind. Daneben stehen die Reste der Kanzlei mit von Zinnen gekrönten Außenwänden und einem Raum mit Arkaden, wo Gericht abgehalten worden ist.

Weiter nach Norden erreicht man mehrere Ruinen, darunter die ehemaligen Löwenkäfige. Das nächste größere Gebäude, von dem allerdings nur noch die Außenmauern und ein viereckiger Eckturm stehen, ist die Halle des Liedes (Debbal Gemp) oder auch »Pavillon der Freude« von Kaiser Dawit III. (1716-21), in dem früher viele Zeremonien abgehalten worden sind.

Östlich hiervon nahe der Mauer findet man die Reste des runden Hochzeitshauses, wo die Bräute für die Hochzeit eingekleidet worden sind. Weiter nördlich stand das vormals prächtige Schloss von Iyasu II. (1730-55) mit Elfenbeintäfelung und venezianischen Spiegeln. 

Weitere Sehenswürdigkeiten in Gondar 

Im Zentrum der Stadt, in der Nähe der Post, kann man die wiederaufgebaute Medhane Alem Kirche besichtigen, ursprünglich zu Zeiten von Fasiladas erbaut, dann aber mehrmals zerstört und 1881 neu errichtet. Der Rundbau enthält Stoffgemälde, die an die Wand geklebt worden sind.

Der am höchsten Punkt des Ortes (2210 m) gelegene Palast des Ras Mikael Sukul, eines aus Tigre stammenden Gouverneurs, ist als festungsähnlicher Bau im Stil des 18. Jahrhunderts erbaut worden. Der in einem Park gelegene Palast ist recht gut erhalten, doch nur von außen zu betrachten. 

Lustschloss
Lustschloss

Wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt auf der Hauptstraße nach Westen in Richtung Bahir Dar am östlichen Ufer des Flüsschens Quala steht auf Schwebebögen in einem großen Wasserbecken das Lustschloss des Fasiladas. Es liegt auf einem Feld unter Bäumen versteckt und ist von einer hohen Mauer mit einem viereckigen und sechs runden Türmen umgeben. Innen befindet sich noch eine niedrige Mauer. Bogenfenster führen auf Balkone mit Blick auf das Becken. Der Bau selbst ruht auf mächtigen Gewölben. 

Eine Brücke mit zwei Bögen führt vom Hochparterre zum Land. Hier wird heute das Timkatfest begangen. Die Wurzeln alter Juniperus-Bäume sind mit der Mauer verwachsen und wirken wie ein Kunstwerk. 

Lustschloss, Wurzeln alter Bäume
Lustschloss, Wurzeln alter Bäume

Der Rundbau in der Nähe, eine Art Pavillon mit Kuppel, von sechs Bögen getragen, ist das Grabmal für das Lieblingspferd von Yohannes I.

Etwas weiter auf der Straße in Richtung Bahir Dar befinden sich auf einem Hügel zwei ummauerte Plätze. Die dürftigen Ruinen sind alles, was von Kusquam, dem Witwensitz der Kaiserin Mentuab, übrig geblieben ist. Durch das Tor im Westen der Mauer kommt man zu der runden Debre Tsehai-Kirche, deren Dach einst auf einer Galerie mit 40 Arkaden ruhte. Durch die teilweise in die Mauer gefügte Wohnung für den Abt gelangt man zum zweiten Platz mit dem Schloss der Kaiserin. Rechts sieht man noch die Überreste ihrer runden Privatkapelle, und etwas weiter nach hinten links einen Palast für offizielle Empfänge mit einem runden Turm an der Ostseite. 

Debre Birhan
Debre Birhan

Vielleicht die schönste aller Kirchen in Gondar liegt auf einem Hügel am östlichen Stadtrand in einem Hain von Juniperus- und Olivenbäumen. Die unter der Regierungszeit von Kaiser Adyam Sagad Iyasu I. (1682-1706) errichtete Debre Birhan Kirche ist niemals zerstört worden und gilt als das schönste äthiopische Kloster überhaupt. Man gelangt zur Kirche, die von einer hohen Mauer um den Klosterbezirk umgeben ist, durch ein von zwei Türen flankiertes Tor. Die schweren Holztüren sind mit zwei Erzengeln geschmückt. Die eisernen Glocken im Turm sind allerdings nicht mehr vorhanden. Die Decke im Inneren der Kirche, die von schweren Balken getragen wird, ist mit Reihen geflügelter Engelsköpfe bemalt, die durch Kreuzornamentik voneinander getrennt sind. In der Kirche darf nicht geblitzt werden. 

Engelsköpfe
Engelsköpfe

Von größtem Interesse sind die Wandmalereien aus dem frühen 19. Jahrhundert, die als repräsentativste Sammlung äthiopischer Ikonographie gelten. An der Westwand befinden sich Darstellungen von Maria als Himmelskönigin, König Dawit I., frommen Frauen, Königen, Priestern und Bischöfen. An der Ostwand sind die Dreieinigkeit, die 24 Alten der Apokalypse vor Gottes Thron, Maria mit dem Kind im Tempel in Jerusalem, die Verkündigung, die Kreuzigung mit dem Porträt von Kaiser Yasu darunter, die Geburt und der Sieg von Jesus über den Teufel dargestellt. An der Südwand sieht man Motive von der Versuchung in der Wüste, der Taufe, Verklärung und Bergpredigt, vom Einzug in Jerusalem, vom letzten Abendmahl, dem Judaskuss, der Gefangennahme, der Geißelung, dem Aufsetzen der Dornenkrone, dem Kreuzweg, der Nagelung ans Kreuz, der Abnahme vom Kreuz, der Grablegung, der Himmelfahrt, dem Jüngsten Gericht sowie Darstellungen vom Teufel mit einem Mädchen im Maul, von den Märtyrern Kidus Tsadik, Kidus Sarkano, den Aposteln Petrus und Paulus sowie Engeln, welche die Auferstehung Jesu verkünden. An der Nordwand sind dargestellt: die Geburt Marias, Maria im Tempel, der Kindermord, die Flucht nach Ägypten, die Bundeslade, Mariä Himmelfahrt, die Reiterheiligen Philataos, Menas, Claudius, Theodor, Georg, Mercurius, Victor, Sisinius, Esteros, Fasiladas, St. Georg als König der Heiligen, Madona, Prinz Gabre Christos, die Schöpfung von Adam und Eva, St. Mikael, König Yasu, die Enthauptung von Yohannes dem Täufer, die Verbrennung von Cherkos und Julitta, Gabre Manfas Kidus, Tekla Haimanot und Kidus Tsadik.

