Film und Fernsehen der DDR

Rainer Waterkamp übernimmt die Leitung  des Referats »Film, Bild, Fernsehen« in Bonn und wird ausgerechnet vom Referatsleiter für die Abwehr der DDR-Spionage und Überläufer Hansjoachim Tiedge sowie Klaus Kuron (IM Berger, der für den Geschäftsbereich des Bundesministers für innerdeutsche Beziehungen zuständig ist, sicherheitsüberprüft - beide arbeiten für die Stasi der DDR.  [12] Zum Referat gehört ein umfangreiches Bildarchiv, in dem Bilder aus dem Lebens- und Arbeitsalltag der DDR, Aufnahmen aus der deutschen Geschichte (siehe »Deutschland 1945-1949. Eine Bilddokumentation des Gesamtdeutschen Instituts«, Bonn,  o.J.) sowie Dia- und Bildmaterialien von Städten und Landschaften der DDR bzw. aus den neuen Bundesländern gesammelt werden. Aufträge werden ab 1988 mit Listen zu fotografierender Motive (Gebäude, Denkmäler, Sehenswürdigkeiten) insbesondere an Gert Koshofer (geboren 1936), dem Generalsekretär der »Deutschen Gesellschaft für Photographie« erteilt, [13] Bildmaterialien zu deutschlandpolitischen Ereignissen stellt insbesondere Karl-Heinz Jürgens (geboren 1948) von der Bildagentur »Jürgens Ost+Europa Photo« zur Verfügung. An allen Aufnahmen werden zumeist nichtgewerbliche Nutzungsrechte erworben; die Bildmaterialien stehen für Publikationen als auch für die politische Bildungsarbeit zur Verfügung.

Bei den Film-Materialien des Referats handelt es sich sowohl um Spiel- und Dokumentarfilme der DEFA bzw. des Fernsehens der DDR, an denen Vorführrechte erworben wurden, als auch um Filmproduktionen über die DDR und zur Geschichte der innerdeutschen Beziehungen, die vom Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen bei westdeutschen Filmproduzenten (beispielsweise Allcom, Chronos-Film, Multimedia) in Auftrag gegeben wurden oder in Kooperation mit Fernsehanstalten wie NDR, WDR oder HR entstanden [14]. Sie werden den Landesbildstellen und Landesfilmdiensten, dem Deutschen Filmzentrum, der Arbeitsgemeinschaft Staat und Gesellschaft (ASG) und anderen Stellen für die politische Bildung zur Verfügung gestellt. Darunter befinden sich viele DEFA-Spielfilme wie »Einer trage des anderen Last«, »Märkische Forschungen« und »Die Architekten«. Im Verleihkatalog »Filme zur Deutschen Frage« werden diese Filme der Defa bzw. des Fernsehens der DDR aufgeführt, der nachgewiesene Einsatz in der politischen Bildungsarbeit wird finanziell gefördert. Beigegeben sind jeweils »Begleitmaterialien« als Handreichungen für die medienkritische Arbeit mit den Filmen [15]. Zudem werden im Auftrag des Referats zahlreiche Sendungen des Fernsehens der DDR wegen der besseren Empfangsmöglichkeit von einer Außenstelle des Bundespresseamtes der Bundesregierung in Hannover mitgeschnitten (4.700 Fernsehmitschnitte). Die medienarchivarische Sammlung zum Thema DDR soll als gesamtdeutsches Kulturgut für die Nachwelt  erhalten bleiben.          

Besonders wertvoll sind die Fernsehmitschnitte der »Aktuellen Kamera«, der Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens, die für den Zeitraum vom 17.8.1983 bis 30.4.1991 lückenlos dokumentiert werden [16]. Die Sicherung und Erschließung der DDR-Film- und Fernsehmaterialien erweist sich als  wichtige Aufgabe, denn es stellt sich heraus, dass in der DDR zahlreiche Film- und Fernsehmaterialien »kassiert«, also vernichtet worden waren. So hat der Chefkommentator des »Schwarzen Kanals« der DDR, Karl-Eduard von Schnitzler (1918-2001), nach eigenem Bekunden viele seiner Sendungen löschen lassen, »weil wir die Bänder brauchten« [17].  

