Äthiopien

Meine Reisen

28. Dezember 1987 - 11. Januar 1988 (Trekking zu den Surma)

24. Dezember 1990 - 13. Januar 1991 (Süd-Äthiopien)

1. November 1996 - 22. November 1996 (Nord-Äthiopien)

Literatur

 

Äthiopien, Goldstadt-Verlag, Pforzheim 1999 –ISBN: 3-89550-203-0

Secret Places. 100 unbekannte Traumreiseziele weltweit, Bruckmann, München 2019 (1. und 2. Auflage), Neuauflage 2020. Beitrag »Lalibela«, -ISBN-13: 978-3-7343-1272-4.

Trekking-Expedition in Süd-Äthiopien

Trekking zu den Surma im Südwesten Äthiopiens

Die kleine zweimotorige Maschine, die uns von Addis Abeba nach Tum, einem Örtchen in der Kefa-Region, bringen soll, fliegt so niedrig, dass die Struktur der Erde eindrucksvoll zu erkennen ist. Zunächst liegt ein ausgedörrtes Land in einer großen Flussschleife da unten, dann ist im gleißenden Sonnenlicht die wilde Farborgie einer zyklopischen Hügelkette zu sehen, schließlich schiebt sich über langgestreckte Bergrücken sattes Grün ins Blickfeld. Nur zwei Flugstunden, und wir befinden uns im Gebiet, das der italienische Äthiopienforscher Carlo Conti Rossi einmal „Museum der Völker“ genannt hat. 

 

Tum, Maji

Von Tum geht es mit Maultieren nur noch auf anstrengenden Wanderpfaden südwärts. Die Luft ist angenehm frisch. Im orangefarbenen Licht des späten Nachmittags erstreckt sich ein welliges Hochland, in der Ferne leuchten blauschwarz steile Berge. Nach mehreren Stunden anstrengenden Trekkings auf unwegsamen Pfaden tauchen die ersten Siedlungen auf. Im südlichen und südwestlichen Hochland sind Düngung und Bewässerung weiter verbreitet als im Norden des Landes, so dass intensiv Ackerbau betrieben werden kann. Am Rande des Pfades wühlen einige Landarbeiter mit Ochsenpflügen den Acker um. Im Hintergrund wird eine Hütte sichtbar, wo Kinder unterrichtet werden.

Das Gebiet um Maji ist der Außenwelt noch nicht lange bekannt. Erst im Dezember 1896 wurde es von dem italienischen Afrikaforscher Bottego erreicht, der (dem Kibish River folgend) vom Lake Turkana in Kenia hierher fand. Die Unterkunft besteht von jetzt ab aus Zeltcamps. In Maji findet sich ein steiler Hang, auf dessen Höhe ein verfallener Bau wenigstens bei Mahlzeiten ein wenig Schutz vor dem kalten Wind bietet.

Am Morgen klart es schnell auf, und die Sonne bahnt sich mit ihren intensiven Strahlen den Weg zwischen den Nebelschwaden. Unendlich scheint sich der Pfad hinzuziehen. Durch dichtes Grün feuchter Talniederungen, in denen die seltenen Colobus-Affen toben, geht es wieder bergan. Trekking im äthiopischen Bergland bedeutet, ständig Höhenunterschiede zu bewältigen, denn wenn man in ein Tal abgestiegen ist, geht es auf der gegenüberliegenden Seite wieder auf eine der zahlreichen Hochebenen. Unterhalb der Berghänge mit ihren fruchtbaren Abhängen erkennt man die Siedlungen der Einheimischen. Sanft geschwungene Weideflächen sind teilweise von Getreideanbauflächen umsäumt. An denjenigen Stellen, an denen die Hänge steiler abfallen, hat sich die Natur verschwenderische Pflanzen erlaubt, die in Farbe und Duft um die Gunst der Insekten wetteifern.

 

Corma-Kette und Adicas

Wir tauchen in eine Landschaft von archaischer Schönheit. Immer der Corma-Bergkette entlang geht der Weg durch dichtes Grün. Geisterhafte Berg-Silhouetten im morgendlichen Wolkendunst umgeben uns. Unterhalb der Berghänge mit ihren fruchtbaren Abhängen erkennt man die Siedlungen der Einheimischen. Sanft geschwungene Weideflächen sind teilweise von Getreideanbauflächen umsäumt.