Debre Birhan
Debre Birhan

Weiterfahrt nach Aksum

Die Fahrt von Gondar nach Aksum (rund 350 Kilometer) ist ein Erlebnis. Etwa einen Kilometer nördlich der Stadt gelangt man gleich neben der Hauptstraße in das Städtchen Wolleka, das ursprünglich von den Felasha bewohnt war, Äthiopiern jüdischen Glaubens, die 1991 nach Israel ausgeflogen wurden. Seither wohnen nur noch wenige Anhänger dieses Glaubens in Äthiopien. Gleich hinter Gondar steigt die Straße auf 3000 Meter Höhe an und bietet einen schönen Blick in das Tal des Angareb River und auf die dahinterliegenden Tafelberge.

Hinter Dabat, das für seine Pferdezucht und das Pferderennen anlässlich des Meskel-Festes berühmt ist, geht Reise auf der nördlichen Allwetterstraße weiter durch eine zeitweise spektakuläre Landschaft. Der durchfahrene Gebirgsteil gehört zum Semien-Gebirge, dem Dach des allgemein hohen Landes. Sein höchster Berg, der Ras Dashen (4620 Meter hoch), ist wohl die Spitze eines niemals ausgebrochenen Vulkans und von der Straße aus nicht zu sehen. 

Vulkanhügel im Semien-Gebirge
Vulkanhügel im Semien-Gebirge

Etwa auf halbem Weg zwischen Dabat und Adi Arkay gelangen wir zum nächsten Punkt des Weges, dem Wolkefit-Pass. Die Landschaft ist geprägt durch die vielen kleinen und großen Flüsse, die nach Norden dem Tekeze-Fluss zufließen. Im dichten Laubwerk der Bäume an den Klippen und Hängen turnen viele Affen. Zahlreiche Wasserfälle rauschen in die Tiefe, und die Berge ringsherum sowie in der Ferne bieten den Eindruck einer Mondlandschaft. 

In steilen Haarnadelkurven auf der von den Italienern erbauten Straße geht es hinunter auf eine Höhe von nur noch 1500 Meter zum Dorf Chewber. Von hier führt ein Maultierpfad in die Region Woldeba, in der sich viele Klöster befinden. Wir lassen die Ortschaft Adi Arkay hinter uns und erblicken die bizarren Basaltformationen dieser Landschaft. Es wird jetzt heißer, und auf der Fahrt ins Tal des Tekeze River kommen Baobabs, Moringa-Bäume sowie Calotropis Procera-Büsche ins Blickfeld. Jenseits des Tales geht es wieder aufwärts in zahlreichen Serpentinen zur Hochebene, wo die Überreste von zerstörten Panzern den Straßenrand säumen. Dann wird endlich Axum erreicht.

Aksum (Axum)

Die legendäre Geschichte Aksums reicht nach dem »Buch der Könige« (14.Jahrhundert) zurück bis in das 10.Jahrhundert, als die Königin von Saba hier ihre Hauptstadt gründete. Die Besiedlung Äthiopiens im 1.Jahrhundert durch südarabische Stämme von jenseits des Roten Meeres, die sabäische Inschriften bezeugen, sowie der Handel mit Griechenland machten die schöne Stadt auch als Zentrum eines mächtigen selbständigen semitischen Reiches bekannt. Hier liegen die Anfänge der aksumitischen Kultur. Im 3.Jahrhundert wird das Axum-Reich zu den vier großen der damaligen Welt gezählt; aus dieser Zeit und dem folgenden Jhdt datieren die erhaltenen Denkmäler. Unter König Kaleb (514-542) blüht das Reich; die Mohammedaner kommen ins Land und werden wohlwollend aufgenommen. Während der himaritischen Kriege (518-542) in Südarabien werden die Christen verfolgt. Zur Zeit des Königs Kaleb und seines Sohnes Gabre Maskal kommen die »Neun Heiligen« aus dem byzantinischen Reich nach Axum. Im 7.Jahrhundert beginnt der Niedergang. Als die Araber in Ägypten und die Perser auf der arabischen Halbinsel vordringen, verliert das Axum-Reich seine Handelswege. 927 wird die Stadt durch die jüdische Königin Judith an der Spitze judaisierter Stämme zerstört. Doch Axum bleibt in der Erinnerung der Äthiopier als Wiege nationaler Kultur und geistige Hauptstadt existent.

Folgt man vom Hotel Axum der Denver Street, gelangt man zum Stelengarten, einer dreieckigen, von Bäumen umgebenen Rasenfläche mit Teilen von bearbeiteten Steinen, verzierten Kapitellen und anderen Steinstücken.

In der Nordwestecke steht noch ein ganzer Stein, Ezana-Stele genannt, mit einer Inschrift in Griechisch auf der Vorder- und in Sabäisch und Ge'ez auf der Rückseite, die von Kreuzzügen König Ezanas berichtet. Zu Ehren Gottes Mahrem habe man ein goldenes, ein silbernes und zwei bronzene Denkmäler aufgestellt. Da diese Stele etwas weiter nördlich auf einem Feld gefunden worden ist, wo auch heute noch vier große Steinblöcke zu sehen sind, vermutet man, dass diese die Podeste für jene auf der Ezana-Stele erwähnten Denkmäler gewesen sind.

Nördlich des Stelengartens an der Straße nach Adwa befindet sich ein Grabmal, das König Bazen zugeschrieben wird. Am Fuß einer hohen, aber schmucklosen Stele hat man die Grabkammer mit einer Inschrift, die auch den Namen des Königs Bazen nennt, freigelegt. Besonders deutlich ist noch bei der aufrechten Königsstele oben der Abschluss in Form eines arabischen Bogens zu sehen. Am Südende der Grabkammer führt eine Steintreppe zu einem großen Raum mit weiteren Grabkammern.

Ramhai-Stele
Ramhai-Stele

Damit ist man schon am Marktplatz des Ortes, wo samtags ein buntes Treiben herrscht, und kommt zum Park der Stelen. Die Ramhai-Stele, die größte der Stelen (33 Meter hoch), wurde von der »Deutschen Axum-Expedition« (1905-09) ausgegraben und zerbrach vor langer Zeit. Ihre Überreste liegen jetzt zerbrochen neben den noch stehenden Stelen. Bei der zerbrochenen Riesenstele fällt eine überdimensionale Steinplatte auf, umgeben von den Resten einiger Gebäude. Sie ruht auf Bauten unbekannter Funktion.