Das Bildarchiv mit rund 50.000 Bildmotiven wird nach der Wende in der DDR 1992  komplett mit dem zugehörigen Personal an das Bundesarchiv abgegeben. Dazu gehören auch Dia-Reihen wie »Malerei in der DDR« (50 Farb-Dias) oder 14 Dia-Reihen aus der Serie »Städte und Landschaften in der DDR«. Das gleiche geschieht mit den Dokumentarfilmen (Archvnummern »L«) und Spielfilmen (Archivnummern »S«). Alle Fernsehaufzeichnungen (Archivnummern »FAZ«) von Sendungen der DDR (zunächst in ein Lager in Oedekoven bei Bonn umgelagert) werden in besondere Räume des Bundesarchivs nach Koblenz überführt und Ende 1997 mitsamt der umfangreichen Aktenbestände (Inhaltsbeschreibungen  der Filme, Rezensionen und Verträge sowie Bestandslisten mit den jeweiligen Archivnummern) an das Deutsche Rundfunkarchiv in Berlin-Adlershorst abgegeben. [18]. Erst 1997 werden die Mitschnitte des DDR-Fernsehens vom Sender Freies Berlin in seiner Sendung »Vor zehn Jahren« - zusammen mit den entsprechenden Sendungen der »Tagesschau« - jeweils montags präsentiert. Sie werden vom MDR übernommen und jeweils dienstags gezeigt.  Noch in der Wendezeit wird vom Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen ein Projekt unterstützt, das in Fortführung der DDR-Produktion »Lebensläufe« von Barbara und Winfried Junge drei Filme mit weiteren Porträts (Willy, Marieluise, Winfried) in Hinblick auf Diktion und Verwendung auch für Zielgruppen in den westlichen Bundesländern neu aufbereiten will. Dieses Projekt versteht sich auch als Starthilfe, denn das Interesse an einer finanziellen Förderung solcher Filme ist zu dieser Zeit gering. Es zeigt sich, dass der Zeitgeist generell weitgehend uninteressiert ist an der Aufarbeitung der DDR-Geschichte, was auch die Film- und Fernsehlandschaft einschließt. 

 

Schriftenreihe »Medienberatung«

Rainer Waterkamp plant und konzipiert eine neue Schriftenreihe  »Medienberatung«, die von der Bundeszentrale für politische Bildung - deren Leitung zunächst zögerlich ist im Umgang mit dem kulturellen Ebe der DDR - herausgegeben wird [19].  Die auf der Hand liegende Frage, die auch der Bundesrechnungshof im Jahre 2000 nochmals stellt, wird im politischen Raum nicht diskutiert: »Eine Kompetenz des Bundes für politische Bildung existiert im Grundgesetz nicht«, monieren die Kontrolleure, eine Zuständigkeit der Zentrale sei für dieses Themenfeld »nicht gegeben« [20]..  In der Tat wäre eine Bundesbehörde für »gesamtdeutsche Aufgaben« zur »Förderung der inneren Einheit« sinnvoll gewesen, um »die innere Vereinigung« zu vollenden» [21]. Immerhin können für die neue Schriftenreihe »Medienberatung« Autoren sowohl aus der ehemaligen DDR wie aus der Bundesrepublik gewonnen werden, die kompetente Beiträge liefern. In den Heften findet sich eine dem jeweiligen Thema zugeordnete Aufstellung ausgewählter DDR-Medienmaterialien. Den Heften mit verschiedener Thematik sind Video-Kassetten (»Heimat DDR - Das »sozialistische Vaterland«  in Selbstzeugnissen«, »Scharnhorst«), Musik-CDs (»Die DEFA-Filmhits«), Bildhefte (beispielsweise ein 13 Folien umfassendes Begleitheft über »Frauenidole der Filmgeschichte«), Postkarten (»Heimatbilder der neuen Bundeslände«, »30 Filmplakate der DEFA«) oder Taschenkalender beigegeben  [22].

