Meine Reisen

Auf Kamelhengst "Maikel" in den Dünen von Sam (Rajasthan) 20017

»Ich schreibe euch aus Italien, also

aus eurer Zukunft. Wir sind jetzt dort,

wo ihr in wenigen Tagen sein werdet.

Ihr werdet lachen, ihr werdet Angst

bekommen. Wenn alles vorbei ist,

wird die Welt nicht mehr die sein, die

sie davor war«.

Die Schriftstellerin Francesca Melandri

in einem Leserbrief am 17. März 2020

im SPIEGEL.

 

Tourismus während und nach der  Corona-Zeit

 

Viele Reiseunternehmen, Hotels und Gaststätten, Reisebuch-Verlage und Flugunternehmen wird es nach Corona nicht mehr geben - so viel scheint sicher. Dies betrifft nicht nur Deutschland sondern die ganze Welt, besonders diejenigen Länder, die am Tourismus verdienten, deren Wirtschaftsleistung von ihm abhängen. Die viel beschworene Solidarität wird es auch in dieser Frage nicht geben, zu unterschiedlich sind die Verhältnisse in den touristischen und den nicht von den Urlaubswellen betroffenen Regionen. Ist dies gesamtgesellschaftlich nun schädlich oder bietet es die Chance zum Neuanfang und Umdenken? Bildet reisen tatsächlich oder bestärkt es eher Vorurteile? Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass ferne Länder zwar für weite Bevölkerungsschichten immer erreichbarer wurden, die Kulturkreise dem Urlauber meist jedoch ebenso fremd blieben wie zuvor. Darüber wird zu sprechen sein. Nicht selten wurde für Reisen in die »unberührte Natur« geworben, womit deren Unberührtheit im selben Moment dahin war. Allerdings hat der Tourismus auch bewirkt, dass Naturschutzparks entstanden und kulturelle Bräuche bewahrt oder sogar wieder entdeckt wurden. 

Mit der Pandemie gab es neben den unbestreitbar verheerenden zwischenmenschlichen und geschäftlichen Auswirkungen auch durchaus begrüßenswerte Aspekte: nahezu menschenleere Strände, an denen man sich tatsächlich erholen und die Natur genießen hätte können. Ob allerdings Plexiglas-Kabinen am Strand in Zukunft, wie angeblich geplant, wirklich der Verständigung zwischen den Völkern und der Kommunikation dient, bleibt zweifelhaft. Dafür scheint sich eine Tendenz zu "autarkem Reisen" abzuzeichnen: Ferienwohnungen, Campingmobile und Hausboote liegen im Trend.

Vorher kaum denkbar, war jetzt Realität: Kein riesiges Kreuzfahrtschiff hing drohend vor Venedig und überschwemmte die kleine Stadt mit Massen von Touristen. Doch die Leere der Straßen kann auch bedrohlich wirken, wenn Shopping-Touristen ausbleiben, und das nicht nur wirtschaftlich, sondern auch psychisch. Und das unabhängig davon, dass Kreuzfahrtriesen auch schon vor dem Pandemieausbruch ein Beispiel für ökologisch fragwürdiges Reisen waren. Immerhin erinnerte man sich an den Reiz der Innenstädte ohne Autolawinen mit allen negativen Folgen der Abgase, wenn man die Avenidas hübscher Städte entlang wandern und die Sehenswürdigkeiten ohne Hast bewundern kann, ohne von Lärm und Andenkenverkäufern belästigt zu werden. Die Städte könnten also ihre liebenswerten Seiten zurückgewinnen. 

Ob Flugreisen jemals wieder ein vergnügen sein werden, wenn Passagiere ihre Atemschutzmasken tragen und ihre Körpertemperatur mit einer Wärmekamera messen lassen müssen, ist ebenfalls fraglich - auch wenn weitere Sitzentfernungen von Vorteil sein mögen. 

Was sich Hotels und Restaurants einfallen lassen werden, um ihre Gäste "kontaktlos" zu bewirten, bleibt in ihren Auswirkungen ungewiss zumal fraglich ist, ob die geringere Auslastung auf Dauer auch wirtschaftlich rentabel sein kann. Ein glücklicher und sorgenfreier Urlaub zumindest dürfte auf diese Weise für die meisten Reisenden wohl eher nicht garantiert sein, auch wenn ein Mindestabstand auch seine Vorteile haben kann.

Wahrscheinlich werden langfristig die Preise für Reisen steigen - es wird weniger Platz je Reisender vorhanden sein. Un zwar nicht nur wegen der vorgeschriebenen Abstandsregeln, sondern auch wegen der nur begrenzt verfügbaren nah erreichbaren Reiseziele. Weniger Gäste müssen der geringeren Umsatz ausgleichen. Auch werden Fluglinien wie viele Einreisebehörden  einen Impfpass verlangen, in dem die Impfung gegen das Corona-Virus enthalten ist.

Insbesondere Fernreisen werden wohl wieder ein Privileg der oberen Zehntausend werden wie in den zwei Jahrzehnten der Nachkriegszeit, da sich viele die teuren Flugtickets nicht mehr werden leisten können. Die "Demokratie des Reisens" scheint zu Ende zu gehen. Gerade das könnte aber auch eine Chance sein: für den Klimaschutz und die Wegwerfen-Umwelt, aber auch für die Menschen fremder Länder, die vorziehen, in Ruhe gelassen zu werden. Denn wo auch immer der Tourismus regelmäßig einkehrte, setzte ein verheerender Wertewandelt ein mit folgendem Konsumwahn, Prostitutionnund Kriminalität sowie steigender Preisen, zu zwar für reiche Touristen kein Problem bedeuteten, wohl aber für die Einheimischen. Auch die Proklamierung eines "sanften Tourismus" blieb weithin eine Illusion, ökologische Folgen wurden kaum beachtet, trotz manchmal für Langstreckenflüge erhobener "atmosfair"-Abgaben. 

Die Frage wird sich verschärft stellen, ob es wirklich selbstverständlich ist, dass jedermann nach Südafrika oder Thailand gewesen sein muss, und zwar zu einem Spottpreis und mindestens zweimal im Jahr. 

Dieses Lebensmodell mit oberflächlichen Schnelleindrücken einschließlich der Flut von Instagram-Fotos und Selfies vor der Kulisse weltbekannter Sehenswürdigkeiten könnte hinterfragt werden, zumal die bisherige Erfolgsgeschichte der deutschen Reisebranche wohl unwiederbringlich zu Ende gegangen ist.

Grund genug, sich an die schönen Reisen der Vor-Corona-Zeit zu erinnern, aber auch derjenigen meiner Reiseführer zu gedenken, die mittlerweile tragisch ums Leben gekommen sind, als da sind Willy Zingg (Reiseleiter in Botswana, in den Alpen am 10. Juli 1994 abgestürzt), Juan Quesada von Hidalgo-Tours in Bolivien (verunglückt im August 2009 zwischen Uyuni und Potosi) sowie Joachim Kuxdorf und Wilhelm Tellez (ermordet am 22. Juli 1992 in Peru von der Terrororganisation Sender Luminoso).