Die heute noch stehende zweitgrößte Stele ist auf drei Seiten bearbeitet und zeigt auf der Frontseite neun sich nach oben verjüngende stilisierte Stockwerke mit angedeuteten Scheinfenstern und eine Tür in der »Affenkopf«-Bautradition. 

Eine ähnlich repräsentative Stele (24 Meter hoch) wurde während der Besetzung auf Befehl des italienischen Diktators Mussolini 1937 nach Rom gebracht, wo sie vor dem ehemaligen Kolonialmuseum auf der Piazza Porta Capena stand. Die sieben riesigen Stelen bestehen aus Granit, sind also gewaltige Monolithe, in deren Seiten blinde Fenster, Türen und Balkenwerke wie bei einem mehrstöckigen Haus hineingearbeitet worden sind. Jede ist in der Mitte eines abgestuften Steinsockels errichtet worden. Erst 2008 kehrte diese Stele von Rom wieder nach Aksum zurück, wo sie restauriert wurde.

Zwischen der Denver Street und den Thronen befindet sich die Basilika der Heiligen Maria von Zion, eine alte Kirche, in der die Gesetzestafeln von Moses aufbewahrt werden sollen (für Frauen nicht zugänglich). Der heutige Bau ist nach der Zerstörung durch Ahmed Gran zur Zeit von Kaiser Fasiladas (1632-1667) aus den alten Trümmern errichtet worden. Die noch sichtbare Plattform und die Treppen gehören einer noch älteren Kirche an, die von der Königin Judith zerstört worden ist und wahrscheinlich auf den Grundmauern eines heidnischen Tempels errichtet worden war. Das rechteckige Gebäude besteht aus einer Vorhalle, einem von Pfeilern getragenen Hauptschiff und dem Allerheiligsten. Zu beiden Seiten, etwas vorgebaut, stehen zwei Glockentürme. Von dem einen werden die guten, von dem anderen die schlechten Neuigkeiten eingeläutet. Im Schatzhaus nördlich der Kirche wird ein Teil des Kirchenschatzes aufbewahrt. Die beiden Kanonen im Kirchhof sind von Yohannes IV. (1868-89), dessen Sohn auch hier begraben ist, in einem seiner Kriege gegen die Derwische des Sudan erbeutet worden.

Gleich links vom Eingang der Basilika befindet sich die Darstellung des tanzenden Mönches Yared (eines Zeitgenossen von Gregor dem Großen), auf den die Einführung der Notenschrift zurückgeht. Ferner befindet sich innen rechts an einem Pfeiler ein schönes Madonnenbild in typisch äthiopischem Stil.

Neue Maria Zion Kirche
Neue Maria Zion Kirche

Zwischen der Basilika und dem Park der Stelen erhebt sich die Neue Maria Zion Kirche, die von Kaiser Haile Selassie in Auftrag gegeben und 1965 im Beisein von Königin Elizabeth II. von England eingeweiht worden ist. In der halben Höhe der riesigen kupfernen Kuppel befinden sich kleinere Fenster im Stil der alten Kirchen. Der weitläufige Komplex war in früherer Zeit einmal »Gedem«, eine Art Kirchenasyl-Gelände. Dieses Asyl konnte jedermann erhalten, der beim Eintritt dreimal erklärt hatte, dass er den Schutz des Heiligtums in Anspruch nehmen wolle; ein Verlassen des Gedem war dann allerdings nicht mehr möglich. 

Um die Sehenswürdigkeiten des alten Aksum zu vervollständigen, schaut man sich etwas südlicher zunächst die Throne an. Eine vom Stelengelände zur Kathedrale (dem einstigen Tempel) führende heilige Straße ist ursprünglich von Thronen gesäumt gewesen, die heute nur noch in Resten erhalten sind. Der »Thron Davids« ist eine viereckige steinerne Plattform mit vier kleineren Säulen an jeder Ecke, die wahrscheinlich einen Baldachin getragen haben. Hier sollen die Kaiser gekrönt worden sein. Der Abuna hatte einen kleinen Thron nördlich davon, und ein Elefant wurde an einer der Säulen im Westen angebunden, weshalb sie »Elefantensäule« genannt wird. Noch weiter nach Westen sieht man unter Feigenbäumen eine Reihe von zwölf Plattformen, die als »Throne der Richter« bezeichnet werden

Etwas weiter nach Südwesten findet man die Reste dreier Paläste mit rechteckigen, etwas vorstehenden Türmen an jeder Ecke sowie zwei- bis vierstöckigen, flachen Dächern. In die Mauern sind etwas zurückversetzte Längsbalken eingelegt, die man mit Rundhölzern, deren Enden herausragen (»Affenköpfe«) verankert hat. Im Volksmund tragen die Ruinen die Namen Enda Mikael, Enda Simeon und Taakha Mariam. Wie die Bezeichnung »Enda« andeutet, sind die beiden kleineren später zu Kirchen umgebaut worden, oder man hat sie auf Grundmauern von Kirchen errichtet. Man erkennt die Grundform eines quadratischen Hauses mit vier eingebauten, viereckigen Türmen. Die Mauern sind aus abgeschmirgelten Steinen zusammengesetzt.

Shebas Palace
Shebas Palace

Der große Palast Taakha Mariam (auch Shaba's Palace) weist bei seinem Mittelbau den gleichen Grundriss auf, doch sind rundherum Höfe angelegt und daran anschließend weitere Gebäude errichtet worden, so dass ein Palastkomplex entstanden ist. Der freistehende Mittelbau war der Familie des Herrschers vorbehalten, die ihn umgebenden Bauten waren Ställe, Wirtschaftsräume und Unterkünfte für den Hofstaat. Die Rampen könnten wie bei indischen Palästen für Elefanten vorgesehen gewesen sein. Interessant sind ein noch intakter Fliesenboden und mehrere Treppenschächte. 