In die Zeitstimmung der frühen 1990er Jahre passt eine von der Moderatorin Sabine Christiansen (geboren 1957) geleiteten Sendung der ARD-Tagesthemen. Um den Vorwurf revanchistischer Tendenzen im Kalender »Deutschland und Europa« der Bundeszentrale für politische Bildung von 1993 zu untermauern, wird das Titelbild des Kalenders mit der Darstellung des Bonner Rathauses und den Flaggen Deutschlands und Europas ausgetauscht gegen ein Bild von Danzig aus einem der nachfolgenden Monatsbilder. Im Textteil findet sich keine einzige Passage, die Anstoß erregt, auch der polnische Botschafter in der Bundesrepublik sieht keine Veranlassung für eine Intervention [23]. Einflussreiche Publikationen wie »Die Welt«, die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« und auch »Der Spiegel« beteiligen sich nicht an dieser Kampagne. Mit dem Kalender werden alle Schulen in Deutschland beliefert, deren Anschriften von den jeweiligen Kulturministerien der Länder zur Verfügung gestellt werden. Nur das Saarland sendet keine Versandaufkleber und erhält dementsprechend keine Kalender.        

Einzelnachweise

12. vgl. Detlef Kühn: Das Gesamtdeutsche Institut im Visier der Staatssicherheit. Schriftenreihe des Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Band 13, 3. Auflage, Berlin 2011, S.25, 74.

13. Die fünf neuen Bundesländer. Bildportaits. Eine Bilddokumentation des Gesamtdeutschen Instituts, Bonn 1991. "Die etwa 2000 Diaduplikate gingen vom Gesamtdeutschen Institut in den Bestand des Bundesarchivs über" (Gert Koshofer, Wikipedia).

14. "Im Rahmen der Filmarbeit vergibt das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen Aufträge zur Herstellung von Dokumentarfilmen, kauft bereits fertiggestellte Spiel- und Dokumentatrfilme an und kooperiert mit Fernsehanstalten bei der Produktion von Filmen, die im Sinne der deutschlandpolitischen Informations- und Bildungsarbeit zum kostenlosen Verleih angeboten werden" (Bestandsaufnahme der mitteldeutschen Kultur- und deutschlandpolitischen Bildungsarbeit 1985/86, BT-Drucksache 11/3058 vom 05.10.1988, S. 15).

15.  OPAC der Bibliothek der SAPMO-DDR: Satzanzeige.

16Zu den Film- und Fernsehbeständen, die ab 1. Januar 1994 durch das Deutsche Rundfunkarchiv (Außenstelle Berlin) übernommen wurden, zählen Sendungen der  Kindersendung Unser Sandmännchen (Archiv 12.12.1965 - 19.9.1983), Alltag im Westen (im Archiv 23.12.1977 - 13.11.1984), Objektiv (30.12.1965 - 23.3.1990), Ratgeber-Programme wie Du und Dein Garten, Du und Dein Haustier, Gesundheitsmagazin Visite (23.12.1973 - 12.2.1991), das Magazin für junge Ehepaare Sie und Er und 1. 000 Fragen, Die Elternsprechstunde (28.2.1970 - 23.4.1987), das Verkehrsmagazin, die Sendereihe Berufe im Bild (16.9.1977 - 26.7.1990), Antworten - Eine Sendung zu Fragen der Zeit (24.7.1974 - 13.4.1982), Entwicklungen im Alltag (7.4.1981 - 9.10.1982), die Reihe Wettlauf mit der Zeit (9.4.1986 13.10.1989) sowie die Prisma-Reihe (26.5.1966 10.6.1991 im Archiv). Viele Mitschnitte des militärpolitischen Magazins Radar (im Archiv 5.12.1978 - 23.10.1989), der Kindersendung Sandmännchen (12.12.1965 - 19.9.1983) und des Kulturmagazins (19.1.1974 - 15.3.1990) sowie Elf 99 (20.10.1989 - 23.4.1991) sind dokumentiert. Die Sendung Treffpunkt Berlin (erste Sendung 2.5.1956, im Archiv 3.11.1965 - 8.12.1976) unterstand Karl Eduard von Schnitzler und wurde teilweise ebenso aufgezeichnet wie Der Schwarze Kanal (14.8.1961 - 30.10.1989 im Archiv), der kommentierte Ausschnitte aus Sendungen des westdeutschen „Feindprogramms“ enthielt, und zwar nach den Worten ihres Chefkommentators „rücksichtslos und ohne auf irgendwelche Urheberrechte zu achten“. 