In den feuchten Talniederungen vermag kaum ein Sonnenstrahl das üppige Grün zu durchdringen. Nebelverhangen scheint der Regenwald wie eine Phantasielandschaft von John Ronald Tolkien gemalt. Tief herabhängende Zweige, üppige Riesenfarne, mannshohe Pflanzen und mit Moos bewachsene Steine auf dem schmalen Pfad machen uns das Vorwärtskommen nicht leicht. Der Waldboden schmatzt wie ein Schwamm unter unseren Füßen. Es fängt an, leicht zu nieseln. Wir empfinden dies angesichts der immer recht hohen Temperaturen als angenehm.

Mit geringer Steigung geht es nun noch vier Stunden ständig bergan, bis wir Adicas erreichen. Völlig erschöpft lassen wir uns auf die Erde fallen. Der Ort besteht eigentlich nur aus einer Handvoll Hütten und einer Schule. Vom Rande der Hochfläche reicht der Blick hinunter auf ein vielfach zerschnittenes Tiefland. Von oben sieht es aus wie ein bunter Flickenteppich. Zwei Stunden später kommen die Maultiertreiber mit ihren Tieren und die Träger. Gierig stürzen wir uns auf die Getränke. Während die Begleitmannschaft ein köstliches Abendmahl bereitet, beobachte ich, wie kühl und grau der Nebel aus den Tälern zu uns hinaufsteigt. Schnell senkt sich tiefe Nacht über die Landschaft. Wir hüllen uns in unseren Schlafsack, todmüde schlafe ich sofort ein.

 

Kibish River

Das Trekking am nächsten Morgen beginnt früh, man muss aufpassen, um nicht über die wie Fußangeln querliegenden Wurzeln und glitschigen Steine zu stolpern. Völlig verlorengegangen ist das Gefühl für Zeit und Entfernung. Doch hat sich das von Schreibtischarbeiten verdorbene Auge erst einmal an die Pastellfarben und die Weite der Landschaft gewöhnt, entdeckt man ungewohnte Bilder - eine Affenhorde im Dickicht der Bäume, mit weißen Gesichtsrahmen und weißer Schnauze im sonst vorwiegend schwarzen und glänzenden Fell, eine Vogelschar, die sich kreischend erhebt. Die Hütten der Eingeborenen treten aus dem Grün und Braun der Vegetation konturhaft scharf hervor.

Eingebettet in eine sanfte Bergwelt liegt plötzlich wie eine Fata Morgana der Kibish River vor uns. Am steinigen Ufer sitzen ein paar Kleinkinder, die schreiend vor den Weißen flüchten. Die Hütten der Surma liegen teilweise in den Tälern, von dichtem Grün umgeben und mit Dornbusch-Hecken abgegrenzt. Teilweise kleben sie auch an fruchtbaren Berghängen, Adlerhorsten gleich. Angepflanzt wird hier hauptsächlich Mais und Sorghum, eine Hirseart.

Langsam nähern sich uns einige kräftig gebaute Männer, sie sind nahezu unbekleidet. Einige haben große Holzklötze durch ihre Ohrläppchen geschoben, andere tragen Ringe an den Armen. Alle Köpfe sind bis auf einen Haarkranz kurz geschoren. Die meisten Körper sind bemalt. Fast immer tragen die Männer einen Stock, mit dem sie ihre Streitigkeiten austragen. Diese Donga-Kämpfe können recht brutal sein und bis zum Tode eines Kämpfers führen. Es geht um Heirat, Macht oder Autorität zwischen einzelnen oder Gruppen.

Während die Männer kaum einer Arbeit nachzugehen scheinen, sich aber recht oft mit Imponiergehabe als Streithähne aufführen, tragen die Frauen schwere Bündel aus Brennholz auf dem Kopf von weither heran. Die jungen Mädchen sind teilweise recht hübsch, zeigen auch noch nicht die Verunstaltungen der Lippen.

Zögernd erscheinen jetzt auch einige Frauen. Sie tragen runde Lippenscheiben, die gelegentlich auch quadratisch sein können. Die Unterlippe wird bei Mädchen im Alter von etwa 15 Jahren durchbohrt. Im Laufe der Zeit werden immer größere Tonscheiben eingelegt. Üblicherweise werden diese Scheiben nur in Gegenwart von Männern getragen. Der Brauch soll zur Abschreckung von Sklavenhändlern entstanden sein, die die Frauen entführten und verkauften. Nach anderer Meinung steht er im Zusammenhang mit Tieren, deren Aussehen sich die Frauen anzugleichen suchten, etwa dem Sumpfläufer oder dem Löffler. 