Gegenüber, auf der anderen Seite der Straße, befinden sich auf einem Feld zwei große Granitblöcke, die als »Grab der Königin von Saba« bezeichnet werden

Mai Shum-Zisterne
Mai Shum-Zisterne

Sehenswürdigkeiten in der Umgebung von Axum
Ein Ausflug in die Umgebung nordöstlich von Axum führt aus der Stadt hinaus zum Licanos-Berg. Es geht vorbei an der alten Mai Shum-Zisterne, auch »Bad der Königin von Saba« (Queen Shaba's pool) genannt, wo die Timkat-Festlichkeiten abgehalten werden. Das künstliche Wasserreservoir hat einst der Bewässerung von tieferliegenden Gärten gedient. 

Etwa einen Kilometer weiter erreicht man die Gräber des Königs Kaleb und seines Sohnes Gebre Meskel. Der Grundriss des Baues zeigt eine T-Form. Steile Steintreppen führen zu einer Reihe von unterirdischen Gängen und Kammern. Die nördliche Gruft mit je einem anschließenden Raum auf drei Seiten ist die des Königs; die des Sohnes besteht aus fünf Räumen. Die Eingangstür zum Gebre Meskel, in dem drei deckelllose Särge stehen, ist aus einem einzigen Stein herausgearbeitet worden. Hinter dem Hauptgebäude befinden sich Ruinen, die aus späterer Zeit stammen.

Von den Gräbern Kalebs und Gebre Maskals führt ein Weg zu den Kirchen zweier der »Neun Heiligen«, Abba Pantaleon und Abba Licanos. Fast über den Gräbern steht die Abba Licanos Kirche, ein rechteckiger Bau, auf heidnischen Ruinen errichtet. In den Mauern sind noch einzelne Steine des ursprünglichen Gebäudes zu sehen, ferner soll eine Säule am Taufbecken aus dem Tempel stammen. Ein paar Stufen führen zu einer Plattform, von wo sich ein herrlicher Ausblick nach Osten bietet. Ebenso malerisch liegt die Pantaleon Kirche auf einer Bergspitze. Auch an dieser Stelle soll ursprünglich ein heidnischer Tempel gestanden haben, von dem noch Reste des alten Mauerwerks vorhanden sind. Die alte rechteckige Kirche wird sehr heilig gehalten und darf nur von Männern betreten werden. Man zeigt ein tonnenähnliches Felsloch, in dem Abba Pantaleon 45 Jahre lang, mit erhobenen Armen stehend, für die erfolgreiche Beendigung des Kampfes von König Kaleb gegen die Christenverfolgung in Südarabien gebetet haben soll. Es wird auch noch ein Stein gezeigt, auf dem der König Kaleb bei seinen Besuchen gesessen haben soll. Auch er soll nach seinem Sieg in Südarabien hier 12 Jahre als Eremit gelebt haben. Die Gräber neben der Kirche sollen die Gebeine des Königs und des Heiligen enthalten.

Wenn man einen kleinen Abstecher aus Aksum heraus auf der Straße nach Gondar macht, kommt man zu einem Feld am Fuß des Zohodo-Berges. Stelen und sonstige Steine lassen vermuten, dass hier ein Friedhof gewesen ist.

Löwin von Gobo Dera
Löwin von Gobo Dera

Nach wenigen Kilometern erreicht man rechts der Straße einen steilen Berg. Auf halber Höhe liegt eine kleine Ansiedlung, Gobo Dera (oder Gobedra). Nach einem beschwerlichen Fußmarsch sieht man auf dem Felsgestein die naturgetreue Abbildung einer Löwin. Der Stil erinnert an assyrische Jagdszenen

Von Aksum über Adigrat, Mekelle nach Woldiya

Zwanzig Kilometer östlich von Aksum machen wir einen Abstecher nach Adwa, das für die äthiopische Geschichte bedeutsam ist, weil hier Menelik II. am 1. März 1896 die italienische Armee besiegt hat. 24 Kilometer weiter biegt man bei den mondkegelähnlichen Bergen zu den Yeha-Ruinen ab, die nach fünf Kilometern erreicht werden (hier müssen wir die letzten Schritte einen steinigen Hügel zu Fuß hinauf steigen). Der Legende nach residierte hier die Königin von Saba. Was man heute vor allem auf der Erhebung mit mächtigen Felsbergen im Hintergrund und umgeben von einer Mauer sehen kann, sind die Überreste des Mondtempels (5. Jahrhundert v.Chr.), der aus einer einzigen rechteckigen Kammer bestand. Zwischen den Hütten der kleinen Siedlung Yeha wurden Gräber mit Gaben gefunden, die im Museum von Addis Abeba und auch in Asmara ausgestellt sind

Kirche in Yeha
Kirche in Yeha

Auf dem Hauptweg zurück, erreichen wir den kleinen Ort Inticho (Enticcio) am Inguya River. Die Fahrt auf der Hauptstraße ostwärts weiter zum Städtchen Adigrat führt durch eine der schönsten und eigenartigsten Landschaften Äthiopiens. In schwindelerregenden Kurven geht es am Rande des faszinierenden Grand Canyon entlang. Begleitet von schroffen, hohen Felswänden windet sich die Piste in zahlreichen Serpentinen hinauf und hinunter, mit immer neuen Ausblicken auf Täler und die Schlucht. Gleich hinter dem sehenswerten Markt befindet sich in Adigrat die Chirkos Church, von deren Balkon man einen guten Blick auf die Stadt hat. Neben einer Katholischen Kirche gibt es den Sandsteinbau der Medhane Alem Church.

Zwischen Wukro und Adigrat
Zwischen Wukro und Adigrat

Mekelle, Hauptstadt der Provinz Tigre, war einst die Residenz des Kaisers Yohannes IV. Das 1995 errichtete pathetische Märtyrerdenkmal Hawelti, eine viergliedrige Säule mit Goldkugel, erinnert an den Widerstandskampf gegen die Diktatur der Militärjunta. Vielleicht interessanter ist die Stadt nachts, wenn in den Straßen aus den Bars Musik der Provinz Tigre dringt. Die Hunde der Stadt stimmen während der ganzen Nacht ihr Bellkonzert an

Mekele, Märtyrerdenkmal
Mekele, Märtyrerdenkmal

Hinter Quiha schraubt sich die Straße zum Alagi-Pass (3000 m) hinauf, einem der zahlreichen Aussichtspunkte entlang der Strecke nach Süden. Dem Flussbett folgend geht es hinunter nach Maychew (2350 m), das dienstags einen Markt bietet und am Beginn der Kornkammer des Landes liegt, die sich bis Dessie erstreckt.
Die weitere Fahrt führt von Maychew nach Kobo und geht die Ofala-Ebene mit reizvollen Ausblicken auf den Lake Ashangi entlang. Anschließend windet sich die Straße auf einen Pass der Alamata-Berge hinauf. Hinter Korem geht es wieder in Haarnadelkurven ziemlich steil hinunter in den 1000 Meter tiefer gelegenen Ort Alamata. Auf asphaltierter Straße verläuft die Fahrt über die von Akazien übersäte Ebene nach Kobo, wo montags ein Markt abgehalten wird. Dann wird endlich Woldiya erreicht. Die Stadt verfügt über alles, was Reisende für die anstrengende Reise nach Lalibela benötigen, einschließlich eines Kat-Marktes.