17. DDR-Fernsehen intern, Berlin 1990, 2. 282

18Ungenau und teilweise falsch die Darstellung von Matthias Steinle: Vom Feindbild zu Fremdbild, UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz 2003, Anmerkung 53: "Nach einer Zwischenlagerung im Bundesarchiv Koblenz wurde der Bestand dem DRA übergeben, das die - in einem nur als chaotisch bezeichnenden Zustand - 'schlummernden Filmschätze' (Waterkampf, 1996, S. 79) titelmäßig erfasst hat, wobei die Raubkopien der DEFA-Filme vernichtet und die Aufzeichnungen von westdeutschen TV-Sendungen den betreffenden Fernsehanstalten übergeben wurden". Weder gab es "Raubkopien", noch wurden Filme vernichtet, vielmehr wurden Archiv-Filme und Umatic-Kassetten ebenso wie die Original-Ausgangsmaterialien von hergestellten Filmen für die deutschlandpolitische Bildungsarbeit an das Bundesarchiv in Koblenz abgegeben. Von dort gelangten die DDR-Materialien nach Berlin-Adlershorst und wanderten dann an den neuen DRA-Standort nach >Potsdam-Babelsberg.  Auch ist unrichtig, dass das Medienreferat des BMB »im Gesamtdeutschen Institut-Bundesanstalt für gesamtdeutsche Aufgaben (GDI-BfgA), einer nachgeordneten Behörde, angesiedelt war« (Seite 20).

19 "Völlig verludert", in Der Spiegel vom 08.06.1992

20. "Verschwendung auf hohem Niveau", in Der Spiegel vom 01.03.1999

21. Bericht der Bundesregierung zu Stand und Perspektiven der politischen Bildung in der Bundesrepublik Deutschland, BT-Drucksache 12/1773 vom 10.12.1991, Seite 10

22. Rezension "Bild und Heimat" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24.12.1998

23.  In dem Vorwort zum Kalender heißt es: »Nach der Vereinigung wurden Bilder aus den neuen Bundesländern in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt, weil die jungen Westdeutschen noch immer mit Orten und Landschaften östlich der alten innerdeutschen Grenze wenig anzufangen wissen. Zum anderen kann jungen Ostdeutschen auf der Suche nach Identität bewußt gemacht werden, wie eng verbunden Wirtschaft, Politik und Kultur in ganz Europa in der Vergangenheit waren: im Kalender machen dies die Themen europäische Handelswege, deutsches Eisenbahnwesen in der Phase der industriellen Revolution und die Baustile der Backsteingotik und des Barock besonders deutlich. Zudem kann an Beispielen spezieller landschaftlich-kultureller Eigenheiten gezeigt werden, daß religiös geprägte Enklaven (das Eichsfeld) und nationale Minderheiten (die Sorben) im Rahmen des europäischen Einigungsprozesses identitätsstiftende Größen bleiben. Im Unterricht werden sich die vielfältigen Themenkomplexe, die in einem Wandkalender nur knapp angesprochen werden können, in ihren historischen, politischen oder wirtschaftsgeografischen Aspekten vertiefen lassen«. Siehe Beitrag der Bundeszentrale für politische Bildung zur Förderung des Prozesses der deutschen Einheit. Stand: 31. Januar 1997

© Rainer Waterkamp