 

Erlebnisse mit den Surma

Ich habe mich mit einem Mädchen angefreundet. Unsere Gruppe wartet auf den Reiseleiter, ich hocke am Boden und türme ein Steinchen nach dem andern aufeinander, sodass immer mehr Steine einen kleinen Turm bilden. Als dieser zusammen stürzt, beginne ich auf neue. Eine junge Surma-Frau, die mich beobachtet hat, beginnt nun ebenfalls, einen Stein auf meinen zu setzen. Abwechselnd bauen wir nun Stein um Stein unsere Pyramide – immer darauf bedacht, dass sie nicht umfällt. Schnell hat meine Partnerin begriffen, worum es geht und klatscht vergnügt in die Hände, wenn ich die Steinburg umreiße. Sie ist mittlerweile viel geschickter als ich. Von nun an begleitet sie mich mit ihrem Sonnenschirm zu unseren Ausflügen in die Dörfer und schützt uns vor der brennenden Sonne – neidische Blicke meiner Mitreisenden ignoriere ich.

Mehrere ausgedehnte Wanderungen führen uns in den kommenden Tagen auf kaum erkennbaren Pfaden, teilweise durch dichtes Grasdickicht in die Dörfer der Umgebung. Für die körperlichen Strapazen, die vielen Moskitos und Fliegen, die atemberaubenden Steigungen und die nahezu unerträgliche Hitze entschädigt uns die Natur durch einzigartige Ausblicke.

Für das Fotografieren der Surma wird Geld erwartet - und zwar von demjenigen, der ein Foto gemacht hat. Jemand aus unserer Gruppe hat „so im Vorübergehen“ ein Bild von einem stolzen Krieger aufgenommen, aber nicht bezahlt. Der folgt nun unserem Trecker auf Schritt und Tritt und fordert unmissverständlich sein „Honorar“. Mir wird die Sache zu dumm und ich reiche dem Surma den üblichen Geldschein. Doch zu meiner Überraschung lehnt dieser freundlich ab und zeigt auf den „Schuldner“. Er ist erst zufrieden, als dieser den Betrag überreicht. Es ist uns allen eine Lehre und zeigt den Stolz dieser Menschen, denen es offensichtlich nicht nur um den Geldbetrag geht, sondern um die Ehre. Sehr begehrt sind auch Rasierklingen, die zum Rasieren der Frisuren und zum Durchbohren von Lippen, Ohren sowie zum Fertigen von Schmucknarben benutzt werden. 

 

Corsi und Rückflug nach Addis Abeba

Der Weg zurück ist anstrengend. Der Pfad ist teilweise nass und gefährlich glitschig. Doch dann wird die Luft erfrischend kühl. Der Weg zurück führt entlang kühler Bäche, die mehrmals auf glitschigen, runden Steinen überquert werden müssen, vorbei an Siedlungen im Tal, durch hohes, dichtes Gebüsch und endlos sich erstreckende Graslandschaften hinauf in die kühle Bergwelt nach Corsi. Dieses Dorf inmitten hoher Berge gelegen, ist der richtige Platz, dem Flügelschlag der Geier und Adler nachzusinnen, die über den felsigen Abgründen ihre Kreise ziehen. Im Dorf flackert Feuer auf, und wenige Minuten später heben sich die Bäume und Hütten vom tiefblauen Nachthimmel nur noch als Scherenschnitte ab.

Ein halsbrecherisches Unternehmen ist der Rückmarsch über Maji nach Tum durch ausgeglühte Landstriche, über schlammige Pfade, in einer erbarmungslos heißen Mittagssonne. In Tum wird die Begleitmannschaft mit den Maultieren sowie der bewaffnete Begleiter mit seinem alten russischen Karabiner verabschiedet, dann geht es mit dem Flugzeug in zweistündigem Flug zurück nach Addis Abeba. Beim Blick aus dem Flugzeug erkenne ich im gleitenden Sonnenlicht sattes Grün, das sich über langgestreckte Bergrücken zieht. Die Maschine hüpft zwischen watte-flauschigen Wölkchen. Darunter schiebt sich die wilde Farborgie einer zyklopischen Hügellandschaft ins Bild. Das Rift Valley, der Große Afrikanische Graben, ist gut zu erkennen - Geographieunterricht aus eindrucksvoller Höhe.