Abstecher von Woldiya über Dilb und Kulmesk nach Lalibela

Von Woldiya nehmen wir einen wenig befahrenen Weg zum Örtchen Dilb. Inmitten der Anpflanzungen wachen auf Hochsitzen einige Kinder darüber, dass Vögel nicht die wichtige Ernte gefährden. Verschwenderisch grün zeigt sich das Hochtal, dann nimmt die Vegetation langsam ab. Feuerlilien geben markante Farbtupfer für die Landschaftsphotographen. Die Zuckerrohrpflanzungen und Bananenhaine bleiben zurück, Häuser mit Steinfundamenten und trockene Flussbetten mit Geröll schieben sich ins Blickfeld. Der bunte Marktort Senka wird passiert, dann schraubt sich die Straße in mächtigen Serpentinen nach Dilb hinauf. Ab jetzt geht die Fahrt auf einer Rüttelpiste weiter, die nach Regenfällen unpassierbar wird. Linkerhand erheben sich riesige Felsen, rechts sieht man Wacholderbäume, voraus locken gewaltige Tafelberge. 

Von Woldiya nach Dilb
Von Woldiya nach Dilb

Der schwierigste Streckenabschnitt ist das Teilstück bis Kulmesk, es bietet jedoch herrliche Ausblicke auf die Landschaft. Der kleine Ort macht mit seinen Stroh- und Wellblechhütten einen verlorenen Eindruck

Von Dilb nach Kulmesk
Von Dilb nach Kulmesk

Die folgenden Kilometer bis Lalibela sind durch ständiges Auf und Ab gekennzeichnet, schmale Furten müssen durchfahren werden. Dann erblicke ich den mächtigen Mount Abune Yosef, an dessen Fuß sich Lalibela schmiegt. Die Felsenkirchen sind ein absolutes Highlight von Äthiopien.

Lalibela

Lalibela
Lalibela

Die Stadt gehörte ursprünglich zum Reich der salomonischen Dynastie. Diese wurde im 10.Jhdt von den im Hochland ansässigen jüdischen Zagwe-Königen abgelöst, die ursprünglich das Christentum bekämpft hatten. Ihre letzten Könige nahmen jedoch den christlichen Glauben an, und ihre Hauptstadt Roha (das spätere Lalibela) trat an die Stelle des zerstörten Axum. Das frühere Roha ist nach König Lalibela (1181-1221) benannt, einem Mitglied der Zagwe-Dynastie. Lalibela bedeutet "der von den Bienen erkorene Herrscher", anknüpfend an die in Afrika weit verbreitete Vorstellung, Könige würden durch sie umfliegende Bienen erkoren. Der später heilig gesprochene König soll 500 Handwerker aus Jerusalem und Alexandrien 24 Jahre lang beschäftigt haben, die Bauten seiner Residenz zu errichten. Die Arbeiter wurden der Legende nach von Engeln unterstützt.

Die Felsenkirchen Lalibelas, die der Initiative von König Lalibela zugeschrieben werden, sind mehrheitlich Gruft- und Grottenkirchen, bei denen die Sichtweite vom umgebenden Gestein gelöst worden ist. Nicht vollständig vom Fels getrennt, bildet ihr Inneres eine Gruft im Felsen (Gruftkirchen), oder die Kirche ist zum Teil oder ganz in eine schon bestehende Grotte hineingebaut worden (Grottenkirchen). Der Höhepunkt der äthiopischen Felsbaukunst stellen aber zweifellos die vier monolitischen Kirchen dar, bei denen nur noch der Sockel mit dem Gestein verbunden bleibt. Alle Details wie Türen, Fenster, Säulen und Schmuckwerk sind aus dem Gestein geschnitten worden. Bunte Wandgemälde und Relief sowie der teilweise warme rote Farbton des vulkanischen Gesteins nehmen der steinernen Pracht die Kälte. Da die meisten Kirchen nicht beleuchtet sind, leistet eine Taschenlampe bei der Besichtigung gute Dienste.

Die Kirchen sind in zwei Gruppen angelegt: Die Ostgruppe mit fünf Kirchen ist von einem breiten künstlichen Graben (elf Meter tief) umgeben. Die zweite Gruppe mit vier Kirchen, im Nordwesten gelegen, ist von den übrigen Kirchen durch das Dorf und den Fluss getrennt und von einem Graben umgeben. Eine Kirche steht im Westen allein.

Die Nordwestgruppe

Die Bet Medane Alem, Haus des Welterlösers, ist die größte Kirche Lalibelas. Die fünfschiffige Basilika ist in Form eines griechischen Tempels erbaut und vollkommen von quadratischen Pfeilern umgeben. Während die Pfeiler der Ostseite relativ gut erhalten sind, mussten die Pfeiler der Südseite fast komplett mit Tuffquadern nachgebaut werden. Die Galerie zwischen der Pfeilerkolonnade und der Kirchenwand ist nur 70 Zentimeter breit. Das Satteldach liegt direkt auf den Pfeilern auf, springt über den eigentlichen Bau hervor und wird rundherum von rechteckigen Säulen getragen, denen im Inneren massive Säulen entsprechen.

Bet Medane Alem
Bet Medane Alem

Die riesige Innenhalle teilt sich in ein Hauptschiff mit einem Tonnengewölbe und vier Seitenschiffe mit flachen Decken. Mauern trennen einen Narthex ab und ein Treppenhaus, das zu einem höher gelegenen Raum führt. Das überkuppelte Allerheiligste und die Sakristeien liegen erhöht. Die drei leeren Gräber in dem Kirchenwinkel sollen symbolisch für die Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob aus dem Alten Testament ausgehoben worden sein. In einigen Fenstern sind noch Reste früherer bemalter Glasscheiben vorhanden sowie Bogennischen und Rechtecke mit Kreuzfüllungen, wobei sich an der Ostwand Hakenkreuze mit griechischen Kreuzen ablösen. Auf Wandmalereien ist völlig verzichtet worden, am Deckenträger zum eigentlichen Altarraum befinden sich aber zwei Schilde und eine Krone Lalibelas eingelassen. Die Priester zeigen ein mehrere Kilogramm schweres Goldkreuz in charakteristischer Lalibela-Form.

Draußen, oberhalb der Mauer, befindet sich ein kleiner Rosengarten mit einem Stein, der früher die Funktion einer Glocke hatte.

Von außen wirkt die Bet Mariam (Marienkirche), welche man durch einen schmalen Felsdurchbruch von der Erlöserkirche aus erreicht, nicht interessant, denn das mit einem Kreuz geschmückte Satteldach ist durch das neuerdings errichtete Schutzgerüst nicht mehr sichtbar. Dennoch gilt die Marienkirche bei Priestern und Pilgern als die beliebteste Kirche im heutigen Lalibela. Sie ist im Inneren farbenprächtig ausgemalt worden und besitzt als einzige Kirche drei Vorhallen, und an der Außenfront lassen sich die vielfältigen Kreuzformen bei gutem Licht in der unteren Fensterreihe studieren. Ein Bad in der großen rechteckigen Zisterne im Hof soll kinderlosen Frauen helfen, wenn sie sich eine Nacht lang im Wasser aufhalten. Die Kirche wird von einem auffallend breiten Hof umgeben und ist nur durch ein Labyrinth unterirdischer Gänge und Treppen erreichbar. Drei Vorbauten an den doppeltürigen Portalen geben dem Grundriss die Form eines Trapezes. An den Pfeilern neben dem Haupteingang im Westen kann man noch schwach zwei Löwen im Flachrelief erkennen, darüber zwei Reiter, die als die beiden St. Georgs gedeutet werden. Gegenüber vom Haupteingang ist noch die Loge der königlichen Familie Lalibelas zu sehen.

Die Türrahmen im Innern erinnern an Bauten in Aksum. Die aus dem Felsen gemeißelten Muster sind bunt bemalt. Über dem Haupteingang ist ein Relief zu sehen, auf dem zwei Reiter einen Drachen als Symbol des Bösen töten. Ungewöhnlich ist dabei, dass Schilde über den Pferdeköpfen gehalten werden. Der Kirchenraum, der in ein Haupt- und zwei Seitenschiffe, eine Vorhalle, eine Kuppel über dem Allerheiligsten und Sakristeiräume aufgeteilt ist, besitzt überschwänglichen Schmuck. Die Pfeiler und Kapitelle sind mit stilisierten Kreuzen, die Decken und Bögen mit Rosetten und Bändern verziert.

Besondere Bedeutung besitzt ein verhüllter Pfeiler in der Mitte der Kirche, der von Christus berührt worden sein soll. Er bleibt immer verhüllt, weil hier die Zukunft der Menschheit eingraviert ist, deren Kenntnis wegen der schrecklichen Wahrheit nicht verkraftet werden könnte.

Bet Mariam, Verhüllte Säule
Bet Mariam, Verhüllte Säule

An der nördlichen Hofmauer von Bet Mariam ist die Kapelle Bet Meskel herausmodelliert worden. Die Kreuzkapelle, die eingerüstet werden musste, dürfte wegen ihrer vielen Kreuze in Hochreliefs an Wänden, Pfeilern und auf dem Boden von Interesse sein. Die Türen zeigen »Affenköpfe«, vier Pfeiler teilen den kleinen Raum in zwei Schiffe, die von Arkaden überspannt werden. Das Verbindungsstück zwischen zwei Arkaden trägt ein Relief in Form eines Kreuzes unterhalb stilisierten Rankenwerks. Einige der größeren Höhlen sind von Eremiten bewohnt. Im Nordosten des Hofes befindet sich das Taufbecken und ein Tunnel, der in der Mitte der Ostwand durch das Gestein zum eigentlichen Hof der Bet Medhane Alem führt.

Bet Golgatha, Bet Mikael
Bet Golgatha, Bet Mikael

An der Südseite des Kirchenhofes von Bet Mariam steht die kleine Kapelle Bet Denagel (Jungfrauenkapelle) mit altem geschnitzten Türrahmen. Die Märtyrerkapelle ist einem Ereignis während der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Julian Apostata gewidmet, der in der nord-mesopotamischen Stadt Edessa 50 Nonnen und ihre Äbtissin enthaupten ließ. Jedes Jahr wird im November dieser Märtyrerinnen gedacht.

Bet Denagel
Bet Denagel

Die miteinander verbundenen Kirchen Bet Golgatha und Bet Mikael bilden den geheimnisvollsten Kirchenkomplex in ganz Lalibela. Die Mikael-Kirche steht auf einem hohen Podest, ist fast monolithisch und auf drei Seiten durch einen Graben vom Felsen getrennt. Die fast freistehende Kirche kann nur durch den Südeingang betreten werden, was bisweilen dazu führt, dass die von West nach Ost ausgerichtete Kirche nur als Durchgang zur Golgatha-Kirche benutzt wird. Die Außenwände sind mit Ausnahme von zwei unterschiedlichen Fensterreihen glatt. Von den drei einfachen Türen führt eine in die Golgatha-Kirche. Durch Pfeilerreihen ist das Innere in ein Haupt- und zwei Seitenschiffe unterteilt. Rundbögen verbinden die Pfeiler an den Wänden. Reliefkreuze an den Pseudo-Kapitellen und an der Decke bilden den Schmuck. Die Golgatha-Kirche weist nur eine bearbeitete Fassade auf, nämlich die Westfassade. Sie ist glatt und besitzt nur kreuz- und halbbogenförmige Öffnungen, welche den Kirchenraum mit Licht versorgen. Der Kirchenraum ist durch Pfeiler in zwei Schiffe unterteilt. In den Nischen an den Wänden stehen überlebensgroße Relieffiguren von Heiligen und Aposteln. Eine Tür führt in ein mit einem Bogen versehenes Nischengrab, das symbolische Grab Christi. Es zeigt eine liegende Figur im Hochrelief mit einem Engel darüber in Flachrelief. Nicht weit davon entfernt findet sich das unter einer Steinplatte, über der ein mit Textilien geschmückter Holzsarkophag steht, errichtete angebliche Grab König Lalibelas. Hier werden der Thron des Königs und ein Silberkreuz gezeigt, das ihm gehört haben soll.

Unter der Golgatha-Kirche und mit der Doppelkirche verbunden, für Besucher unsichtbar und nur wenigen Priestern zugänglich, befindet sich eine Krypta, die Selassie- oder Dreifaltigkeitskapelle, ein viereckiger Raum mit einer alleinstehenden Säule in der Mitte, Symbol der Einheit des Glaubens. Die drei aus dem Fels gemeißelten Altäre auf einer Plattform und zwei schlecht erhaltene Reliefs an der Wand sind die einzigen Sehenswürdigkeiten in diesem Raum, der so heilig ist, dass er fast niemals gezeigt wird. Der mittlere Altar trägt ein Relief, das mit vier geflügelten Wesen geschmückt ist. Diese halten ihre Hände wie zum Gebet gefaltet und sollen die vier Evangelien darstellen

Die Nordwestgruppe erreicht man auch vom Westen und trifft dabei in dem Graben zuerst auf »Adams Grab«. Es handelt sich hier um einen großen Steinblock mit einer kreuzförmigen Eingravierung. In früheren Zeiten sollen an dieser Stelle Blutopfer stattgefunden haben. Der Felsblock ist zweigeschossig, im ersten Stock befindet sich eine Mönchszelle, unten der Durchgang zur Nordwestgruppe

Die Ostgruppe

Über eine schmale Holzbohlenbrücke, die über einen Graben führt, gelangt man in die etwas an eine Festung erinnernden Zwillingskirchen Bet Gabriel und Rafael. Der labyrinthartige Grundriss weist drei eckige Hallen mit Säulen und Pilastern auf, die zwischen zwei Höfen eingezwängt sind. Die monumentale Fassade wird von sieben Nischen unterbrochen, deren oberer Teil dem Abschluss der Stelen von Axum ähnlich ist. Zwei Bogennischen besitzen Türen, die fünf restlichen haben Fenster. Das Innere der Gabriel-und-Rafael-Kirche nimmt nur einen Teil der Pfeilerhalle ein. Das einzige Dekor sind drei lateinische Kreuze an der Wand. Auf dem Kirchhof befindet sich eine unterirdische, mit Pfeilern verzierte Zisterne. Eine Skurrilität ist das violette Festgewand des Popen, in welches das Markenzeichen des Spenders Bayer/Leverkusen eingestickt ist.

Bet Gabriel und Rafael
Bet Gabriel und Rafael

Welches der eigentliche Eingang zur Bet Mercurios gewesen ist, entzieht sich der Kenntnis, da sie teilweise zusammengefallen ist. Sie wurde einem frühchristlichen Märtyrer geweiht, der dem christlichen Glauben nicht abschwören wollte und deshalb auf Befehl des Kaiser Julian Apostata geköpft wurde. Man vermutet, dass die Kirche wohl eine Halle für Versammlungen und Bankette gewesen ist, vielleicht handelt es sich auch um ein Justizgebäude, da Glieder von Fußketten für Gefangene gefunden worden sind. Man findet hier drei Stoffgemälde (eines davon 7x3 m) aus dem 13.Jahrhundert. In der Mitte sieht man ein Bildnis der Maria mit dem Christuskind, rechts und links je einen Reiter mit wehendem Mantel. Der Teil einer Pfeilerhalle, der heute als Kirche dient, ist wegen eines teilweisen Einsturzes mit einer Wand aus Tuffquadern geschlossen worden.

Bet Mercurios
Bet Mercurios

Die Bet Emanuel gilt als die schönste Kirche dieser Gruppe. Äußerlich erinnert sie mit ihren vorspringenden und zurückgesetzten Mauern an die Stelen von Axum, auch die asymmetrisch angeordneten Fenster ähneln diesem Baustil. Im Inneren der dreischiffigen Basilika befindet sich eine große Halle mit vier freistehenden Pfeilern und in den Wänden noch einmal vier im Hochrelief. Eine Wendeltreppe führt in das obere Stockwerk mit der Galerie und einigen Kammern. Türen und Fenster sind unregelmäßig angebracht worden. Während der untere Fries im Inneren der Kirche rein dekorativen Charakter hat, besteht der obere Fries aus mehreren Fenstern. Leider musste auch die Emanuel-Kirche eingerüstet und das Dach mit Wellblech überlegt werden, um weiteren Schaden abzuwenden. Die relativ intakte Westseite der Kirche ist jedoch freigelassen worden

Bet Emanuel
Bet Emanuel

Die kleine Abba Libanos im Südwesten des Komplexes ist ein reizvoller Bau, der nur auf drei Seiten frei steht. Von den drei Fensterreihen besteht die obere aus Scheinfenstern, die mittlere besitzt Spitzbogenfenster und die untere »Affenköpfe« sowie eingeschliffene griechische Kreuze. Nur die Fassade, die in gleicher Fläche mit dem Absturz der Felswand liegt, ist unsichtbar. Das Dach ist mit dem Berg verbunden, und die übrigen Seiten sind nicht durch Graben, sondern durch Tunnels vom Felsen getrennt. Neuerdings ist die eindrucksvolle Fassade wegen eindringenden Wassers ebenfalls mit einem Gerüst versehen worden. Eine Besonderheit ist ein kleines mysteriöses Licht in der Mitte der Altarwand, das ständig von selbst leuchtet, vielleicht ein fluoreszierender Stein. An der flachen Decke ist das Traggebälk in Stein nachgeahmt.

Abba Libanos
Abba Libanos

Die Westkirche

Abseits der übrigen Kirchen und 10 Minuten nach Südwesten befindet sich, umgeben von alten Ölbäumen, die schönste der Felsenkirchen Äthiopiens, die auf einer schrägen Felsterrasse gelegene Bet Giyorgis. Der 12 Meter tiefe Graben, in dem sich die Georgskirche befindet, hat senkrechte Wände und kann nur durch einen schmalen Felsgang von der Terrasse aus betreten werden. Zu beiden Seiten des Tunnels liegen Höhlen, Einsiedlerbehausungen und Gräber der Mönche. Wenn man vom Felshang auf die Kirche hinuntersieht, erkennt man auf dem Dach drei ineinanderliegende griechische Kreuze. Der Bau ist auf einem dreistufigen Sockel errichtet, eine siebenstufige Freitreppe führt zum Hauptportal. Der Grundriss hat Kreuzform mit langen Schenkeln. Es gibt zwei Anordnungen von Fenstern, wobei die neun Fenster blind sind. Die zwölf Fenster der oberen Reihe sind spitzbogenförmig und weisen Reliefschmuck auf. Außer Kreuzen an den Decken gibt es sonst keine Dekorationen. Das Allerheiligste, von einer Kuppel überwölbt, liegt höher als der Boden des übrigen Kirchenraumes.

Bet Gyorgis
Bet Gyorgis

Kirchen in der Umgebung Lalibelas

Maultier-Trekking zur Gunnata Mariam
Maultier-Trekking zur Gunnata Mariam

In der Umgebung von Lalibela gibt es noch weitere Felskirchen, die aber nur mühsam zu erreichen sind. Der Besuch der Yemrehanna Kristos erfordert einen sechsstündigen Maulesel-Ritt zum Abuna Yosef Massiv. Zuerst geht es hinab von der Höhe Lalibelas durch das Tal eines Zuflusses des Tekeze River, dann auf der anderen Seite steil hinauf über den Kamm und dann wieder hinab, wo sich in einer Waldlichtung eine Grotte auftut. Eine mannshohe Mauer mit zwei Eingängen riegelt die aus Backsteinen erbaute Grotte ab. In sie hinein sind zwei Gebäude gebaut. Das Streifenmuster aus verputzten Steinen und Holzbalken findet man im Inneren wieder. Allerdings fehlen die »Affenköpfe« in den Mauern. Das Kircheninnere ist mit Einlegearbeiten, Schnitzereien und Malereien geschmückt, die sowohl Tierdarstellungen als auch geometrische Muster zeigen. Das Mittelschiff wird von den beiden Seitenschiffen durch pfeilergetragene Arkaden getrennt. Oberhalb hiervon weist der Bau nur Holz auf, das in Kassettenart geschnitzt und teilweise bunt bemalt ist

Die Kirche Gunnata Mariam liegt abseits der Strecke von Lalibela nach Weldiya und ist äußerst sehenswert. Weil sie in einer Grube am Steilhang aus rotem Tuff liegt, ist sie schon aus einiger Entfernung sichtbar. Sie ist gänzlich aus dem Fels geschlagen worden, ihre Malereien sind jedoch in schlechtem Zustand.

Insignien der Gannata Mariam
Insignien der Gannata Mariam

Von der Gunnata Mariam aus in einem halben Tag zu erreichen ist die Makina Medhane Alem, eine in einer riesigen Höhle geborgene, besonders eindrucksvolle Kirche. Anstelle der üblichen Holz-Stein-Konstruktion sind rote Tuffsteinblöcke zwischen den Lagen aus Bruchsteinen eingefügt, so dass ein Streifenmuster entsteht. Die Kirchenschiffe sind nach Art einer Basilika gebaut, das Satteldach über dem Hauptschiff und die Kuppel über dem Allerheiligsten treten markant hervor. Der islamisch anmutende Deckenschmuck und die Malereien sind schlecht erhalten

Die Bilbala Cherkos ist an drei Seiten durch einen Graben vom Fels getrennt. Die Kirche steht auf einem Podest, der Kirchenraum ist tiefer als die Kirchenschwelle, das Allerheiligste ist wieder erhöht. Charakteristisch für diese Kirche sind die zwei Kuppeln. Geweiht ist dieses Gotteshaus dem Märtyrer Cyriacus, der zusammen mit seiner Mutter den Feuertod erlitt.

Von Woldiya über Dessie, Debre Birhan nach Addis Abeba

Landschaftsbild
Landschaftsbild

Von Woldiya nach Dessie geht es zunächst durch gut bewirtschaftetes Bauernland auf brüchiger Asphaltstraße, dann durch eine Berglandschaft und danach in ein langgestrecktes Tal, in dem sich der Lake Hayk befindet, den man von einer Zufahrt aus sieht. Der See erlangte Berühmtheit durch das Kloster Istifanos, dem Tekla Haimanot vorstand, Wegbereiter für die Wiedereinsetzung der salomonischen Dynastie im 13. Jahrhundert.

Lake Hayk
Lake Hayk

Auf der Weiterfahrt überwindet man wieder eine Steigung und erreicht in einem kleinen Tal am Fuße des Tasa die Ortschaft Dessie. Die Hauptstadt der Provinz Wolo dehnt sich mit ihren Wellblech-Häusern im Hochtal nach unten aus und ist von höheren Bergen mit Eukalyptuswäldern an den Hängen umgeben. Aus dem bedeutenden Handelszentrum und Rastplatz für den Fernverkehr sollen die hübschesten Mädchen Äthiopiens stammen. Dese heißt übersetzt »meine Freude« und wurde von Kaiser Yohannes IV. im Jahre 1882 so getauft, als dort der Große Komet beobachtet werden konnte. Während der Invasion des faschistischen Italien (1935/36) verlegte Kaiser Haile Selassie sein Hauptquartier eine Zeitlang nach Desise

Auf der Straße von Dessie nach Kombolcha
Auf der Straße von Dessie nach Kombolcha

Nur wenige Kilometer sind es von Dessie nach Kombolcha, doch die Straße weist auf ihrem Weg den Steilhang hinab einige scharfe Kurven auf. Die Route bietet zahlreiche schöne Ausblicke am Rand des ostafrikanischen Grabenbruchs und ist von Eukalyptusbäumen und Kakteen gesäumt. Sichtbares Zeichen des Vulkanismus ist der häufige morgendliche Nebel, der von den vielen heißen Quellen herrührt. Man muss auf Rinderherden Acht geben, die oft die Straße versperren. In den Bäumen findet man zuweilen Bienenkörbe für die Honigproduktion.

Kombolcha ist Ausgangspunkt für die Route durch die Denakil Desert nach Asab am Roten Meer bzw. über Bati und Gewane nach Awash. Von Kombolcha geht es durch den Großen Graben, entlang von Baumwoll- und Tabakfeldern. Jetzt beginnt eine öde Ebene, die aber montags von der Volksgruppe der Galla nur so wimmelt, bis wir endlich wieder die Hauptstadt Addis Abeba mit ihrer betriebsamen Hektik erreichen – Lichtjahre weit weg scheint hier das beschwerliche, aber auch ursprüngliche Leben im Rest des Landes.

 

© Rainer Waterkamp